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ÖSTERREICH

IG Milch warnt vor Markt-Zusammenbruch

von , am
01.04.2016

Die in der IG Milch gebündelten österreichischen Milchbauern zeigten gestern mit einer imposanten Aktion in Wien die aktuell verheerende Situation am Milchmarkt auf und präsentierten ihr „Milchmanifest“ zur Marktentlastung.

© Spanring

Gestern ging das erste Milchwirtschaftsjahr der alten Ordnung ohne EU-Milchquotensystem zu Ende. Für den alternativen Verein der Grünland- und Milchviehbauern (kurz: IG Milch) war die Entscheidung der EU, das Milchsteuerungssystem auslaufen zu lassen, die absolut falsche Entscheidung, denn nach einem Jahr ohne Quote sei „das Desaster perfekt!“ Die schlimmsten Befürchtungen, die die IG Milch vor einem Jahr auch aufgezeigt hatte, wären eingetreten beziehungsweise wurden diese sogar übertroffen. Der Milchpreis ist auf einem historischen Tiefstand und droht weiter zu fallen. „Wir ertrinken in der Milch", warnte die IG daher vor einem Monat.

Demofahrt und Aktionen in Wien

Mit Traktoren, einem Milchtankwagen sowie einem Milchausschankbus machten sich rund 60 IG Milch-Bauern gestern in aller Frühe in die Bundeshauptstadt Wien auf, um dort vor dem Sitz der EU-Vertretung und dem Raiffeisen-Haus ihren Unmut über die seit Monaten laufende Milchmarkt-Krise Luft zu machen.

Vor der EU-Vertretung wurde symbolisch Milchpulver durch das Euter einer Plastikkuh via Förderschnecke auf eine Weltkugel ausgeblasen  und vor der Raiffeisen-Zentrale ein symbolischer Milchsee samt den aus Sicht der IG in Österreich für die Milchüberproduktion Verantwortlichen (Bauernbund, Landwirtschaftskammer, Molkereiverband, Zuchtverbände, LFI) errichtet.

Die IG Milch demonstrierte so gegen die Krise Milchmarkt-Krise und die ihrer Meinung dafür nationalen Mitverantwortlichen in den Molkereien, der eigenen Standesvertretung und den diversen  Branchenvertreter in der Landwirtschaft und Milchindustrie. Für die IG Milch hätte das Michquoten-Ende zu einer vorhersehbaren Überproduktion mit dem Absinken der Milchpreise auf momentan rund 27 Cent/kg geführt.

Lob und Kritik

Die jahrelange Offizialberatung des Landwirtschaftsministeriums, der Verbände und der Molkereien haben laut IG Milch zur Aufstockung der Kuhbestände und Intensivierung der Milchviehhaltung geführt. Diese Mehrproduktion hätte neue Milchseen verursacht, die nicht mehr absetzbar sind und nun irgendwie entsorgt werden müssen. Eben zu Lasten der Milchbauernfamilien.

Die Agrarpolitik habe laut IG Milch-Obmann Ewald Grünzweil „vollkommen versagt“ und die „Milchbauern ausgeliefert“. Jenen Molkereien, die bereits Milchmarkt-Stabilisierungsprogramme aufgesetzt hätten, sprach Grüzweil Lob und Anerkennung aus. Will heißen: Mehrlieferungen werden bestraft, Unterlieferungen belohnt. Solche Programme haben in Österreich nun die genossenschaftlichen Molkereien Gmundner Milch, Ennstal-Milch und Pinzgau Milch laufen. Die NÖM AG stellte ein solches Milchsteuerungsprogramm in Aussicht, sofern die Mehranlieferungen ihrer Bauern nicht zurückgehen.

Milchmanifest mit Bergbauern und Grünen

Um die Öffentlichkeit von der prekären Situation der Milchbauern aufmerksam zu machen und aus ihrer Sicht einen Weg aus der Krise zu weisen, übergab die IG Milch ein politisches Milchmanifest (Pdf, 81 kB) an die Wiener Vertretung der EU-Kommission. Dieses wird von der Bergbauernorganisation ÖBV-Via Campesina, den Grünen Bauern und FIAN unterstützt.

Für IG-Frontmann Grünzweil steht fest, dass wenn der „Schulterschluss Richtung Mengenreduktion nicht stattfindet, der Zusammenbruch des Milchmarktes droht“. Das aktuelle Milchpreistief in Österreich ist für viele österreichische Bauern existenzbedrohend, weil die Einnahmen nicht mehr die Kosten decken, betonte kürzlich auch der bekannte Agrarökonom Dr. Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) in der Tageszeitung „Die Presse“. 2016 werde wie 2009 eine Durststrecke.

Molkereiverband gegen politische Milchmarktsteuerung

Von der von der IG geforderten Milchmarktsteuerung hält der Molkerei-Branchenverband nichts. „Ein österreichischer Alleingang bei der Mengensteuerung bringt nichts“, so Geschäftsführer Johann Költringer vom Verband österreichischer Molkereien (VÖM), der fast alle Milchverarbeiter und 95 Prozent des Marktes vertritt. Den Molkereien und Bauern stehe es aber frei, weniger Milch zu produzieren. Die heimische Milchwirtschaft hat eine Exportquote von 50 Prozent. Weniger zu exportieren, sei nicht sinnvoll, weil „wir dann Exportmärkte verlieren.“

Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) ruft die Molkereien einmal mehr dazu auf, Mengen freiwillig zu begrenzen, was seit Kurzem möglich ist. Europäische Genossenschaften sollten sich zusammen reden, „damit sich ein europäischer Effekt ergibt“, so der Minister gegenüber der Austria Presse Agentur. Die Möglichkeit der freiwilligen Reduktion ist vor Ostern auf EU-Ebene geschaffen worden und gelte vorerst sechs Monate.

Großer Medienrummel

Die Aktion der Milchbauern löste einen riesigen Medienwirbel aus. Die heutigen Tageszeitungen in Österreich sind voll mit Meldungen darüber. Viele TV-Stationen bringen ausführliche Berichte und auch das russische Staatsfernsehen war gestern in Wien vor Ort.

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