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Tierwohl aus der Nische holen

von , am
21.04.2015

Mehr Tierwohl in der Nutztierhaltung wird von vielen Seiten gefordert: Von der Politik, von den NGOs, angeblich auch von den Verbrauchern. Aber die Realität am Markt sieht anders aus. Das zeigte die Veranstaltung „Marktmechanismen im Bereich Tierwohl – Erwartungen, Entwicklungen und Erfolge“. Eingeladen hatte die Marketinggesellschaft Niedersachsen in Zusammenarbeit mit Junglandwirts- und Landjugend-Verbänden sowie der ISN.

Auf der Tagung „Marktmechanismen im Bereich Tierwohl" diskutierten (von links nach rechts) Dr. Stephan Kruse, Renate Rehm, Dr. Gerald Otto, Christian Böttcher, Paul Brand, Christian Rauffus, Matthias Teepker und Dr. Torsten Staack über Erwartungen, Entwicklungen und Erfolg. Durch die Tagung führten Dr. Christian Schmidt und Anja Gieske-Helmsen. © Hungerkamp
Christian Böttcher (Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V.) hält die Nutztierhaltung derzeit für das politische Thema schlechthin: „Sie ist zusagen die neue Atomkraft.“ So hätten die Grünen inzwischen in vielen Bundesländern Gestaltungsmacht und können die Bundespolitik sowie den Bundeslandwirtschaftsminister vor sich her treiben. Der Lebensmitteleinzelhandel sei – als Teil der Fleischkette – ebenfalls betroffen. Problematisch sei, dass es bislang – trotz aller Bemühungen – nicht gelungen ist, das Thema Tierwohl aus der Marktnische zu holen.
Deshalb würde sich der Lebensmitteleinzelhandel laut Christan Böttcher an der branchenübergreifenden Initiative Tierwohl (ITW) beteiligen. Er ist überzeugt, dass die Lebensmitteleinzelhändler es ernst meinen mit ihrem Engagement. Es sei alles andere als selbstverständlich, dass sie sich auf einen aus ihrer Sicht langen Zeitraum von drei Jahren festlegen. Jetzt seien die Verbraucher gefragt. Sie müssen mitmachen und überzeugt werden. Für Christian Böttcher ist dies die entscheidende Aufgabe der nächsten Monate.

Große Verunsicherung

Christian Rauffus, Geschäftsführer und Inhaber der Rügenwalder Mühle empfindet die derzeitige Situation ebenfalls als ernst. Die Gesellschaft stehe dem hohen Fleischkonsum und der Nutztierhaltung immer kritischer gegenüber. Mehr Tierwohl würde allerdings Geld kosten. Und diese Investitionen würden nicht dazu dienen, neue Märkte zu erschließen sondern, den Markt zu halten. Deshalb appellierte er an die Junglandwirte ihr Gesicht zu zeigen. Denn Christian Rauffus ist davon überzeugt, dass der Verbraucher in der gesamten Produktionskette „Fleisch“ dem Landwirt nach wie vor am meisten traut.
Dr. Torsten Staack, Geschäftsführer ISN-Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e. V, erwartet seitens der Landwirte eine breite Beteiligung an der wirtschaftsgetragenen Initiative Tierwohl. Obwohl gleichzeitig große Unsicherheit bezüglich der Betriebsentwicklung herrsche – gerade bei den Hofnachfolgern. Denn die Schweinehalter müssen vorfinanzieren, ohne sicher sein zu können, dass sie tatsächlich bei der ITW dabei sind. Das wurde auch in der abschließenden Podiumsdiskussion und den Nachfragen der Junglandwirte deutlich. Torsten Staack erwartet einen enorm beschleunigten Strukturwandel und befürchtet eventuell sogar einen Strukturschock. Die wachstumsfähigen Betriebe würden sich derzeit aber in Wartestellung begeben und an der ITW teilnehmen.
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