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Betriebliches Gesundheitsmanagement

Hegen und Pflegen

Nathalie Zapf
Nathalie Zapf, Agrartechnik
am
07.06.2019

Unter dem Dachbegriff BGM versammeln sich alle Maßnahmen, die ein Betrieb in Sachen Gesundheitsvorsorge und Arbeitssicherheit unternimmt. Dazu zählen die gesetzlich vorgeschriebenen Bereiche wie der Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie die Wiedereingliederung von Beschäftigten nach längerer Krankheitspause plus freiwillige Leistungen zur Gesundheitsförderung. Ein Unternehmen, das zukunftsfähig bleiben will, sollte mehr als das gesetzliche Minimum leisten. Ein Bericht von Jörg Rath-Kampe.

Schweißen

Mitarbeiter der Werkstatt des Metallbaubetriebs Drinkuth Groß am Stadtrand von Oldenburg beladen den Wagen, um zur nächsten Baustelle zu fahren – Sicherheitsschuhe und Traghilfen sind im Einsatz. An einer Werkbank schleift ein Geselle ein Gartentor auf Hochglanz – die Augen sind von einer Schutzbrille bedeckt, in den Ohren stecken Stöpsel. So soll es sein, findet sein Chef Christian Groß. Der Metallbau-Meister hat seine Lehre in dem alteingesessenen Handwerksunternehmen absolviert und den Betrieb vor fünf Jahren übernommen. Weil die Sicherheit seiner Beschäftigten für ihn obenan steht, hat er seinen Betrieb für die Schulungsreihe „Metall gesund“ angemeldet, Groß sieht das Projekt als Chance, seinen Betrieb einmal genau unter die Lupe nehmen zu lassen. Am Ende der Weiterbildung sollen alle teilnehmenden Unternehmen ein maßgeschneidertes Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) aufbauen.
„Das Thema ist wichtig für den Verband, weil es wichtig für die Firmen ist“, sagt Karl Lehne, Geschäftsführer des Landesverbandes Metall Niedersachsen/Bremen (LVM) und Geschäftsführer des LandBauTechnik Handwerks- und Handelsverbandes Niedersachsen e.V. Der Verband bietet die Weiterbildung gemeinsam mit der Berliner Gesellschaft für Arbeitsschutz Basiknet an.

Kostenlose Teilnahme

Aufgrund öffentlicher Förderung ist die Teilnahme für Mitgliedsbetriebe in Niedersachsen kostenlos. „Immer weniger Menschen wollen im Handwerk arbeiten. Also müssen wir die, die wir haben, hegen und pflegen – sprich, wir müssen gute Arbeitsbedingungen schaffen und alles tun, damit die Leute gesund bleiben.“
Dazu trägt ein Betriebliches Gesundheitsmanagement maßgeblich bei, davon ist Heike Krüger, Projektleiterin beim LVM, überzeugt: „Es nützt allen, den Vorgesetzten, den Beschäftigten und damit letztlich auch den Kunden.“ Nicht nur Großbetriebe könnten und sollten sich mit dem Thema befassen, sondern auch kleine Handwerksfirmen würden profitieren, ist Krüger überzeugt. Weil aber jeder Betrieb andere Anforderungen hat, entwickeln die Fachleute für jede Firma ein eigenes Maßnahmen-Paket.
Die Frage, wie Belegschaften trotz wachsender Belastungen durch Stress und Arbeitsverdichtung gesund bleiben, werde in Zeiten des Fachkräftemangels immer wichtiger, sagt Michael Meetz, Chef von Basiknet. „Aber viele Betriebe schieben es im Arbeitsalltag gern auf die lange Bank.“

Inhouse-Workshops

Um die lange Bank abzukürzen, finden drei „Inhouse-Workshops“ statt. „Beim ersten Besuch schauen wir uns an, was die Firma bereits in Sachen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz getan hat und wo es noch Lücken gibt“, sagt Krüger. „Daraus werden weitere Maßnahmen abgeleitet. Zum Abschluss ziehen wir Bilanz, wie sich die neuen Maßnahmen bewährt haben, und passen gegebenenfalls an.“
Parallel durchläuft mindestens eine Person aus dem Unternehmen eine betriebsübergreifende Weiterbildung zum Sicherheits- und Gesundheitsmanager. Diese Person soll nach Abschluss des Projektes Gesundheitsprävention und Fragen der Arbeitssicherheit gemeinsam mit der Geschäftsführung koordinieren. So werde das Thema ein Bestandteil der Unternehmenskultur, erläutert Heike Krüger.
Der Erfolg sei messbar, so Michael Meetz: „Für jeden Euro, der für Prävention ausgegeben wird, gibt es im langjährigen Schnitt mehr als das Doppelte zurück.“ Schließlich spart es krankheitsbedingte Ausfalltage, wenn weniger Unfälle passieren und Beschäftigte stärker auf ihre Gesundheit achten.
Oft ist ein hoher Krankenstand der Auslöser, warum ein Betrieb sich um eine Beratung bemüht, weiß Manuela Nagel von der IKK classic. Die Krankenkasse bietet eine eigene BGM-Beratung an und kooperiert mit dem Landesverband im Rahmen des Weiterbildungsangebots „Metall gesund“. Manchmal hat auch Inhaber oder Inhaberin am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie eine Krankheit das Leben aus der Bahn werfen kann, sagt Nagel: „Wenn der Chef nach einem Bandscheibenvorfall flach liegt, steht der Betrieb still – da kommt man ins Grübeln, wie sich so etwas durch Vorsorge verhindern lässt.“
Skelett und Gehör sind zahlenmäßig immer noch die größten Problembereiche in den Handwerksberufen. So ist die Lärmschwerhörigkeit bundesweit im Metallhandwerk mit großem Abstand häufigste Berufskrankheit.

Gefahren beurteilen

Aber andere Krankheiten sind auf dem Vormarsch. Seit einigen Jahren ist es Pflicht, auch psychische Belastungen in die Gefährdungsbeurteilung aufzunehmen. Das habe viel bewirkt, stellt Martin Prüße von der Berufsgenossenschaft Holz und Metall fest: „Wenn ich Seminare zu dem Thema gebe, kommt oft die Frage, wo denn meine Couch steht, da ich studierter Psychologe bin. Aber um Psycho- analyse geht es in den Seminaren nicht, sondern um gute Kommunikation und klar geregelte Abläufe. Alles Elemente einer Unternehmenskultur, die Gesundheit und Sicherheitsaspekte berücksichtigt.“
Wichtig ist ein Gesundheitskonzept auch als Signal an die Beschäftigten zum Zeichen,  dass der Arbeitgeber sie und ihre Sorgen ernst nimmt, stellt LVM-Geschäftsführer Karl Lehne fest: „Beschäftige, gerade die Jüngeren, fordern heutzutage Gesundheitsschutz ein. Wir alle rechnen damit, dass wir älter werden, und dieses höhere Alter wollen wir gesund erleben. Wenn im Betrieb Belastungen gefordert werden, die unnötig sind, weil es technische Hilfen gibt, ärgert das die Leute.“
Dass die Resonanz auf das Weiterbildungsangebot groß ist, hat auch Koordinatorin Heike Krüger festgestellt: Kurz nach dem Start im Herbst 2018 gab es bereits die ers-  ten Anmeldungen von Betrieben. Das Projekt läuft bis September 2021. „Metall gesund – Betriebliches Gesundheitsmanagement im Metallhandwerk“ wird im Rahmen der ESF-Sozialpartnerrichtlinie „Fachkräfte sichern, weiterbilden und Gleichstellung fördern“ durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und den Europäischen Sozialfonds gefördert. Die Richtlinie ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände und des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Jörg Rath-Kampe

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