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Editorial der AGRARTECHNIK 01-2016

Platzt die Landtechnik-Struktur?

mm/Agrartechnik
am
18.12.2015

Dieter Dänzer, Chefredakteur der AGRARTECHNIK, widmet sich in seinem Editorial der Januar-Ausgabe der EU-Verordnung 167/2013. Vor allem der RMI-Passus hat das Potential, die komplette Service-Struktur in der Land- und Baumaschinentechnik zu revolutionieren.

Liebe Leserinnen und Leser,

unterschiedlicher kann eine Bewertung gar nicht ausfallen, wenn zwei „Lager“ die gleiche EU-Verordnung interpretieren, und zwar die Typgenehmigung 167/2013 für landwirtschaftliche Fahrzeuge. Als Stein des Anstoßes gilt der Mitte des letzten Jahres vorgestellte Norm-Entwurf DIN 16944:2015-12 – in Fachkreisen wird nur vom RMI-Entwurf gesprochen. Darin werden die einschlägigen Anforderungen an die Hersteller konkretisiert, um „unabhängigen Wirtschaftsakteuren“ einen diskriminierungsfreien Zugang zu Reparatur- und Wartungsinformationen (RMI) sowie Informationen über On-Bord-Diagnose(OBD)-Systeme zu ermöglichen.

Den EU-Gremien geht es um einen fairen Wettbewerb zwischen Herstellern und zwischen Wirtschaftsakteuren. Damit soll wiederum die Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit von Unternehmen gestärkt werden – mit besonderer Berücksichtigung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Für ein besseres Funktionieren des Binnenmarkts, insbesondere hinsichtlich des freien Warenverkehrs, der Niederlassungs- und der Dienstleistungsfreiheit sei vor allem ein nicht diskriminierender Zugang zu den für die Fahrzeugreparatur notwendigen Informationen notwendig. Es wird deshalb ein standardisiertes Format gefordert zum Auffinden technischer Informationen und ein wirksamer Wettbewerb auf dem Markt für Fahrzeugreparatur- und -wartungsinformationsdienste. Ein großer Teil dieser Informationen betrifft im Übrigen Systeme für die On-Board-Diag­nose und ihr Zusammenwirken mit anderen Fahrzeugsystemen. Es sei angebracht, technische Spezifikationen für die Bereitstellung solcher Informationen auf den Internetseiten der Hersteller festzulegen, sowie zweckmäßige Maßnahmen zu ergreifen, um einen angemessenen Zugang für kleine und mittlere Unternehmen sicherzustellen.

Die Händlerseite interpretiert die EU-Verordnung 167/2013 jedenfalls als eine „Bombe“, da sie analog zur Kfz-Branche den exklusiven Fabrikats-Service revolutionieren werde. Davon ist zumindest Neofitos Arathymos überzeugt, der Geschäftsführer Technik, Sicherheit, Umwelt im Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe und RMI-Beauftragter von CLIMMAR, dem europäischen Landtechnikhändler-Dachverband – einer der Hauptredner der LTU 2016.

Im Kraftfahrzeugsektor müssen ja bekanntlich die Hersteller bereits seit etlichen Jahren auch freien Werkstätten – also den „unabhängigen Wirtschaftsakteuren“ – die gleichen Informationen wie Vertragshändlern hinsichtlich der Wartung und Reparatur von Fahrzeugen zur Verfügung stellen, um Wettbewerbsbehinderungen im Servicebereich zu verhindern. Diese Anforderungen wurden inhaltsgleich in die Vorschriften für landwirtschaftliche Fahrzeuge übernommen.

Dabei sei unberücksichtigt geblieben, dass die Rahmenbedingungen im Servicebereich für Kraftfahrzeuge völlig andere sind, als in der Landtechnik, moniert die Herstellerseite vehement. Wobei sie sich von der Verordnung nur marginale Verbesserungen erwarte, und es sich ansons­ten überwiegend um Bürokratie handle. So ist es jedenfalls in einem Referat des VDMA Verkehr zu lesen. Die wichtigsten Vorteile der Verordnung seien, dass endlich moderne Bremsenvorschriften in Sicht seien und jetzt Rechtssicherheit bestehe hinsichtlich der Abgrenzung zur Maschinenrichtlinie.

Einzelne, direkt auf den RMI-Norm-Entwurf (Standardized access to repair and maintenance information) angesprochene Hersteller merken an, dass die Umsetzung der Verordnung für sie Chancen berge. So könne beispielsweise das eigene Ersatzteilgeschäft ausgeweitet werden, weil dann die bis dato markengebundenen Händler die Ersatzteile für Fremdfabrikate nicht mehr gezwungenermaßen bei den Grossisten bestellen müssten.

Wenn die eine Seite von Bombe spricht, die andere Seite jedoch abwiegelt und von eigenen Chancen spricht, dann müssten bei jeder Leserin und jedem Leser jetzt ganz laut die sinnbildlichen Glocken läuten! Alleine aus Platzgründen lassen sich hier im Editorial die möglichen Konsequenzen natürlich überhaupt nicht aufzeigen, deshalb nur zwei Fragen, die sich alle stellen sollten im Zusammenhang mit der Umsetzung der Verordnung: Wird dies wie in der Kfz-Branche geschehen zu vielen „Freien Werkstätten“ führen, zu Ein-Personen-Scheunen-Werkstätten, die mit Stundenverrechnungssätzen zwischen 30 und 40 Euro agieren, weil sie keinen Kapitaldienst aufbringen müssen für einen vom Hersteller aufgezwungenen Prachtbau nach dessen CI-Richtlinien? Werden die Hersteller ihre Vertriebspartner dadurch schützen, dass sie die Zugangs-RMI-Richtlinien so formulieren, dass sie nur die wirklich professionellen Fachbetriebe erfüllen können – aber führt dies dann nicht automatisch dazu, dass nur noch die ganz „Großen“ diese Hürden meis­tern können und die „Kleinen“ auf der Strecke bleiben?

Ob diese und weitere Fragen schon auf den Landtechnischen Unternehmertagen beantwortet werden, kann ich Ihnen nicht versprechen, aber eines definitiv, nur die Teilnehmer erhalten die Informationen aus erster Hand. Nur diese sind damit also in der Lage unmittelbar die Weichen für die Zukunft ihres Betriebes zu stellen, egal wie klein oder groß dieser ist.

Ihr
Dieter Dänzer,
Chefredakteur AGRARTECHNIK

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