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Zwischen Bedarf und Argwohn

von , am
18.03.2014

Die Landwirtschaft steckt seit einigen Jahren in einer unerfreulichen Spirale fest: Trotz wachsender Weltbevölkerung und damit steigendem Lebensmittelbedarf sorgen in den Industriestaaten die zunehmende Entfremdung vom Land und eine immer weniger wissenschaftsbasierte Politik für Probleme. Das trifft neben den Landwirten vor allem die Pflanzenschutzmittelindustrie – und hier vor allem die wenigen forschenden Unternehmen, denen die Entwicklung und Zulassung neuer Wirkstoffe immer schwerer gemacht wird.

Plakate wie diese dominieren die "Bürgerbewegungen" gegen eine moderne Landwirtschaft. © Mühlhausen/landpixel
Einer dieser Konzerne ist Bayer CropScience. Während einer Pressekonferenz und einer Exkursion diskutierten Pressevertreter und Bayer-Management unter anderem die oben angesprochenen Themen. So beschrieb Geschäftsführer Dr. Helmut Schramm, wie die Entfremdung von der Landwirtschaft vor allem in Ballungszentren wirklichkeitsferne Forderungen entstehen lässt. Zum Beispiel die nach flächendeckend extensiven Anbaumethoden. Die für die weltweiten Lagervorräte allerdings folgenschwer wäre.
{BILD:603986:jpg}Schon jetzt wächst zwar die Getreideproduktion etwa parallel zur Entwicklung der Weltbevölkerung, die schwankenden Ernten lassen die Vorräte aber insgesamt schrumpfen (siehe Grafik).
Trotz insgesamt zufriedenstellender Ernten in den letzten zehn Jahren führten diese Angebots-/Nachfrage-Lücken zu historisch niedrigen Lagervorräten.

Derzeit betragen die weltweiten Vorräte, die in der Stocks-to-use ratio ausgedrückt werden, 20 Prozent. Das bedeutet, dass ohne Nachschub die Vorräte noch 73 Tage ausreichen würden. Angesichts unserer klimatisch und standörtlich ausgesprochen günstigen Bedingungen, die viele Faktoren umfassen wie: stabile politische Bedingungen, ein begünstigtes Klima, gute bis sehr gute Böden, der Zugang zu hochwertigen Betriebsmitteln und nicht zuletzt hervorragend ausgebildete Landwirte – bezeichnete es Dr. Schramm geradezu als Auftrag, die verfügbaren Ackerflächen möglichst produktiv zu bewirtschaften.
 
{BILD:603987:jpg}Deutschland muss seinen Beitrag zur Welternährung leisten. Würde Deutschland stattdessen extensiver oder komplett biologisch produzieren, würde es laut einer Studie von Agrarwissenschaftlern  der Berliner Humboldt-Universität 12,1 Millionen Tonnen Weizen pro Jahr weniger produzieren (Grafik). Diese Menge ernährt die Bevölkerung von Deutschland, Frankreich und Polen zusammen. Natürlich würde deswegen in Europa niemand Hunger leiden müssen. Unsere ökonomische Stärke würde die fehlenden Agrarrohstoffe ohne Schwierigkeiten auf den Weltmärkten besorgen - zum Nachteil ärmerer Regionen, die für uns produzieren anstatt für sich selber.

Entfremdung von der Landwirtschaft

Bild einer idealisierten Landwirtschaft in der Werbung
Was aber sind die Gründe für diese Entfremdung und die wirtschaftsfeindliche Politik von Bundesregierung und EU?

Zwei Einflussfaktoren beschrieb Dr. Schramm: die z.B. in der Werbung gern vorgegaukelte "Idylle auf dem Lande" und - auch nicht selten - ideologisch geprägte Bildungsinhalte. Das führt dazu, dass Pflanzenschutz seit Jahren überwiegend negativ diskutiert wird und eine sachliche, wissenschaftlich abgesicherte Argumentation kaum Gehör findet.

Für die forschenden Pflanzenschutzunternehmen schlägt sich das vor allem bei der Zulassungspraxis nieder. Schon heute spielen die europäischen Märkte bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Produkte eine immer geringere Rolle; Asien hat Europa 2012 als wichtigster Markt für Agrarchemie abgelöst. Für die hier verbliebenen Unternehmen werden die Zulassungsregularien immer weiter verschärft, zuletzt im Jahr 2009. Nirgendwo auf der Welt sind die regulatorischen Hürden für neue Pflanzenschutzmittel höher als in der EU.
 
{BILD:603989:jpg}Das an sich klingt für die Praxis ja noch nicht so schlimm, allerdings hat es dramatische Auswirkungen auf die Zahl der zugelassenen Mittel. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung der Branchenführer für den europäischen Markt sind seit 1989 von 33,3 Prozent auf 7,7 Prozent zurückgegangen (Grafik).

Zulassungsregeln sind Innovationsbremse

Die Hintergründe dieser Tatsachen erklärt erklärt Dr. Jochen Schneider, Leiter Registrierung von Bayer CropScience Deutschland, so: "Es gilt nicht mehr das tatsächliche Risiko, das von einem Pflanzenschutzmittel ausgeht, sondern die mögliche, theoretische Gefahr des unverdünnten Wirkstoffs für Mensch, Tier und Umwelt - unabhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit.
 
Die EU stellt das Prinzip des Paracelsus 'die Dosis macht das Gift' auf den Kopf. "Einige Pflanzenschutz-Wirkstoffe dürfen schon nicht mehr zugelassen werden, wenn sie in konzentrierter Form ungünstige Eigenschaften aufweisen. Diese Ausschlusskriterien ("cut offs") bedeuten eine Abkehr von der bisherigen wissenschaftlichen Risikobewertung.
 
Die neu eingeführte "vergleichende Bewertung" von Pflanzenschutzmitteln macht das Zulassungsverfahren für die Antragsteller unkalkulierbar. Danach sollen eigentlich sichere PSM, die sogenannte "zu ersetzende Wirkstoffe" enthalten, nicht mehr zugelassen werden. Diese Pflanzenschutzmittel durchlaufen also zwei Verfahren: Nachdem im normalen Zulassungsverfahren ihre Sicherheit bestätigt worden ist, werden sie in einem zweiten Schritt mit bereits zugelassenen PSM verglichen. Sollten andere Mittel im Vergleich "besser" sein, wird dem Pflanzenschutzmittel die Zulassung versagt, obwohl es zuvor als sicher bewertet worden ist.
 
Was genau "besser" ist, ist noch gar nicht entschieden.
Davon wird abhängen, wie viele Wirkstoffe und Pflanzenschutzmittel zukünftig noch zur Verfügung stehen. Insgesamt droht der Verlust ganzer Wirkstoffgruppen, mit allen nur denkbaren Auswirkungen auf das Resistenzmanagement.

Meinung statt Wissenschaft

Ein dramatisches Beispiel für die meinungsbildgetriebene Politik in Europa liefert das von der Europäischen Kommission veranlasste Anwendungsverbot für drei Wirkstoffe aus der Gruppe der Neonikotinoide.
 
Nach Überzeugung der PSM-Hersteller ist das Verbot unverhältnismäßig, wissenschaftlich undifferenziert und schädlich für die Landwirtschaft. Schließlich haben langjährige Feldstudien keinen Nachweis erbracht, dass Pflanzenschutzmittelexpositionen für Bienenvölker unter praxisangewandten Bedingungen zu erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten führen oder dass ein Zusammenhang zwischen Bienenkrankheiten und Pflanzenschutzmittelrückständen besteht. Das mehrjährige Bienenmonitoring bestätigt, dass die Bienengesundheit in erster Linie durch die parasitäre Varroa-Milbe beeinträchtigt wird. Bayer CropScience forscht in seinem 2011 in Monheim eröffneten BeeCare-Center gemeinsam mit Imkern und Insektenkundlern an dem Thema. Unter allen Anwendungen nun auch noch ausgerechnet die Beizmethode zu verbieten ist geradezu paradox, ist sie doch ein besonders schonendes und effizientes Verfahren im Pflanzenschutz.
"Die Saatgutbeizung ist der Königsweg des Pflanzenschutzes hinsichtlich der benötigten Wirkstoffmenge, der zielgenauen Anwendung und des Anwenderschutzes", schloss Dr. Schramm. Besonders für den Rapsanbau werde die Aussetzung der Zulassung für die drei Mittel Folgen haben. Denn vor allem dir Florfliege sei ohne sie mit vertretbarem Aufwand nicht zu bekämpfen. Unter anderem aus diesem Grund haben Rumänien und Finnland bereit Ausnahmegenehmigungen ausgesprochen, womit die Anwendung dort weiterhin möglich ist.
 
Die Bayer-Experten werden sich weiterhin für eine Weiter- bzw. Wiederzulassung in zwei Jahren einsetzen. Wobei dann der gesamte Zulassungsprozess von vorn durchlaufen werden muss. Schramm schätzt, dass die Anbaufläche von derzeit 1,4 Mio. ha um 10 bis 25% zurückgehen kann. Das trifft nun wiederum auch die Imker, deren Völker auf die frühe und reichhaltige Tracht der Rapsblüte angewiesen sind.
 
Um die Branche zu gemeinsamen Aktionen zu ermuntern, hat der Deutsche Bauernverband kürzlich die Aktion "Pflanzen ernähren und schützen!" gestartet. Mit einer Aktion auf der Mitmachplattform meine-bauernfamilie.de können sich Landwirte direkt an die EU-Kommissare Janez Potocnik und Tonio Borg wenden.
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