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Betriebseportage

Familiebetrieb Neurauter ist dem Himmel näher als dem Tal

Dieser Artikel ist zuerst in der Braunvieh erschienen.

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Neurauter Klarissa österreich braunvieh
Der Stolz der beiden Züchter Alois (l.) und Matthias Neurauter ist die Payssli-Tochter Klarissa, die aus einer hochdekorierten Linie stammt. © Florian Maucher
von , am
29.09.2017

Die Familie Neurauter bewirtschaftet den höchsten Braunviehzucht-Betrieb Österreichs. Auf 1800 m Höhe gibt es viel Gestaltungsfreiraum, aber auch eine Menge Beschwernisse.

Serpentine um Serpentine schlängelt sich der steile Weg vom Ötztal hinauf in Richtung der im Winter so beliebten Skigebiete. Doch die Liftanlagen sind verwaist und die Skifahrer wurden längst durch die Rinder auf den Weiden vor den markanten Gipfeln von Hinterer Grieskogel, Hochwanner oder Schafzöllen abgelöst.

Zwei Kehren oberhalb des Wintersportortes Ochsengarten-Hochötz zweigt eine steile Stichstraße hinauf zum Gasthof Marlstein ab. Dort endet – auf über 1800 m Höhe – die asphaltierte Fahrstraße endgültig. Lediglich ein eingezäunter Viehtriebweg führt weiter in die Berge und in Richtung des Kühtais.

Bergwärts steigen die Weideflächen steil an, unterhalb der Gebäude fallen sie ebenso steil ab. Hier lebt und arbeitet Familie Neurauter. Neben der Landwirtschaft betreiben Neurauters ein Hotel mit 54 Betten. Zehn Familienmitglieder arbeiten in und um das Hotel herum. "Ohne die Landwirtschaft hätte sich das aber nie so entwickelt und ohne das Hotel würde es auch die Landwirtschaft hier oben nicht mehr geben", stellt Matthias Neurauter klar.

Betrieb über Generationen

Neurauter Laufhof braunvieh österreich
Den Laufhof von Familie Neurauter können die Tiere regelmäßig nutzen. © Florian Maucher

Der 32-Jährige hat den landwirtschaftlichen Betrieb bereits im Jahr 2004 von seinem Onkel Alois übernommen. Zwölf Kühe und 22 Stück Jungvieh hält der Betrieb im hellen und luftigen Anbindestall mit Heubergehalle und Laufhof. Bereits der Onkel war leidenschaftlicher Braunviehzüchter und so stehen die Nachfahren aus dessen Zucht noch heute im Stall.

Auch die Begeisterung für das Ausstellungswesen hat er sich bei seinem Onkel, der auch als Preisrichter aktiv war, abgeschaut. Vier Schauen besuchte der ambitionierte Züchter bisher allein im Jahr 2017. Darunter das Jungzüchter-Championat in Imst im Januar, bei der er einige vordere Platzierungen erreichen konnte, die Austrian Dairy Show in Traboch in der Steiermark und die Braunvieh-Landesschau im April in Imst: "Da habe ich mit Payssli Klarissa einen Klassensieg geholt", freut er sich über das gute Abschneiden seiner Erstmelkkuh, die auf die Landessiegerin Starbuck Kranz und deren Mutter, Bundessiegerin St. Improver-Tochter Krone, zurück geht. Aus der 100.000-Liter-Kuh Kranz ging auch der Erbwert-geprüfte Stier Paradise (V: President) hervor, auf dem heute fast die gesamte Braunviehherde der Neurauters basiert.

Engangiert auf Schauen

Neurauter hof braunvieh österreich
In spektakulärer Aussichtslage befindet sich der Hof der Familie Neurauter. © Florian Maucher

Für den jungen Landwirt sind schöne Kühe ein Ansporn für seine Arbeit: "Die Landwirtschaft ist derzeit nicht so rosig, der Milchpreis und die Fördergelder erzeugen bei mir kein Stimmungshoch. Der Ausgleich für mich sind dafür die Schauen – wenn man da Erfolg hat, macht es richtig Freude." Für den Erfolg investiert er viel: "Mit einmal Scheren und Waschen ist es heute nicht mehr getan", stellt er klar. Seine Schautiere werden separat gehalten und gefüttert: »Die bekommen grobes Heu und etwas Eiweißfutter dazu, damit sie ins Ausstellungskleid kommen.«

Zudem werden die Tiere das ganze Jahr im Freien mit überdachtem Unterstand gehalten, damit sie ein feineres Haar kriegen. Vor den Schauen werden sie im Vier-Wochen-Rhythmus geschoren. "Wir halten und versorgen die Tiere ungefähr zwei Monate auf Ausstellungsprogramm. Alles was ich tun kann, will ich tun", lässt er keinen Zweifel an seinem Ehrgeiz. Der begeisterte Züchter hält auch einige Holsteins, mit denen er an Schauen teilnimmt.

Zucht mit Blick auf Schweizer Genetik

Neurauter euter braunvieh österreich
Größter Wert auf Euterqualität (v. l.): Payssli Klarissa, Payoff Tamina und Moiado Verena. © Florian Maucher

Für beste Nachkommen im eigenen Betrieb sorgen aktuell der Exterieur-Vererber Jongleur und Calvin, Euterspezialist Biver, der italienische Vererber Solaris und Modestier Genox-Boy, von dem er noch keine Kühe, aber bereits sehr schöne Rinder mit viel Tiefe und guten Becken gesehen habe. Sichtbar ist sein Hang zu Schweizer Genetik: "Aus Deutschland kommt die Milch, aber wer schöne Kühe will, kommt an Schweizer Stieren nicht vorbei, auch wenn man bei denen die Milchmenge mehr beachten muss. Tiere mit Schweizer Vätern lassen sich hier besser verkaufen."

9129 kg Milch bei 3,82 % Fett und 3,55 % Eiweiß leistet seine Braunvieh-Herde. "Mit den Inhaltsstoffen bin ich im Moment nicht zufrieden, weil das Grundfutter schon etwas alt war im vergangenen Jahr." 13 ha bewirtschaftet der Betrieb auf 1500 bis 1800 Höhenmetern, die sich allesamt in Zone 3 und 4 befinden: "Wir haben nur vier Hektar, die man mit dem Traktor mähen kann. Und selbst die schönsten Flächen geben nicht mehr her als zwei Schnitte." 40 Prozent des benötigten Futters muss der Betrieb deswegen zukaufen. Seit dem vergangenen Jahr hat der Rinderhalter die Milchviehfütterung auf Heu umgestellt: "Jetzt sind sie fitter und haben weniger Ketose und Stoffwechselerkrankungen", stellt Neurauter fest.

Vermarktung eigner Produkte

Der Landwirt verarbeitet rund die Hälfte seiner Milch selbst und beliefert mit seinen Produkten umliegende Hotels sowie die eigenen Gastbetriebe. Eigens dafür hat er sich neben dem Stall Räumlichkeiten geschaffen, in denen er die jährlich rund 30.000 Liter Milch pasteurisiert und zu Natur- und Fruchtjoghurt sowie Butter verarbeitet. Die nicht selbst vermarktete Milch liefert er zweitägig an die Tirol-Milch. Rund acht Kilometer muss er dafür zur Milchsammelstelle ins Tal fahren. Bis zu einer dreiviertel Stunde kostet ihn der Weg im Winter. Drunten muss er dann auf den Milchwagenfahrer warten und hoffen, dass der auf seiner Tour möglichst nach Zeitplan unterwegs ist – sonst heißt es Geduld haben oder Besorgungen machen, um den Tank dann auf dem Rückweg wieder anzuhängen. Und dann geht es wieder hinauf – Serpentine um Serpentine, bis die Straße endet.

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