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Kärntner Umweltgift-Skandal weitet sich dramatisch aus

von , am
08.12.2014

Neben der Kuhmilch sind nun auch Rind-, Schweine- und Rotwildfleisch aus dem Görtschitztal in Österreich mit HCB belastet. 34 Milchbauern dürfen wieder liefern, 13 sind weiter gesperrt und auch die 260 fleischproduzierenden Höfe stehen unter behördlicher Aufsicht.

Die österreichische Bundesregierung kritisierte das bisherige Krisenmanagement und verlangt Aufklärung. Derweil starten Blut- und Muttermilchtests für die Bevölkerung. Nachdem die ersten Ergebnisse der gezogenen Amtsproben bei Milch und Futter im Kärntner Görtschitzal auf eine Entspannung der Umweltbelastung mit Hexachloridbenzol (HCB) hingedeutet haben, verschlimmerte sich am Wochende die Situation dramatisch. Am Freitag Nachmittag machte Greenpeace die Ergebnisse ihrer Testkäufe von Milch und Topfen der regionalen Kleinmolkerei „Milchhof Sonnenalm“ publik, bei der Milch lag die HCB-Kontamination über den Grenzwert (0,01 Milligramm pro Liter), beim Topfen darunter; am Samstag gab die Kärntner Landesregierung dann bekannt, dass es nun auch positive HCB-Probenergebnisse bei Rind-, Schweine- und Wildfleisch – teilweise weit über den Fleisch-Grenzwert von 0,02 Milligramm/kg – gibt.

Kein einheitliches Bild der Kontaminationen

Zwei Krisensitzungen der Landesverwaltung samt den zuständigen Landesräten und der Fachbeamten folgten, doch das Hauptproblem ist, dass man seit 26. November weiter keinen wirklichen Überblick über das Gesamtgeschehen des Umweltskandals hat. Einerseits steht das lokale Werk der w&p Zement GmbH, das seit Mitte 2012 HCB-kontaminierten Blaukalk aus einer nahen Deponie via Entsorungsvertrag behördlich erlaubt verbrennt, als Hauptquelle der Umweltkontamination mit dem seit 2002 weltweit verbotenen HCB ziemlich sicher ist. Auch hat die Werksleitung nach anfänglicher Vernebelungstaktik mittlerweile ihr Verschulden mehrfach eingestanden auch wenn Werksoffizielle zuletzt wieder argwöhnten, dass das HCB möglicherweise im Zuge von gut gemeinten Optimierungsprozessen nur unvorhersehbar ausgetreten sein könnte.

Auch wenn von den Behörden unerklärlicherweise explizite HCB-Messungen bei der Verbrennung des HCB-Deponiematerial nicht vorgeschrieben waren soll das Zementwerk gleich mehrfach gegen die Bescheidauflagen verstoßen haben. Kontrolliert wurde das Werk zudem offenbar wenig bzw. nicht mit der dafür notwendigen Aufmerksamkeit und Konsequenz.

Andererseits sind die Ergebnisse der amtlich gezogenen Umweltproben heterogen und teilweise auch widersprüchlich – bei manch nahe am Werk gelegenen Bauern fand man keine HCB-Belastung, bei weiter entfernt liegenden Höfen sehr wohl. Oder links vom Weg fand sich eine HCB-Kontamination, rechts davon nichts. Möglicherweise spielt eben die Windströmung bei der Verbreitung des HCB eine große Rolle sowie bezüglich des Grads der Futterkontamination auch der Zeitpunkt des Einbringens des Wiesenfutters in die Scheunen und Ställe.

Die Landes-Umweltabteilung vermutet neben dem Zementwerk aber noch weitere HCB-Quellen in der Region. In Verdacht stehen Ausbringungen von verseuchten Blaukalk durch Landwirte auf den Wiesen und Feldern. Ein Pauschalverdacht, der durch eine Bauerninfo genährt wurde, aber den der Kärntner LK-Bauernpräsident strikt zurückwies.

Nur vehemente Ursachensuche der Bauern deckte Umweltskandal auf

Bei dem direktvermarktenden Milchhof Sonnenalm wird die die Rohmilch der zwei Dutzend Zulieferer jeweils einzeln verarbeitet. Die Greenpeace-Milchprobe konnte daher exakt jenem Hof zugeordnet werden, dessen amtliches Ergebnis erst Tage nach der Produktauslieferung vorlag. Seit Samstag ist die Produktion der kleinen Bauernmolkerei eingestellt, sämtlich noch im Umlauf befindlichen Produkte werden aus Sicherheitsgründen zurückgerufen. Die Schul- und Kindergärnten in Klagenfurt und Sankt Veit/Glan haben schon davor die Verteilung von Produkten aus dem Görtschitztal in ihren Häusern bis auf Weiteres untersagt.

Aber es waren gerade die Milchbauern, die seit Ende März auf HCB-Ursachensuche waren und denen es letztlich zu verdanken ist, dass der Umweltgift-Skandal aufflog. Beamte der Kärntner Landesregierung sowie Vertreter der Kärntner Bauernkammer (LK) wurden von den Bauern bereits im April beigezogen, es erfolgten Boden- und auch Futterproben. Als im September die Werte bei den Eigenproben wieder anstiegen informierten die Bauern erneut die Landesregierung. Die politisch vernatwortlichen Landesräte wurden offenbar erst Anfang Oktober von ihren Beamten (richtig) informiert, als ein Test die HCB-Entweichung im Werk dokumentiert hat. Bei den dann erfolgten ersten elf amtlichen Milchproben waren sieben frei von HCB, zwei schwach belastet und in zwei Fällen wurde der Grenzwert überschritten. Umgehend preschte – wie berichtet – der Agrarlandesrat vor und informierte am 26. November die Öffentlichkeit. Seither herrscht Hysterie im Görtschitztal und Unverständnis über das behördliche Vorgehen.

HCB-Feischkontamination bereits 2013 aufgetreten

Bei genügend Aufmerksamkeit der Behörden wäre der Umweltskandal möglicherweise schon weit früher aufgeflogen. Denn tatsächlich wurden HCB-Spuren bereits im Herbst 2013 in einer österreichischen Sammel-Rindfleischprobe gefunden. Unter dem Grenzwert zwar, aber der deutsche Markenartikler (Name der Redaktion bekannt) besteht auf eine absolute 0,00-Toleranz bei Kontaminanten und schied das zugelieferte Fleisch aus. Seither soll dieser in Österreich auch kein Rindfleisch mehr kaufen.

Fest steht laut Bestätigung mehrerer informierter bzw. involvierter Stellen gegenüber der Österreich-Ausgabe von dlz agrarmagazin, dass damals Rindfleisch aus dem Görtschitztal in der Probe war. Der Vorfall wurde aber nicht weiterverfolgt. Es erfolgte offenbar nicht einmal ein Stichprobenmonitoring. Die Behörden sowie die LK wussten und wissen darüber allerdings Bescheid und ließen die im Frühjahr anfragenden Görtschitztaler Bauern trotzdem im Dunkeln. Formal glaubten die Amstvertreter nur an HCB-Rückständen im Boden, denn HCB wurde in Österreich bis 1992 erlaubterweise als Getreidebeizmittel verwendet. Andere mögliche Ursachen oder Emittenten verfolgten die offiziellen Stellen im betroffenen Grünlandgebiet offenbar über Monate hinweg nicht.

Kärnten unter Druck von Wien und der Staatsanwaltschaft

Die Warnung vor dem Verzehr von Lebensmitteln aus der Region Görtschitztal bleibt weiterhin aufrecht. Angesichts der HCB-Funde im Fleisch werden auch die Schlachtungen der letzten Wochen amtlich aufgerollt, allfälliges Fleisch wird behördlich zurückgerufen.

Die ersten Bürgerversammlungen in der betroffenen Region verliefen teilweise chaotisch, der Zorn der Bewohner auf mögliche Fahrlässigkeiten oder gar Vorsätzlichkeiten der Behörden und des Zementwerks wird immer größer. Die Landesregierung hat zwar umgehend einen Krisenstab gebildet, will aber erst voll informieren, wenn sie ein Gesamtbild der Lage hat. Basisinfos und Aussendungen werden laufend auf der Landes-Homepage veröffentlicht, zudem gibt es tägliche Kommuniques der unterschiedlichen Landesräte. Mancherorts wird ob der verwirrenden und oft täglich umgeworfenen Aussagen und Empfehlungen bereits eine unabhängige Untersuchungskommission gefordert; der Landesregierung wird eine objektive Aufklärung scheinabr nicht mehr zugetraut, zu sehr scheinen sich die involvierten Landesräte selber schützen zu wollen.

Das schleppende Krisen- und Informationsmanagement des Landes wurde am Samstag auch von der Bundesregierung massiv kritisiert und diese verlangt bis Dienstag 8 Uhr einen umfangreichen Bericht samt der Vorlage einer genauen Zeit- und Maßnahmendokumentation aus Kärnten. Bereits davor hat sich die lokale Staatsanwaltschaft eingeschaltet und ermittelt – vorerst noch - gegen unbekannte Täter bezüglich der Straftatbestände Beeinträchtigung der Umwelt, Pflanzen und Tierbestände, des umweltgefährdenden Behandels und Verbringens von Abfällen sowie des grob fahrlässigen umweltgefährdenden Beireibens von Anlagen. Im Landeskriminalamt Kärnten wurde dafür ein eigenes Ermittlerteam gegründet. Darüberhinaus besteht auch die Möglichkeit, dass auch die Korruptions- und Wirtschaftsstaatsanwaltschaft in Wien im Umweltskandal tätig wird.

Krisenstab kommt langsam in die Gänge

Derweil wird das kontaminierte Futter bei den Landwirten nach und nach ausgetauscht, die HCB-belastete Rohmilch wird extra gesammelt und via Tierkörperverwertung nach Wien gebracht und in den Entsorgungsbetrieben Simmering verbrannt.

Für den heutigen Feiertag (Maria Empfängis) hat die Landesregierung eine ausserordenltiche Regierungssitzung einberufen. Danach will man die Amtsräger der Region (Bürgermeister, Bezirkshauptfrau) und auch die Sozialpartner unter Medienanwesenheit informieren. Dazu werden auch Experten aus dem Landwirtschafts- bzw. dem Gesundheistministerium anreisen. Außerdem können ab dieser Woche Säuglinge und Kinder der Region Görtschitztal zu Bluttests gemeldet werden, auch Muttermilchkontrollen auf HCB werden vom Land zum Ausschluss möglicher HCB-Konataminationen angeboten. Zudem hat man die Bundesregierung um Knowhow- und Ressourcenhilfe ersucht, um rascher Gewissheit über das umwelt- und gesundheitliche Bedrohungsausmaß zu erlangen. Erst danach will sich die Landesverwaltung Schadenersatmöglichkeiten für die Betroffenen und Geschädigten anschauen.

Die Bewohner der Region klagen indes über monatelange Desinformation und Beschwichtigungen der Behörden. Für einige der 307 Milch- und Rinderbauern der „Genussregion Görtschitztal“ steht nicht zuletzt die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel, wenn ihre Höfe nicht rasch wieder Fleisch und Milch liefern können. Der Kärntner Bauernpräsident hat bereits vollen Schadenersatz für die Landwirte eingemahnt.
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