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Klargelegt

Von den Griechen zum Fleischversagen

von , am
26.03.2015

Eine Strophe aus dem Lied "Ich wollte wie Orpheus singen" von Reinhard Mey lautet: "Wilde Tiere scharten sich, friedlich um ihn her. Wenn er über die Saiten strich, schwieg der Wind und das Meer."

Dieses ideale Zusammenleben aller Kreaturen war Grundlage einer lockeren Religionsgemeinschaft in der Antike, der Orphiker. Sie sprachen Mensch und Tier eine unsterbliche Seele zu, die nach dem Tod in neue Körper wandert oder die "Insel der Seligen" findet.

Wenn im Tier die Seele der Oma stecken könnte, wird Fleisch tabu. Religiöse Motive leiteten diese ersten, bewussten Vegetarier. Die auch sexuell enthaltsame Gemeinschaft aus der antiken Oberschicht mit hohem Frauenanteil grenzte sich von der Volksreligion ab und ging vielen mit "Heuchelei und exklusivem Getue" auf die Nerven. Unter den Päpsten wurden Bußprediger mit ähnlichen Vorstellungen eher verfolgt. Niemals wurde so viel Fleisch gegessen wie im frühen und späten Mittelalter. Auch Pastoren neigten zum guten Essen.

Erst protestantische Fundamentalisten in den USA reaktivierten den sinnenfeindlichen Vegetarismus der Antike ab 1800 unter dem Einfluss eines neuen Naturbegriffs. Ein meist eingebildeter Gesundheitsnutzen kam nun hinzu. Naturverbunden zu leben, mit möglichst gering verarbeiteten Lebensmitteln, wurde zum idealisierten Gegenentwurf einer sich immer schneller wandelnden, immer komplizierteren, sich verstädternden Welt. Schließlich wurde auch eine so ausgerichtete Land- und Lebensmittelwirtschaft gefordert. Die Nationalsozialisten verbanden den Vegetarismus enger mit dem Tierschutz. Die vorletzte Zutat wurde ein Umweltnutzen. Analog zur orphischen Vorstellung einer "beseelten" Tierwelt sprechen neuerdings Theorien den Tieren menschenähnliche "Tierrechte" zu.

Was ist nun eigentlich, neben der "Esskultur", die rationale Begründung für den Fleischverzehr? Besonders nördlich der "Ölbaumgrenze" war das tierische Fett das Energiekonzentrat für schwer arbeitende Menschen. Diese Energiefunktion hat die Tierhaltung heute verloren. Trotzdem werden ihr die Veredelungsenergieverluste noch gerne vorgehalten. Tierische Produkte wandeln heute die hohen Energieerträge weniger schmackhafter Massenertragsackerfrüchte, zusammen mit Reststoffen der Lebensmittel- und Bioenergieerzeugung, anderweitig nicht nutzbarem Grünland sowie "künstlichen" Vitaminen und Aminosäuren, sehr flächeneffektiv in hochwertige Eiweißmengen um! Georg Keckl 

Weitere Informationen zum Thema


Insel der Seligen bzw. Seelenwanderung:
http://de.wikipedia.org/wiki/Pythagoreer und "Wie die Orphiker glaube Pythagoras an die Seelenwanderung und die Idee einer ewigen Wiederkehr. Reine Seelen, so verkündete er, werden nach dem körperlichen Tod zu Göttern, unreine Seelen hingegen in einem anderen Lebewesen wiedergeboren" aus  "Seele. Eine unsterbliche Idee: Warum wir mehr sind als die Summe unserer Teile" von Thomas Vašek, Ludwig Buchverlag (25. Oktober 2010) und Seite 175 in "Magie und Mystik", Kurt Aram, Severus Verlag, Hamburg 2013, Nachdruck der Originalausgabe von 1929, Zitat "Ist der Mensch gestorben, geleitet Hermes die Seele zum Gericht. Furchtbare Strafen treffen den Frevler gegen die Orphik im tiefsten Tartaros. Der Nichtorphiker aber liegt im Schlammpfuhl. Seine Seele steigt jedoch wieder einmal in einem neuen Leib an die Oberwelt, wo ihm nach seinem früheren Leben vergolten wird. So geht es ewig weiter mit immer neuer Befleckung. Nur der Orphiker kann dem Kreislauf der Geburten entrinnen, aus dem Kreise scheiden, aufatmen vom Elend und eingehen zur 'Insel der Seligen' ".
 
Erste, bewusste Vegetarier: Vgl.: "Das Speisetabu ergab sich aus der orphischen Sichtweise der Seelenwanderung, dass in jedem Tier auch die Seele eines Menschen inkarniert sein könnte", vgl. Seite 40 in "Dionysos Und Seine Gefolgschaft: Weibliche Besessenheitskulte in der griechischen Antike", von Judith Behnk,  Hamburg 2009, Diplomica-Verlag. Dass die menschliche Seele in einem Tier wiedergeboren wird, war zumindest nicht ausgeschlossen, vgl.: Seite 348 in "Seele und Unsterblichkeit: Untersuchungen zur Vorsokratik bis Empedokles" von Ioannis G. Kalogerakos; Stuttgart, Teubner , 1996

Enthaltsame Gemeinschaft in der Antike: Vgl.: Seite 964 (Glossar) in "Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Das antike Judentum", Ausgabe 2 von Max Weber sowie Seite 133 in "Aphrodite und Eros in der Antiken Tragodie" von Ursula Bittrich; Verlag: De Gruyter 2005
 
Fleischverzehr im Mittelalter: Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler Uni Regensburg, erklärte in der ZDF-Sendung "Terra X „Deutschland - Wie wir leben (3/3) - Unsere Ernährung" den Fleischverbrauch von der Spätantike bis heute ("Fleischkonsum im Laufe der Geschichte"): http://www.zdf.de/terra-x/deutschland-wie-wir-leben-unsere-ernaehrung-28073760.html

Neuer Naturbegriff ab 1800 in den USA: Bewegung der "Grahamniten" nach Sylvester Graham (1794-1851) Erfinder des "Grahambrotes" (http://de.wikipedia.org/wiki/Sylvester_Graham); 1809: erster Vegetarierverein; "Fleischloses Essen schützt vor Krankheiten und führt zu einer moralischeren Lebensweise." Theodor Hahn (1824 – 1883), Apotheker und Heilpraktiker, Pionier der vegetarischen Bewegung in Deutschland. Dr. John Harvey Kellogg 1852 – 1943 (ein Seventh Day Adventist), Erfinder der Cornflakes und der Erdnussbuttter.

Die Rubrik "Klargelegt" finden Sie jeden Monat in der Agrarwelt ihres dlz agrarmagazins

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