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Im aktuellen Heft

»Der Wolf, eine heilige Kuh«

am Freitag, 06.11.2020 - 07:57

Ein Vorwort von Braunvieh-Redakteur Josef Berchtold u. a. zur Angst der Milchviehhalter vorm Wolf.

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»Ich dachte, ich produziere hier hochwertiges Biofleisch, aber ich produziere nur für den Wolf«, das sagte vor wenigen Wochen ein Landwirt, dem zum wiederholten Male in seinem Gehege Dammwild gerissen wurde. Diesmal waren es zehn, beim letzten Mal sieben Stück. Er ist frustriert und wird diese Tierhaltung aufgeben. »Der Wolf ist eine heilige Kuh, da kommt man ohnehin nicht gegen an«, zitiert ihn der Nordkurier.

Auch im Alpenraum und den angrenzenden Regionen, also in der Heimat des Braunviehs, gibt es immer mehr Wolfsrisse – mit allem Leid bei den getöteten Schafen, Ziegen und Kälbern. Die Bauernfamilien sind verzweifelt – und wütend! Sie haben Angst um ihre Tiere und fürchten um die Zukunft ihrer Kinder. Nur langsam gelingt es, Politiker und einen Teil der Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sich der Wolf und die Alm- und Weidewirtschaft nicht vertragen. Wer auf Wolfszäune und Herdenschutzhunde setzt, noch dazu im Bergland und in Touristenregionen, der ist weit weg von der Realität. Aufklärung ist dabei ein mühsamer, aber wichtiger Weg.

Braunvieh ist die Langlebigkeitsrasse. Auch für das aktuelle Heft durften wir wieder Betriebe besuchen, die schon eine ganze Reihe an 100.000-kg-Kühen hatten. Bei Arthur Kolb in Wildpoldsried waren es 14, bei Franz Abächerli in Hausen schon 15. Wie schaffen sie es, so viele Golden Girls in ihren Herden zu haben? »Eine 100.000-kg-Kuh hat alles, was eine gute Kuh auszeichnet«, sagt Abächerli, nämlich Leistung, Gesundheit und Charakter. Er liebt Stiere, deren Pedigrees voll sind mit alten Dauerleistungskühen.

Die Züchterrunde ›Hautnah-dran‹ führte uns in die Zentralschweiz. Nach einer emotionalen Runde merkte ein Züchter an, dass wir auch nach kritisch geführten Diskussionen die positiven Dinge nicht vergessen, sondern mehr nach außen tragen sollten. Und nicht nur nach außen: »Es ist wichtig, die nächste Generation für die Viehzucht zu begeistern«, sagte ein anderer. Bekanntermaßen hängt nur ein Teil der Zukunft von ›harten Fakten‹ ab. Der Rest von Emotionen, von Begeisterung, von einer positiven Einstellung. Das sollten wir beherzigen, auch wenn es nicht immer leicht fällt. Zum Beispiel beim Thema Wolf.