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Kommentar

Breit streuen, viel testen und Kuhfamilien beachten

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am Dienstag, 29.09.2020 - 08:13

In dem Wort Zuchtwertschätzung steckt das Wort ›Schätzung‹. Je geringer die Sicherheit ist, desto eher können sich die Werte ändern. Die genomischen Zuchtwerte geben Hinweise auf die voraussichtliche Vererbung. Bei vielen Stieren passt die Vorhersage schon gut, ein Teil weicht nach dem Auflaufen der Töchterleistungen stärker ab.

Größere Zuchtwert-Änderungen bei einigen Tieren und Merkmalen wird es auch künftig geben. Zum Beispiel wenn man am System etwas verändert, wenn nächstes Jahr das Single-Step-Verfahren eingeführt wird oder einfach wegen der geringeren Sicherheit der genomischen Stiere.

Auch in der aktuellen Schätzung haben sich einzelne Stiere nach dem Abkalben ihrer Töchter ziemlich nach unten bewegt. Die Genetiker weisen schon lange darauf hin, dass man bei den genomischen Stieren breit streuen, dass man einzelne nicht zu stark verwenden und dass man die Zahl der KB-Stiere nicht zu stark senken sollte. Die Chance, den ›wirklichen‹ Topstier zu finden steigt, wenn viel typisiert und viel geprüft wird.

Einzelne Genomstiere und ihre ›heißesten‹ Söhne laufen enorm stark: Von einigen Jungstieren werden 5000 Kuhkälber geboren oder 20 Söhne geprüft, bevor sie selbst Töchter in Milch haben. Wenn so ein Stier ›daneben geht‹, hat das große Auswirkungen. Einige Stationen haben reagiert, sie nehmen auch noch gut laufende Genomstiere nach einer gewissen Zeit aus dem Standardprogramm, um das Risiko zu reduzieren. Und um Platz zu machen für andere Stiere.

Die Zuchtwerte von Altbullen sind sicherer als die der genomischen. Bedenklich wird das, wenn die genomischen Zuchtwerte nicht nur zum wertvollen Hilfsmittel, sondern fast zur ›Religion‹ werden, zum scheinbar einzig relevanten Selektionskriterium. Und wenn ein Genomstier so eingesetzt wird, als wäre er sicher geprüft.  

Ein anderer Punkt ist die Beachtung von Kuhfamilien. Vererber wie Vassli, Cadence, Vanpari, Vintage, Dane, Fact, Arrow oder Anibay haben sich mit ihren Töchtern überwiegend bestätigt. Sie stammen aber auch aus starken Kuhfamilien. Hier wurden die ›zwei Welten‹ vereint – ein bewährter Kuhstamm und ein guter Zuchtwert, mit dessen Hilfe man auch neue Kuhlinien ›entdecken‹ kann. Viele Züchter schwören auf ihre starken Kuhstämme. Die Genomik kann helfen, daraus die genetisch besten Tiere zu finden: Gesunde, fleißige, korrekte, problemlose und langlebige Milchkühe, deren Vorfahren dieselben Eigenschaften hatten, und die diese an die nächste Generation weitergeben. Diese Tiere und Linien findet aber auch ein Viehkenner nur dann, wenn er viel in den Ställen unterwegs ist und dort sehr genau hinschaut. Geschieht das genug?

Wenn man heute von der Bedeutung starker Kuhstämme spricht, dann gilt man in Genomik-Zeiten vielerorts als rückständig. Das finde ich schade! Genomische Zuchtwerte sind ein gutes Werkzeug – kombiniert mit dem Gespür für eine gute Anpaarung, das die alten Züchter noch hatten und der Basis der Zucht, den überragenden Kuhfamilien. Oder wie es ein bekannter Züchter einmal formulierte: ›Je tiefer man in einem Pedigree zurückblicken kann, desto weiter kann man in die Zukunft sehen!‹