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Klargelegt

Wie viele Hungernde gibt es wirklich?

von , am
23.09.2014

Zum Ende der Weltkriege herrschte in Deutschland Hunger. Die Züge waren voll mit Städtern, die zum Hamstern aufs Land fuhren. Glücklich war, wer noch Bauern in der Verwandtschaft hatte. Kleinbauern waren zwar arm, hatten aber zu essen. Wie hätte damals die Zahl der Hungernden ermittelt werden können? Die FAO gewichtete in Ländern mit chaotischer Datenlage die Einkommensverteilung stark: wenig Einkommen, wenig zu essen. Danach hätten damals überwiegend Kleinbauern gehungert. Es ist weltweit schwer, Ernten und Einkommen von Kleinbauern und Marktbeschickern zu ermitteln.

Hungernde kann man nicht zählen wie Bäume im Wald. Die Zahl lässt sich nur unter Verwendung verschiedener Datenquellen ableiten. Das Konzept der FAO wurde schon deutlich kritisiert, teilweise verändert. Aktuelle Hungerkrisen können sowieso erst spät in die Rechnung einfließen. Die FAO verbessert ihre Methoden ständig. Leider werden deswegen die Zahlen oft korrigiert. 2008, als die Lebensmittelpreise stark stiegen, sollte über 1 Mrd.  Menschen hungern, was 2009 erstmals für Schlagzeilen sorgte. Inzwischen wurde die Zahlenreihe mehrmals revidiert und sieht heute ganz anderes als 2009 aus. Viele überfürsorgliche Menschen unterstellen der FAO deswegen Schönrechnerei. Sie verwenden die alten, erschreckenderen Zahlen weiter. Mit Zahlen kann man Politik machen. Die wahre Zahl der Hungernden weiß niemand, aber zumindest Größenordnungen und Entwicklungen kann die FAO erkennen. Ohne funktionierende Amtsstatistiken ist die Datenbeschaffung schwierig. Bei der Zahl der hungernden Kleinbauern  für ganz Schwarzafrika stütze sich die FAO stark auf nur zwei Erhebungen in Kenia und Sambia mit lediglich 400 Teilnehmern. Diese Zahl der hungernden Kleinbauern wird gern von denen verwendet, die über autarke, kleine Biobetriebe die Welternährung sichern wollen. Diese sollen zuerst sich selbst und später die Welt ernähren.  Georg Keckl 

 
Die Rubrik "Klargelegt" finden Sie jeden Monat in der Agrarwelt ihres dlz agrarmagazins.
>> Klargelegt Februar 2012: Macht vegetarisch mehr satt?    

Weitere Informationen zum Thema

 
Kritik an der FAO-Statistik: http://www.fao.org/fileadmin/templates/ess/documents/apcas25/APCAS-14-8.2-PoU-Method.pdf und http://www.diva-portal.org/smash/get/diva2:328086/FULLTEXT01.pdf  sowie http://people.su.se/~svedb/UndernutritionOverestimatedWeb.pdf


Späte Berücksichtigung aktueller Hungerkrisen in der FAO-Statistik: Einleitung von http://www.fao.org/fileadmin/templates/ess/ess_test_folder/Workshops_Events/Food_Security_for_All_FEB2011/Background_paper.pdf

 
 
Kritik an angeblicher Schönrechnerei durch FAO: http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/welthungerstatistik-un-rechnet-den-hunger-in-der-welt-klein,10808230,24600936.html und http://www.ase.tufts.edu/gdae/Pubs/rp/FramingHunger.pdf

Zahl hungernder Kleinbauern in Schwarzafrika: Zitat aus Studie der Deutschen Bischofskonferenz: "Ähnlich wie bei Armut ist auch die Erfassung und Messung von Hunger sowie Mangelernährung mit erheblichen methodischen Schwierigkeiten behaftet. Entsprechende Daten sind daher immer mit einer gewissen Vorsicht zu behandeln." (Seite 10) in http://www.katholisch.de/media/weltkirche_medien_1/weltkirche_dokumente/Studie_Den_Hunger_bekaempfen.pdf  sowie http://www.ifpri.org/book-10024/ourwork/researcharea/smallholder-farming

Gegensätzliche Erkenntnisse zur Studie der Bischofskonferenz: http://www.brot-fuer-die-welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Presse/Welternaehrungstag/welternaehrung_fragen_und_antworten.pdf  und  http://daccess-dds-ny.un.org/doc/RESOLUTION/LTD/G12/170/32/PDF/G1217032.pdf?OpenElement
 
Tatsächliche Datenbasis zu hungernden Kleinbauern in Schwarzafrika: http://www.diva-portal.org/smash/get/diva2:328086/FULLTEXT01.pdf

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