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Im Straßenverkehr

Adlerauge sei wachsam

am Freitag, 02.08.2019 - 11:38

Immer wenn Traktorgespanne aus Feldwegen oder Ausfahrten in eine Straße einbiegen, droht Gefahr. Da das Fahrzeug bereits weit in die Fahrbahn ragt, bis der Fahrer freie Sicht nach links und rechts hat, schreibt die Straßenverkehrsordnung ab einem Vorbaumaß von 3,50 Meter einen Einweiser vor, der den Einbiegevorgang absichert. Redakteur Lukas Arnold erläutert, wie und wann Kamera-Monitor-Systeme Abhilfe schaffen und eine lohnenswerte Alternative zur Begleitperson darstellen.

Kamera-Monitor-System

Gerade in saisonalen Arbeitsspitzen passieren – ausgelöst durch Stress und Unachtsamkeit – immer wieder schwere Unfälle in der Landwirtschaft. Meist steht beim Rangieren eines Anhängers bei Rückwärtsfahrt, oder beim Einfahren in unübersichtliche gefährliche Straßenkreuzungen kein sogenannter Einweiser zur Verfügung. Hinzu kommt das unterschätzte Risiko für eben diese Begleitperson, wenn sie sich im für den Fahrer nicht einsehbaren Bereich aufhält. Abhilfe schaffen und den Einweiser ersetzen können sogenannte Kamera-Monitor-Systeme, die heute von vielen Herstellern angeboten werden. Hier sei jedoch anzumerken, dass lediglich geprüfte Systeme die notwendigen Anforderungen erfüllen, um im Straßenverkehr als Ausgleich für ein beeinträchtigtes Sichtfeld eingesetzt werden zu können. Derzeit sind vier Systeme der Hersteller Brigade, Fliegl, Mekra-Lang/Satcomsystems und Motec zertifiziert. Diese sind bei einem Vorbaumaß (Abstand von Lenkradmitte zur vorderen Fahrzeuggespannkante) zum Einsatz kommen – eben alternativ zur Begleitperson. Schnell wird beim Anbau eines Arbeitsgerätes im Frontkraftheber im Zusammenhang mit der Sicht des Schlepperfahrers dieses Vorbaumaß kritisch. Es ist definiert als Abstand zwischen dem vorderen Ende des Frontanbaugerätes und dem sich auf der Mitte des Verstellbereiches befindenden Lenkrads. Ein auftretendes großes Vorbaumaß kann rasch zu einer massiven Sichtfeldeinschränkung des Maschinenbedieners führen. An Einmündungen und Kreuzungen kann eine durch Gebäude, Mauern oder Hecken eingeschränkte Sicht nach rechts und links dazu führen, dass der Querverkehr vom Fahrzeugführer zu spät erkannt wird. Folgenschwere Kollisio-nen sind dann nicht auszuschließen. Oftmals ist dem Anwender nicht bewusst, dass es, gerade an größeren Traktoren, allein durch die Montage eines Frontgewichtes oder eines Frontladers, schnell zu einer Überschreitung des Vorbaumaßes von 3,50 Meter kommen kann.

Durch DLG erarbeiteter Prüfrahmen

Die rechtliche Grundlage für die Prüfung  und Zertifizierung von Kamera-Monitor-Systemen und deren Montage bildet die vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur im Bundesverkehrsblatt in 2016 veröffentlichte Empfehlung für Kamera-Monitor-Systeme für Fahrzeuge mit einer Sichtfeldeinschränkung insbesondere auch durch Vorbaumaßnahmen von mehr als 3,50 Meter. Die Empfehlung des Ministeriums basiert in wesentlichen Teilen aus dem Prüfrahmen des DLG-Testzentrums Technik und Betriebsmittel. Dieser wurde bereits im Jahr 2014 durch die DLG zusammen mit Praktikern erarbeitet und diente den zuständigen Gremien als wichtige Grundlage zur Entwicklung der für den Straßenverkehr rechtlich umsetzbaren Prüfgrundlage.
Auf der Agritechnica 2017 präsentierten die ersten Hersteller dann Systeme, die nach den aktuell gültigen Empfehlungen begutachtet sind und damit die Anforderungen für den Einsatz im öffentlichen Straßenverkehr erfüllen.

Splitscreen

Im Rahmen des DLG-Tech Days auf dem Gelände des DLG Prüfzentrums im südhessischen Groß-Umstadt hat die Firma Fliegl sein System erläutert. Angebracht an einem Krone-Frontmähwerk erklärte Johann Breu, Managment Smart Farming Solutions, das Kamera-Monitor-System. Jeweils links und rechts angebracht, überwachen zwei Frontkameras den Bereich vor und seitlich des Traktors beziehungsweise Frontladers. Das ermöglicht folglich eine optimale Beobachtung des Straßenverkehrs beim Einbiegen in unübersichtliche Kreuzungen. Ein Monitor in der Fahrerkabine zeigt die beiden Bilder in Splitscreen-Darstellung – das bedeutet, dass beide Bilder der Querkamera auf einem Monitor ersichtlich sind – somit werden tote Winkel eliminiert und der Querverkehr sichtbar gemacht. Jeweils 40 Grad beträgt der seitliche Sichtbereich. Innerhalb ausführlichen Testreihen wurden unter anderem die Beständigkeit des Kamera-Monitor-Systems gegen Vibration, Chemikalien und mechanische Belastung, die Objektdarstellung, Bildschirmauflösung, Signalübertragung, Gegenlichteigenschaften und die Ausfallsicherheit untersucht. Traktoreigene Monitore entsprechen heute bezüglich der Auflösung oftmals noch nicht den genannten Anforderungen. „Auf einen Blick kann der Landwirt die vor ihm liegende Fahrbahn nach links und rechts einsehen – das maximiert nicht nur die Verkehrssicherheit, sondern auch den Komfort“, erläutert Johann Breu und ergänzt: „Mit dem Hawk Kameraset sieht der Fahrer, was er sonst nicht sieht –beim Ausfahren aus Gebäuden, Stallungen, Grundstücken und beim Einbiegen in unübersichtliche Kreuzungen sieht er den Seitenbereich weit ein und nimmt andere Verkehrsteilnehmer oder Hindernisse wahr.“ Die Kosten für ein solches Kamera-Monitor-System liegen bei durchschnittlich 2000 bis 3500 Euro. Für den Landmaschinenfachhandel kann der Vertrieb dieser Systeme ein durchaus lukratives Zusatzgeschäft darstellen. Zumindest solange, bis Kamera-Monitor-Kombinationen in großem Stil vom Erstausrüster fest im Schlepper verbaut werden.

Lukas Arnold

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