Login
Newsletter

35 Jahre für die Erneuerbaren

Externer Autor
am
13.03.2013

Franz Wittmann hat über 30 Jahre für das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt, das wie die joule im Deutschen Landwirtschaftsverlag erscheint, über erneuerbare Energien berichtet. Im Interview mit der joule blickt der Energie-Redakteur, der im Januar in Ruhestand ging, zurück.


 
joule: Herr Wittmann, erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Beitrag über Erneuerbare Energien? Worum drehte es sich damals?
 
Franz Wittmann: Meine ersten Beiträge zum Thema „Energie“ drehten sich nicht um die Erneuerbaren, sondern eher um das Energiesparen, zum Beispiel um Wärmedämmung bei Wohnhäusern, und um Wärmerückgewinnung. Das war bald nachdem ich 1977 zum Landwirtschaftlichen Wochenblatt gekommen war mein eigentliches Metier.
 
Sie haben Architektur studiert. Wie sind Sie zum Wochenblatt und zum Journalismus gekommen?
 
In die Redaktion kam ich direkt nach dem Abschluss meines Architekturstudiums. Das Ressort „Planen und Bauen“, das mir übertragen wurde, existierte bis dahin nicht. Und unter den Redaktionskolleginnen und –kollegen, die überwiegend Ökotrophologinnen und Agraringenieure waren und sind, war ich ein wenig Exot. Ganz ehrlich: Ich wusste zwar Bescheid über Baustoffe und Bauphysik und wie man Wohngebäude plant, aber über Stallbau hatten wir in den Vorlesungen nichts mitbekommen, geschweige denn über Alternativenergien. Immerhin hatte ich von Journalismus ein wenig Ahnung, weil ich in der Studienzeit Lokalberichterstattung für unsere Heimattageszeitungen gemacht hatte.
 
Hatten Sie denn zunächst überhaupt keinen Bezug zur Landwirtschaft?
 
Doch. Wir hatten zuhause in Niederbayern eine ganz kleine Nebenerwerbslandwirtschaft mit einer Handvoll Kühen, Schweinen und der ganzen Palette an Feldfrüchten und ein wenig Wald. Die paar Hektar bewirtschaften wir heute noch selbst mit Kartoffeln zur Direktvermarktung, Raps und Getreide. Von diesen Wurzeln konnte ich auch das ganze Berufsleben zehren. Vor allem habe ich versucht, bei den redaktionellen Themen nie die kleineren Betriebe aus dem Auge zu verlieren, weil sie nach wie vor einen guten Teil dazu beitragen, dass die Auflage des Landwirtschaftlichen Wochenblatts konstant bei 100.000 liegt.
 
Was war der Anlass für das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt, sich auch mit Energiethemen zu beschäftigen?
 
Die Erneuerbaren Energien sind in der Landwirtschaft ja grundsätzlich nichts Neues. Deswegen waren vor allem das Heizen mit Holz, die Windenergie oder die Wasserkraftnutzung schon immer im Wochenblatt, das es übrigens seit 1810 gibt, präsent, wenn auch nur sporadisch. In einer Ausgabe von 1814 findet sich zum Beispiel die ausführliche Beschreibung einer windgetriebenen Wasserpumpe mitsamt ausfaltbarer Funktionszeichnung. In den 1970er-Jahren gab es dann verstärkt Aktivitäten, um alternative Energiequellen in der Landwirtschaft zu nutzen. Auslöser dafür waren die so genannte Energiekrise Anfang der Siebziger und die Heizölpreise, die sich plötzlich verdoppelt hatten. Mit Biogas, Wärmerückgewinnung aus der Stallluft und aus der Milch, solarer Warmwasser- und Trocknungslufterzeugung und neuen Holzheiztechniken wurde in dieser Zeit nicht nur experimentiert, sondern zumindest ein Teil davon kam auch in die Praxis. Da wollten und mussten wir selbstverständlich dabei sein.
 
Da wurde also schon das Ressort „Energie“ eingeführt?
 
Zunächst handelten mein Kollege Karl Bauer und ich die Energiethemen in unseren Ressorts „Landtechnik“ und „Planen und Bauen“ ab. 1979 brachten wir eine umfangreich Sonderbeilage mit dem Titel „Energie `80“ und ab Anfang der 1980er-Jahre betreute ich dann die neu installierte Rubrik „Energie“ allein. Photovoltaik spielte sich ja damals noch im Weltraum ab. Nach der Ölkrise wurden in erster Linie Solarwärmeanlagen gebaut.
 
Haben Sie auch vor allem über Biomasse und Solarthermie berichtet?
 
Das mit der Photovoltaik stimmt nicht ganz. In der besagten Beilage von 1979 hieß ein Beitrag „Mit Sonnenstrom ins neue Jahrzehnt“. Verschiedene Anwendungsfälle für Solarzellen deuteten sich nämlich an, in erster Linie als Insellösungen für die Eigenstromversorgung. Aber trotzdem war Photovoltaik vor allem etwas für begeisterungsfähige Individualisten. Denn, so war in dem Beitrag vermerkt, die Siliziumzellen kosteten zu der Zeit „noch zwischen 18 und 25 Mark je Watt Leistung“.
Ein alltagstauglicher Anwendungsfall waren Solar-Weidezaungeräte.
 
Und wie war es mit den anderen Erneuerbaren?
 
Auf dem Biogassektor herrschte Ende der 1970er-Jahre viel Optimismus. Besonders bei der Landtechnik Weihenstephan wurde da geforscht und experimentiert. Treibende Kraft dort war Dr. Heinz Schulz, ein absoluter Praktiker einerseits und andererseits bei den Erneuerbaren Energien ein Visionär. Er hatte zunächst Selbstbausystem für landwirtschaftliche Gebäude entwickelt, verschrieb sich aber dann ganz den Erneuerbaren Energien. Die Selbstbausysteme für Warmwasserkollektoren hatten in Weihenstephan ihren Anfang, ebenso gab es Selbstbaukurse und Bauanleitungen für verschiedene Kleinwindkraftanlagen und für Warmluftkollektoren zu Trocknungszwecken. Schulz experimentierte darüber hinaus mit Erdwärmenutzung, mit der Wärmenutzung aus der Festmistrotte und vielem mehr. Das Wochenblatt gab ihm ein Forum, um seine Ideen zu multiplizieren. Parallel zu Schulz arbeitete in Freising-Weihenstephan Dr. Arno Strehler an der Weiterentwicklung von Holzheizungssystemen. Er verhalf der Zentralheizungstechnik auf Holzbasis zum Durchbruch. Scheitholzkessel wurden durch neue Abbrandprinzipien effizienter und umweltfreundlicher. Eine Erfolgsgeschichte wurden vor allem die Hackschnitzelheizungen mit automatischer Beschickung. Beim Biogas war übrigens die große Euphorie Mitte der 1980er-Jahre wieder verpufft.
 

 
Noch kein joule-Leser? Hier geht es zum Abo
 
 
Wie ging es weiter mit Ihrem Energie-Ressort?
 
1983 hatte ich ein vierwöchiges Energieberaterseminar mitgemacht, um mir weiteres Basiswissen über Biogas, Wasser- und Windkraft, Wärmepumpen und Solarenergie anzueignen. Es gab auch genügend veröffentlichungswürdige Themen. Aber es brauchte manchmal ein wenig redaktionsinternen Kampf, um für sie Platz im Wochenblatt zu finden. Denn erstens hatten die „Bioenergien“ in der breiten Öffentlichkeit vor 30 Jahren noch erhebliche Akzeptanzprobleme und stießen auch in der Landwirtschaft nicht auf ungeteiltes Interesse. Zweitens lebt eine Zeitschrift nicht nur von den Abonnementeinnahmen, sondern genauso von den Anzeigen. Und die waren zu den Erneuerbaren Energien anfangs dünn gesät, mit Ausnahme der Holzheiztechnik. Keine Inserate, keine redaktionellen Seiten – ganz so drastisch ist es zwar nicht, doch ein gewisser Zusammenhang besteht.
 
Wann sind denn die Anzeigen mehr geworden?
 
Erst vor etwa 15 Jahren sind die Anzeigen zu den Erneuerbaren Energien kontinuierlich mehr geworden, zunächst zur Biogastechnik, schließlich zur Photovoltaik und jetzt auch zur Windenergie. Das redaktionelle Umfeld mit regelmäßig mehreren Energieseiten in jedem Heft hatten wir längst geschaffen. Allerdings glaube ich, dass manche Werbeetatveranwortlichen, speziell in der PV-Branche, bis heute nicht so ganz realisiert haben, welche große Bedeutung der Absatzmarkt Landwirtschaft für ihre Produkte hat.
 


Interview-Teil 2: "Mich wundert der sorglose Umgang mit der Energie"
 

"Mich wundert der sorglose Umgang mit der Energie"

 

Journalist Franz Wittmann spricht im zweiten Teil des Interviews über die spannendsten Entwicklungen der vergangenen 30 Jahre und appelliert beim EE-Ausbau einen wichtigen Aspekt nicht aus den Augen zu verlieren.

 

 


 
Über 30 Jahre haben Sie über Erneuerbare Energien berichtet. Hätten Sie sich damals träumen lassen, dass heute mehr als ein Viertel des Stromverbrauchs in Deutschland aus regenerativen Energien gedeckt wird, dass es zu 100 Prozent solar beheizte Häuser gibt und Windenergie-Anlagen mit 5 Megawatt Leistung?
 
Eigentlich hätte ich gedacht, dass es mit der Windenergie schneller vorangehen würde. Growian, die riesige Versuchs-Windkraftanlage mit drei Megawatt Leistung an der Nordseeküste, gab ja Anlass zu dieser Hoffnung. Ich hatte sie mir kurz vor der Inbetriebnahme 1983 angesehen – privat, weil sie für eine Berichterstattung für das Wochenblatt eher nicht in Frage kam. Nur im Münchener Merkur hatte ich über das Projekt geschrieben. Die Anlage wurde bald zum Flop und warf die Windkraft eher zurück, als dass sie sie vorwärts brachte. Worüber ich mich manchmal wundere ist, dass so viele Bauern, selbst solche, die eher konservativ eingestellt sind, was Investitionen betrifft, groß in die PV eingestiegen sind. Schließlich ist trotz abgesicherter Vergütung für den Strom und trotz aller Versicherungen ein gewisses Restrisiko vorhanden. Deshalb sind nach meiner Meinung höhere Renditen als bei herkömmlicher Geldanlage durchaus gerechtfertigt.
 
 
 
Wie geht es Ihnen, wenn Sie erst Boomjahre wie die vergangenen erleben und dann Querschüsse wie den aktuellen von Bundesminister Altmaier?
 
Das ständige Auf und Ab ist man inzwischen gewohnt. Bei der EEG-Verlängerung hat es doch auch immer Hängepartien gegeben, wo Investitionsbereite und die Firmen nicht wussten, wie es weitergeht. Bei den verschiedensten Förderprogrammen für Energiesparmaßnahmen oder für Heizungsumstellung und Kesselerneuerung war es ähnlich. Da sind manche Antragsteller durchs Raster gefallen, weil sie beim Windhundverfahren nicht schnell genug waren. Mehr Kontinuität bei der Energiepolitik wäre längst angesagt.
 
Was hat Sie am meisten gewundert in all der Zeit?
 
Am meisten wundert mich, wie sorglos ein Großteil der Bevölkerung noch immer im Umgang mit der Energie ist. Die Konzepte und Diskussionen drehen sich hauptsächlich um Energiebereitstellung und –transport, während das Thema Energiesparen zu kurz kommt. Es kann doch, als banales Beispiel, nicht sein, dass moderne Fernseher keinen Knopf haben, mit dem man den Stand-by-Betrieb ausschalten kann. Und ärgern tue ich mich, wenn die Tank-Teller-Diskussion von Menschen geführt wird, die sich ihren Einkaufswagen so voll packen, dass man schon an der Kasse sieht, dass sie das alles unmöglich essen können.
 
Welche Erlebnisse und Begegnungen sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben? Gab es außergewöhnliche Ereignisse?
 
Eine besonders heikle Geschichte war 1986 der Artikel „Den Weizen verheizen?“. Trotz Fragezeichen in der Überschrift forderte er einen Aufschrei geradezu heraus. Etliche Flops bei den Erneuerbaren, neben Growian, sind ebenfalls in Erinnerung geblieben. Dazu gehören die Stirling-Motorentwicklung für Aggregate um die 40 kW Leistung, in die in den 1990er-Jahren viele Millionen Mark Fördermittel geflossen sind, oder auf dem Sektor Nachwachsende Rohstoffe der von Bayern geförderte Bau eines Werks für Schafwolldämmstoffe, das bald wieder in der Versenkung verschwand. Berichtet wurde natürlich auch über diese Sachen; für Journalisten ist es ja ein gewisser Zwang, immer ein wenig voraus zu sein. Aber speziell beim Landwirtschaftlichen Wochenblatt mit seiner wie erwähnt über 200jährigen Tradition und hoher Akzeptanz und Glaubwürdigkeit in der Leserschaft war das ständig eine Gratwanderung und Gewissensfrage: Auf der einen Seite nichts verpassen, auf der anderen nicht zu riskanten Investitionen verleiten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Holzvergasertechnik, von der man immer wieder glaubte, der Durchbruch sei geschafft, und mit der doch einige hereingefallen sind. Erst neuerdings scheinen die Anlagen wirklich standfest.
 
Haben Sie privat auch regenerative Anlagen?
 
Wir heizen mit Holz, haben einiges für die Wärmedämmung getan und hatten diverse Erdgasautos. Gerade sind wir mit unseren Nachbarn dabei, ein Nahwärmenetz auf Hackschnitzel-Basis auf die Beine zu stellen. Die wirtschaftliche Umsetzung ist nicht einfach, weil nur ein knappes Dutzend Einfamilienhäuser angeschlossen werden kann und kein größerer Abnehmer dabei ist. Trotzdem hoffen wir, dass wir es mit Unterstützung durch die Straubinger Energieberatung schaffen.
 
Was geben Sie Ihrem Nachfolger Rainer Königer mit auf den Weg?
 
Man muss versuchen, bei aller notwendigen Fachinformation die Beiträge und das Themenspektrum so hinzubekommen, dass sie für eine möglichst breite Leserschaft interessant sind.
 
Und was erhoffen Sie sich für die nächsten 30 Jahre von den Erneuerbaren Energien?
 
Um den Kreis zur Architektur zu schließen: Bei aller Notwendigkeit, die Erneuerbaren weiter auszubauen, ist zu hoffen, dass Gestaltungsfragen bei den Anlagen und Gebäuden und ihr Einfluss auf die Landschaft nicht ganz außer Acht gelassen werden. 

Interview mit Franz Wittmann Teil 1: 35 Jahre für die Erneuerbaren

 

Auch interessant