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AT-Fachbeiträge

"Englischunterricht für Fortgeschrittene" aus der AGRARTECHNIK 01/2015

von , am
16.01.2015

Direktsaatspezialist Claydon | In der Schule lernt man alles über England: die Sprache, die Sehenswürdigkeiten und die Lebensweise. Nur über Landwirtschaft und besonders Landtechnik hört man nichts. Deswegen ist es am sinnvollsten Farmer und Maschinenbauer direkt zu besuchen. Die Familie Claydon ist beides.

Jeffery Claydon, genannt Jeff, ist eigentlich Ackerbauer. Zusammen mit seinem Bruder Frank bewirtschaftet er seit 1970 in der englischen Grafschaft Suffolk – etwa 100 Kilometer nördlich von London – eine Farm mit rund 450 Hektar. Bei 160 Hektar Eigentum und Erträgen von durchschnittlich elf Tonnen Weizen pro Hektar sollte man meinen er habe keine Probleme. Allerdings sind die Tonböden dort sehr schwer und bei konventioneller Bearbeitung mit dem Pflug müssen oft fünf oder mehr Arbeitsgänge mit der Kreiselegge folgen, um die Felder in einen einigermaßen saatfertigen Zustand zu bringen. Auf eine gute Frostgare braucht man im milden Klima Englands ohnehin nicht zu warten. Diese konventionelle Wirtschaftsweise war Jeff Claydon zu viel Arbeitsaufwand und mit zu hohen Kosten verbunden. So entschloss er sich in den 1980er Jahren zum Bau seiner ersten eigenen Maschine, einem Schollencracker. Da er diesen erfolgreich in seinem Betrieb einsetzen konnte, startete er 1995 mit dem Verkauf der Geräte. In Großbritannien wurden mehrere hundert Pflüge mit dieser Vorrichtung ausgerüstet. Die Messer mit fünf Zentimeter Reihenabstand schneiden bis zu 15 Zentimeter tief durch die frisch gewendeten Erdschollen, sodass die Kluten auf natürliche Weise zerfallen können.
{BILD:626388:jpg}Erfahrungen im Verkauf von landwirtschaftlichen Geräten hatte Jeff Claydon bereits. Das erste Produkt von Claydon war das 1980 entwickelte Ertragsmessgerät ‚Yield-o-Meter‘, das zur Gründung der Firma Claydon Yield-o-Meter Ltd führte. Jeff Claydon hatte die Vorstellung, ein Ertragsmessgerät zu bauen, das in fast jedem Mähdrescher eingesetzt werden kann und dabei genaue Werte zur geernteten Tonnage aufzeichnet. „Die einfache und dennoch zuverlässige Methode des Ertragsmessgeräts erwies sich als sehr präzise mit einer Abweichung von maximal 0,2 Prozent, erklärt der Erfinder. Das Ertragsmessgerät wurde im Vereinigten Königreich und ganz Europa in viele Mähdreschern, meist Claas, eingebaut. 1995 wurde das Claydon Yield-o-Meter mit der RASE (Royal Agricultural Society of England)-Silbermedaille für das Ertragsmessgerät ausgezeichnet.
 

Striegel als Allzweckwaffe

Die neueste Sätechnik von Claydon ist die Hybrid T.
{BILD:626389:jpg}Normalerweise befassen wir uns in der AGRARTECHNIK weniger mit pflanzenbaulichen Themen. In diesem Fall ist es aber für Landtechnikbegeisterte und speziell für Verkäufer und Berater wichtig etwas über den Pflanzenbau informiert zu sein. Denn nur so lässt sich das Ackerbausystem von Claydon verstehen. Wenn man über das System von Claydon spricht, stellt sich zuerst die Frage, ob es sich um eine Direktsaat im engeren Sinne handelt. Denn genau genommen folgen vor der Saat im Normalfall ein oder mehrere Durchgänge mit dem Strohstriegel. Diese Maßnahme hat vor allem zwei wichtige Aspekte: Das Aufspleißen des Strohs und die Vernichtung des aufkeimenden Unkrauts. Die Strohstriegel, die es bei Claydon in Arbeitsbreiten von drei, 7,5 und 15 Metern gibt, haben 14 oder 16 Millimeter starke, lange und gefederte Zinken, die das Stroh anschlagen, so dass die Struktur beschädigt wird und es besser verrottet. Außerdem fallen bei Arbeitsgeschwindigkeiten zwischen 20 und 25 Kilometer pro Stunde auch Restkörner und Unkrautsamen aus, die dann ankeimen und mit dem nächsten Striegeldurchgang bekämpft werden. Das bereits gekeimte Unkraut reißen die Zinken aus dem Boden, so dass es vertrocknet. Ein Nebeneffekt des Striegelns ist, dass die Nester von Schnecken, die sich gerne unter feuchten Strohhaufen aufhalten, zerstört werden. Außerdem kommen die Schneckeneier an die Luft, wo sie austrocknen und so vernichtet werden. Als großen Vorteil des Striegelns sieht Jeff Claydon auch die geringen Kosten und die hohe Flächenleistung. Mit einer Arbeitsbreite von 15 Metern lassen sich zwischen 100 und 150 Hektar pro Tag bearbeiten. „Der Dieselverbrauch ist mit 1,5 bis drei Liter pro Hektar äußerst gering“, sagt Claydon. „Insgesamt liegen die Verfahrenskosten bei rund fünf bis sechs Euro je Hektar. Mit anderen Bodenbearbeitungsgeräten erreicht man dies kaum.“ Wegen der hohen Arbeitsgeschwindigkeit sollte die Schlepperleis-tung nicht zu gering sein. Für die Dreimetervariante empfiehlt Claydon mindestens 80 PS. Mit 15 Meter Arbeitsbreite sollen es über 180 PS sein. Komfortabel ist, dass sich die Zinken hydraulisch im Winkel und damit der Intensität verstellen lassen. Ein zusätzlicher Vorteil des Striegelns gegenüber einer Bodenbearbeitung mit dem Grubber liegt darin, dass die Feuchtigkeit im Boden erhalten bleibt und die Unkrautsamen nicht vergraben und damit konserviert werden. Als Praxistipp hat Jeff Claydon noch folgendes parat: „Das Striegeln sollte nur erfolgen, wenn auch das Dreschen möglich ist. Dann ist das Stroh trocken genug um es aufzuspleißen und zu verteilen. Bei Feuchtigkeit durch Tau oder gar Regen vermindert sich dieser Effekt stark.“ Außerdem warnt er davor in Panik zu verfallen, wenn sich eine größere Menge Stroh während der Arbeit im Striegel befindet. „Das ist wichtig für eine gute Verteilung. Verstopfungen gibt es nicht. Allerdings darf man am Vorgewende nicht einfach das Gerät ausheben, sonst hat man dort Strohhaufen liegen.“
 

Saat in die Stoppel

Nach dem Striegeln ist das Stroh aufgespleißt und das Unkraut zum auflaufen angeregt.
{BILD:626392:jpg}Landläufig gilt in Deutschland die Meinung, dass mit Direktsaatsystemen weniger Ertrag erzielt wird und diese Art der Bewirtschaftung Schwierigkeiten mit hohen Strohmengen hat. Unabhängige Versuche beweisen beim System von Claydon das Gegenteil. „Seit 2002 setzen wir auf unserer Farm keinen Pflug mehr ein“, sagt Jeff Claydon. „Seit dieser Zeit haben wir im Mittel um etwa zehn Prozent höhere Erträge. Wir glauben, dass dies auf die bessere Feuchtigkeitskonservierung zurückzuführen ist.“ Nachdem die Claydons ihre erste selbst gebaute Sämaschine erfolgreich auf dem eigenen Betrieb einsetzten kamen bald Nachbarn und Freunde, die auch eine solche Maschine wollten. Natürlich gab es in dieser Zeit immer wieder Verbesserungen an den Geräten, so dass mittlerweile die dritte Generation gebaut wird und die Vierte in der Entwicklung ist. Am grundlegenden System hat sich nichts verändert. Vorne an der Maschine laufen tief arbeitende schmale Zinken, die Furchen – je nach Kultur – zwischen 100 und 200 Millimeter Tiefe ziehen. In diesen gelockerten Bereich kann später die Pflanzenwurzel wachsen. Außerdem dienen diese Furchen als kleine Drain­age, die verhindert, dass das Saatgut verfaulen kann.
Nach der Lockerung folgt bei der Getreideaussaat ein 180 Millimeter breites Gänsefußschar. Hinter diesem wird ein Saatband abgelegt. Durch dieses Saatband wird die Fläche besser ausgenutzt als bei herkömmlicher Streifensaat. Der Freiraum zwischen den Saatbändern beträgt 120 Millimeter und dient dazu Luft und Licht in den Bestand zu lassen. Außerdem bleiben hier die Stoppel der Vorgängerfrucht unberührt. Das hat den Vorteil, dass diese als Schutz vor Wind- und Wassererosion dienen und außerdem die Ernterückstände an der Oberfläche verbleiben, wo sie von den Regenwürmern in den Boden gezogen werden können. Neben dem Gänsefußschar für die Aussaat von Getreide bietet Claydon noch Spezialschare für die tiefere Aussaat von Hülsenfrüchten (zum Beispiel Ackerbohnen) und Schare für das Säen von Raps an. Der Saatguttank fasst 1 655 Liter und ist mit einer Dosiereinheit von Accord ausgestattet. Die Maschinen stehen derzeit in drei, vier, 4,8 und sechs Meter Arbeitsbreite zur Verfügung. Pro Meter Arbeitsbreite empfiehlt Claydon rund 50 PS als Mindestleistung des Traktors. Mit der Dreimetermaschine sollen Tagesleis-tungen bis zu 20 Hektar möglich sein. Zur Saatbedeckung gibt es Batter Bords, Striegel oder Andruckrollen. Claydon bietet bei seinen Drillmaschinen noch mehr Optionen. So lässt sich der tiefe Lockerungszinken auch dafür verwenden eine Unterfussdüngung durchzuführen. Dann hat die Drillmaschine einen Tank für Saatgut und einen für Dünger in Form von Granulat oder als Flüssigdünger. Das neueste Projekt von Claydon ist die Entwicklung einer gezogenen Hybridsämaschine, die es ab dem Frühjahr 2015 in sechs und acht Metern Arbeitsbreite geben soll. Der Saat- beziehungsweise Düngertank fasst bei diesen Maschinen insgesamt 5 500 Liter. Eine weitere Neue­rung, die zum Frühjahr verfügbar sein wird ist der Mäusepflug. Denn bei dem System der nicht wendenden Bodenbearbeitung kann es zu einer Vermehrung von Mäusen kommen. Dagegen können dann auch Mäuseköder direkt bei der Aussaat mit abgelegt werden.
 

Hohes Einsparpotenzial

Egal ob schweißen, lackieren oder montieren, bei Claydon läuft alles in Handarbeit ab.
„Wenn es darum geht, einen effektiven Ackerbau zu betreiben, ist eine optimale Rückverfestigung im Bereich der Aussaat einer der wichtigsten Faktoren,“ sagt Jeff Claydon. Deshalb sollte nach seiner Meinung einen Tag nach der Saat ein Arbeitsgang mit einer schweren Cambridgewalze folgen. Diesen einen Tag braucht der Boden um etwas abzutrocknen, so dass sich die Erde besser krümelt. Claydon hat eine Walze mit 12,3 Meter Arbeitsbreite und 600 Millimeter Durchmesser im Programm. Für das 8 400 Kilogramm schwere Gerät sollen sich Traktoren mit 120 PS einsetzen lassen. Beim Bewirtschaften seiner Farm ist Jeff Claydon sehr darauf bedacht die Kosten gering zu halten. So kommt er mit nur einem Traktor (John Deere 8345R, 392 PS Maximalleistung) aus. Im Vergleich mit konventionellen Ackerbausystemen gibt Claydon an, mit seinem System rund ein Drittel der Kosten einzusparen. Außerdem beträgt die Arbeitszeit nur etwa 20 Prozent!
 

Starkes Wachstum

© cr
{BILD:626385:jpg}Rund 50 Mitarbeiter beschäftigt Claydon am Stammsitz im englischen Wickhambrook. 40 davon sind in der Fertigung und Montage der Striegel und Sätechnik tätig. Die Cambridgewalzen bezieht das Unternehmen aus Polen. Von 2009 bis 2012 wurde der Umsatz jährlich verdoppelt. Während er 2008 noch unter einer Millionen Euro lag, erreichte Claydon 2013 bereits 6,5 Millionen Euro. Für den deutschen Markt war der erste große Einstand die Agritechnica 2013. Hier konnte Claydon die Landwirte von seinem System überzeugen, so dass bereits über 40 Maschinen im Einsatz sind. „Österreich ist neben Deutschland ebenfalls ein wichtiger Markt für Claydon“, sagt Axel Behmann, der die Geschäftsleitung für Deutschland inne hat. „In diesen beiden Ländern zusammen erzielen wir bereits zwei Millionen Euro Umsatz.“ Insgesamt stellt er ein großes Interesse und eine steigende Nachfrage fest. Deshalb wurde das Team für Deutschland jetzt auch um zwei weitere Mitarbeiter ergänzt, die sich um den technischen Service und die Ersatzteilversorgung kümmern. „Da die Kundenbetreuung in einem so großen Land wie Deutschland nicht von einem alleine bewerkstelligt werden kann, sind wir auch auf der Suche nach Partnern aus dem Landtechnikhandel“, erklärt Behmann. Allerdings sei es dafür notwendig, dass sich die Verkäufer mit dem System intensiv auseinandersetzen und die Vorteile verstehen und weitergeben können. Mittlerweile vertreibt Claydon seine Produkte in 23 Ländern. Hauptmarkt ist nach wie vor Großbritannien, wo bereits 550 Drillmaschinen im Einsatz sind. Derzeit reicht die Fertigungskapazität für 150 Maschinen pro Jahr. Aufgrund der starken Nachfrage plant das Unternehmen eine weitere Fertigungshalle mit
4 000 Quadratmetern, eine 1 300 Quadratmeter große Schweißhalle und neue Büroräume zu erstellen. (fm)
 
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