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Weltmilchtag: Zurück zur guten alten Zeit?

von , am
30.05.2015

Ein Kommentar von agrarmanager-Redakteurin Sabine Leopold zu den Weltmilchtag-Presseaufrufen aus Tierschützer-Kreisen.

Anbindehaltung und Kannenmelken: Zurück in die schöne alte Zeit? © Bundesarchiv
Der Weltmilchtag am 1. Juni wirft seine Schatten voraus. Heute flatterten gleich mehrere Pressemitteilungen aus Tierschützerkreisen bei uns rein. Grundtenor: Kühe gehören auf die Weide und sollten nicht mehr Milch geben als vor 40 Jahren ... damals, als die Nutztierhaltung noch so viel schöner war als heute.
Dass sich die tierschützenden Herrschaften dabei ein bisschen in den Fakten vertun, ist nicht Neues, hat aber durchaus Unterhaltungswert.
 
Vier Pfoten (hier nachzulesen) beispielsweise erklärt: "In Deutschland liegt die durchschnittliche jährliche Milchleistung bei 8.300 kg pro Kuh [...]. Vor 40 Jahren waren es nur ca. 2.700 kg." Vor 40 Jahren, falls Sie gerade nachrechnen, hatten wir 1975. Die durchschnittliche Milchleistung über alle Rassen lag im alten Bundesgebiet damals bei gut 4.000 kg. Wie die Statistikexperten von Vier Pfoten auf 2.700 kg kommen, lässt sich nur raten. Es dürfte sich dabei um die durchschnittliche Milchleistung in der damaligen DDR handeln. Und die lag vor allem deshalb so niedrig, weil auf Grund fehlender materieller Mittel und einer lausigen Futtergrundlage das arme Viehzeug alles andere als artgerecht gehalten wurde. Ich erinnere mich mit Grausen an Jungrinder, die gierig fehlgegorene, buttersäurestinkende Rübenblattsilage in sich hineinschlangen - aus purem Hunger und weil nichts anderes da war. Den Herdenbetreuern hat nicht selten das Herz geblutet, ihre Tiere unter diesen Umständen halten zu müssen. Und dahin wollen wir zurück?

Weiterhin, erklärt Vier-Pfoten-Nutztierexpertin Ina Müller-Arnke, sei es eine Schande, dass Kühe oft bereits im Alter von fünf Jahren geschlachtet werden, während sie doch eine "natürliche Lebenserwartung" von über 20 Jahren hätten. Mal abgesehen davon, dass ich gern einem Rindsrouladen-Essen der Vier-Pfoten-Gourmets aus einer 20-jährigen Kuh beiwohnen würde: Was versteht die "Nutztierexpertin" eigentlich unter natürlicher Lebenserwartung? Kein Rind in freier Wildbahn wird jemals so alt. Im Schnitt stirbt ein Wildrind sogar viel früher als unsere Milchkühe, weil allein unter den Kälbern die Verluste bereits bei 50% und darüber liegen (je nach Nahrungs- und Wassergrundlage sowie nach Raubtierbesatz in der betreffenden Region), was das Durchschnittsalter aller lebendgeborenen Tiere weit nach unten drückt. Was Frau Müller-Arnke meint, ist die maximale Lebensdauer unter menschlicher Obhut. Auf einem Gnadenhof oder im Zoo können Rinder durchaus über 20 werden. Aber das ist eben nicht die natürliche Lebenserwartung, sondern das Modell Ponyhof.
 
Witzigerweise garniert Vier Pfoten diese ganzen Behauptungen mit dem Foto einer pumperlgesunden Schwarzbunten, in perfekter Körperkondition und einem bildschönen festen Euter, das - und das dürfte selbst dem Laien auffallen - die Kuh keineswegs in ihrem natürlichen Bewegungsablauf behindert, wie der Text ebenfalls behauptet. Allerdings steht die Kuh im Melkstand, und dieser technokratische Ansatz allein dürfte wohl bereits kritikwürdig sein. Wo man doch früher so schön mit der Hand gemolken hat ...
 
Und natürlich fehlt auch nicht der Presse neuestes liebstes Kind in der Aufzählung der Verfehlungen deutscher Milchviehhalter: Die ungeliebten Bullenkälber, die nur ein "lästiges Nebenprodukt" seien - ähnlich wie die Legerassenküken, die man gleich nach dem Schlupf tötet. Den gedanklichen Schlenker, dass wohl folgerichtig auch die männlichen Milchviehkälber sofort nach der Geburt um die Ecke gebracht würden, überlässt Vier Pfoten dem geneigten Pressemeldungsempfänger nach dem geistigen Schubs in die gewünschte Richtung dann selber.
 
Im Fazit der Pressemeldung folgt das, was der fachvertraute Leser bereits ahnt: Vier Pfoten empfiehlt, den Weltmilchtag als Anlass zum Umdenken zu nutzen und künftig das Frühstücksmüsli lieber mit pflanzlichen Alternativen wie Hafer- oder Mandelmilch zu wässern.
 
Da hätten wir doch glatt auch einen Vorschlag: Am 4. Oktober ist wieder Welttierschutztag. Nutzen Sie diese Gelegenheit doch, liebe Tierfreunde, und geben Sie fürderhin Ihr gutes Geld nicht für solche fragwürdigen PR-Aktionen aus, sondern für gutes gesundes Essen aus der hiesigen landwirtschaftlichen Produktion. Gern mit Herkunftsnachweis, damit Sie nicht ausversehen kalifornische Mandelmilch erwischen und das für nachhalting und tiergerecht halten.
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