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Bilanz

Milchbauern brauchen noch lange gute Milchpreise

Die großen Milchanlieferungen drücken auf den Garantiepreis. © Mühlhausen/landpixel
von , am
10.08.2017

Auch wenn die Milchpreise langsam steigen, ist die wirtschaftliche Situation auf den niedersächsischen Milchviehbetrieben nach wie vor angespannt.

Um kommenden Marktkrisen vorzubeugen, setzen Milchviehhalter auf Liquditätsplanung und Kostensenken. © Mühlhausen/landpixel

Zur wirtschaftlichen Konsolidierung brauchen die Milchbauern eine längere Phase guter Milchpreise, so das Fazit der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Außerdem müssten sie für die Zukunft krisenfest gemacht werden.

Bei der Veranstaltung in Oldenburg stellte Kammerpräsident Gerhard Schwetje neue Prognosezahlen für das abgelaufene Wirtschaftsjahr 2016/2017 vor. Danach beläuft sich das Unternehmensergebnis voraussichtlich auf zirka 58.000 Euro. „Das reicht nicht aus, um die Lebenshaltungskosten von zwei Familien, die in aller Regel einen solchen Betrieb bewirtschaften, zu decken“, sagte der Kammerpräsident.

Für die Phase niedrigster Milchpreise im Juni 2016 bezifferte Schwetje das Defizit für einen Betrieb mit 130 Kühen auf 10.700 Euro pro Monat. Und er folgerte: „Wenn der Milchbauer morgens in den Stall ging, bezahlte er 360 Euro Eintritt, um dort den ganzen Tag hart zu arbeiten.“

Betriebe lebten von Substanz

Im Hinblick auf die Krise errechnete Kammerexperte Hortmann-Scholten für die Milchviehbetriebe eine „negative Eigenkapitalbildung“ und präzisierte: „Die Betriebe haben von ihrer Substanz gelebt.“ Der „Dreiklang Leben, Tilgen, Sparen“, der aus dem Unternehmensergebnis bedient werden müsse, habe lange Zeit nicht funktioniert.

Die aktuelle wirtschaftliche Situation seines in der Elbmarsch gelegenen Familienbetriebes in Hittbergen-Barförde (Landkreis Lüneburg) nannte Christoph Burmester „sehr angespannt“. Zusammen mit seinem Vater Hartmut bewirtschaftet er 100 Hektar Grün- sowie 60 Hektar Ackerland und hält 140 Milchkühe.

Für das zurückliegende Wirtschaftsjahr 2015/2016 errechnete Burmester für seinen Betrieb ein Minus von 55.000 Euro. Dieser Wert bedeutet für ihn einen negativen Stundenlohn von 7,30 Euro. „Nur durch das Einkommen meiner Frau ist meine Familie mit zwei kleinen Kindern wirtschaftlich über die Runden gekommen“, zieht der 31-jährige Landwirt Bilanz.

Um die Folgen der zweijährigen Milchpreismisere auszugleichen, müsste es nun „für mindestens zwei Jahre vernünftige Preise geben, um in der Summe auf eine schwarze Null zu kommen“. Als Lehre aus der Krise hat sich Burmester zusammen mit seinem Vater zum Ziel gesetzt, die Produktionskosten für die Milch weiter zu senken und gleichzeitig die Milchleistung der Kühe zu erhöhen. So sieht der studierte Landwirt seinen Betrieb für das nächste Preistief auf dem Milchmarkt gewappnet. Denn eines ist für ihn gewiss: „Nach der Krise ist vor der Krise.“

Neue Standbeine schaffen

Neben dem qualitativen Wachstum nannte Hortmann-Scholten weitere Möglichkeiten, wie Milchviehbetriebe auf eine Krise reagieren können. Dazu gehört zum Beispiel, weitere betriebliche Standbeine aufzubauen, die – wie etwa Vermietung oder Erzeugung erneuerbarer Energien – auch außerhalb der Landwirtschaft liegen können. Auch die Aufnahme einer außerlandwirtschaftlichen Tätigkeit bei gleichzeitiger Bewirtschaftung des Hofes im Nebenerwerb oder gar die Betriebsaufgabe sind mögliche Szenarien, wenn es betrieblich nicht mehr weitergeht.
 

Fehlende Wertschätzung macht depressiv

„Alle diese Optionen müssen in ihrer Umsetzung gut begleitet werden“, sagte Anne Dirksen, sozioökonomische Beraterin der Kammer. Sie betonte: „Auch die Entscheidung für eine Betriebsaufgabe verdiene großen Respekt.“ Leider seien heute viele Höfe in einer wirtschaftlichen Verfassung, die eine Übergabe an die nächste Generation unmöglich mache.

Es gebe Familien, die wegen ihrer niedrigen Einkünfte Wohngeld oder Hartz IV in Anspruch nähmen. „Und das, obwohl sie bestimmt nicht arbeitslos waren!“, ergänzte Dirksen. Vielmehr nehme die Arbeitsbelastung der Familienangehörigen zu, da Geld fehle, um Mitarbeiter einzustellen. Überarbeitung bis hin zum Burn-Out seien die Folge.

Als eine wichtige Ursache für die Zunahme depressiver Erkrankungen bei Landwirten nannte Dirksen neben wirtschaftlicher Probleme die fehlende gesellschaftliche Wertschätzung gegenüber Bauern. Sie forderte in diesem Zusammenhang, in der Diskussion um Tier- und Umweltschutz die Menschen auf den Höfen nicht zu vergessen, und sprach sich für eine „Initiative Bauern- und Bäuerinnenwohl“ aus.

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