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Kommentar

Geht auf die Verbraucher zu!

von am
23.01.2017

Kommentar zur #whes "Wir haben es satt"-Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor von dlz-Redakteur Klaus Strotmann.

Demonstration Wir haben es satt 2017 in Berlin
"Wir haben es satt" - unter diesem Motto haben in Berlin wieder 18.000 Menschen demonstriert. Am Hauptbahnhof fand parallel wieder die Bauerndemo "Wir machen Euch satt" statt. © Julia Schürer

Ich bin am Samstag auf ein Paar (ca. 50 Jahre, aus Nordwestdeutschland, wohnt im ländlichen Raum) zugegangen, das mit einer "Gegen Megaställe"-Fahne vor dem Brandenburger Tor protestiert hat. Ich wollte wissen: Was sind das für Menschen, die hier demonstrieren? Was haben sie für Sorgen, welchen Hintergrund? Was wissen sie über Landwirtschaft?

Vorweg: wir hatten ein tolles viertelstündiges Gespräch, an dessen Ende ich mich erst zu erkennen gegeben habe (was sie mir nicht krumm genommen haben, im Gegenteil). Meine Rolle war der interessierte Bürger, der auf Augenhöhe mehr erfahren will. Wir sind mit gewachsenem wechselseitigem Verständnis auseinander gegangen.

Diese Menschen machen sich wirklich Sorgen. Das habe ich schnell gemerkt und es wäre herablassend, sie wegzuwischen. Nicht nur Sorge um Umwelt und Tier, auch um den Mensch, den Landwirt: Die beiden waren recht gut informiert über die Erzeugerpreise und welchen ökonomischen Zwängen die Bauern derzeit ausgeliefert sind.

Viele Sorgen waren aber diffus und manche von Halbwissen geprägt. Etwa zur Gülle oder dem Versuch, sich dem Thema Megastall zu nähern. Wann beginnt eine unmoralisch große Tierhaltung und geht es den Tieren dort wirklich schlechter? Hier war ganz viel "Gefühl" zu spüren, weniger Fakten. Den Tieren auf der Alm geht es per se besser als Kühen im modernen Laufstall? Weil erstere Heu fressen und letztere Kraftfutter? Ich überspitze, die beiden waren aber wirklich nicht dumm und offen für jede Diskussion.

Die direkte Ansprache überzeugt

agrarheute-Redakteur Klaus Strotmann
agrarheute-Pflanzenbauredakteur Klaus Strotmann © Thomas Plettenberg

Genau an dieser Stelle will ich einhaken. Provokativ, aber eine Idee? - - -

Ich halte es für überlegenswert, die #wmes-Bauerndemo vor dem Hauptbahnhof weiterzuentwickeln. Erreichen die Bauern mit dieser tollen Vielfalt an engagierten Kommunikatoren aus ganz Deutschland wirklich ihre Zielgruppe, die "Entscheider an der Ladentheke"? Oder wäre nicht ein anderer Ansatz viel wirksamer: Ihr vielen super aktiven Landwirte, fasst Euch ein Herz, zieht Eure Frag-doch-mal-den-Landwirt-Westen an und mischt Euch unter die Protestanten am Brandenburger Tor!

Ihr erreicht dort nicht nur abgedrehte Spinner, sondern viele Bürger, die Informationen aus erster Hand wie ein Schwamm aufsaugen. Denn wenn wir ehrlich sind - viele Medien kapieren den Unterschied zwischen beiden Demos leider eh nicht. Wenn sie denn korrekt berichten, dann in einer Randnotiz. Mit den Bürgern, die Ängste um Ernährung, Tier, Landschaft und Mensch haben, kommen wir am Washingtonplatz viel zu wenig in Kontakt.

Warum gibt es keine professionelle Werbung?

Wir müssen uns aus der Deckung bewegen und auf die Bevölkerung zugehen. Dazu brauchen die deutschen Landwirte auch dringend professionelle Werbung. Jedem größeren Konzern gelingt es, sich mit Spots und Anzeigen perfekt ins rechte Licht zu rücken. Warum unternimmt der Berufsstand nichts? Der Branche steht viel Geld zur Verfügung, aber während den Bauern an der Basis das Wasser bis zum Hals steht, klopfen sich die Entscheider vor allem auf die eigene Schulter, siehe diverse Treffs auf der Grünen Woche. Habt Ihr Eure Bauern ausreichend im Blick? Und hilft es, wenn immer neue Labels und Lippenbekenntnisse veröffentlicht werden? Die Wirkung von Werbung dagegen ist vielfach untersucht und bewiesen.

Wenn es gelänge, alle Bauern für das gemeinsame Ziel - Erhalt der heimischen Produktion hochwertiger Lebensmittel - zu vereinen, statt sich vor bauernfeindliche Wir-haben-es-satt-Karren spannen zu lassen und dann auf Demos gegeneinander anzutreten, dann wäre schon richtig viel geholfen.

Die gemeinsame Bauernstimme mit aller Vielfalt deutscher Landwirtschaft würde sicher auf offene Ohren stoßen, das hat mir das Gespräch mit dem ganz normalen, besorgten Paar am Brandenburger Tor gezeigt.

Demo 'Wir machen euch satt 3.0': Dialog statt Protest

Demo in Berlin
'Wir machen euch satt 3.0'. Zur Grünen Woche spielt traditionell die Agrarpolitik eine große Rolle in Berlin. Um ihre Dialogbereitschaft zu zeigen, versammelten sich am Samstagvormittag mehrere hundert Landwirte vor dem Berliner Hauptbahnhof. © Krauß/agrarheute
Demo Landwirte aus Meppen
Die Polizei sprach von mehr als 500 Teilnehmern, die in diesem Jahr zu der Demonstration kamen. © Krauß/agrarheute
Traktoren vor Kanzleramt
In Sichtweite zum Kanzleramt standen auch 52 Traktoren. © Krauß/agrarheute
Traktorfahrer bei Demo
Landwirte u.a. aus Brandenburg, Emsland und Rheinland hatten Strecken von teils mehreren hundert Kilometer auf sich genommen um dabei zu sein. © Krauß/agrarheute
Plakat an Traktor
In den letzten Monaten mussten die Landwirte immer wieder Kritik einstecken. An Politiker einiger Lager gerichtet hieß es deshalb bei der Veranstaltung auch: "Rüsten Sie im Wahlkampf verbal ab." © Krauß/agrarheute
Rednerbühne Demonstration Berlin
Zum Thema Transparenz wurde auf der Bühne unter anderem gesagt: "Jeder kann bei mir in den Stall kommen, er sollte aber vorher fragen." © Krauß/agrarheute
BBV-Präsident Heidl
Auch BBV-Präsident Walter Heidl war unter den Teilnehmern. © Krauß/agrarheute
Landwirt Felix Müller in Berlin
Am Rednerpult standen diesmal aber andere, wie z. B. Junglandwirt Felix Müller aus dem Ammerland, der auch die Sorgen und Zweifel seiner jungen Berufskollegen thematisierte. © Krauß/agrarheute
Agrargenossenschaft Beyern in Brandenburg
Egal ob Agrargenossenschaft... © Krauß/agrarheute
Landwirte aus Baden-Württemberg
...oder Landwirtschaft in Regionen mit kleineren Betriebsstrukturen - © Krauß/agrarheute
Landvolk Niedersachsen
"Einheit durch Vielfalt" lautet ein Credo, dass die deutsche Landwirtschaft ausmacht.  © Krauß/agrarheute
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