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Atomkatastrophe in Japan: Strahlengefahr für Region steigt

von , am
21.03.2011

Tokio/Zürich - In der Region um das Katastrophen-AKW Fukushima steigt die Strahlengefahr für die ausharrenden Menschen.

Atomkraftzeichen
In mehr als 100 Kilometer Entfernung vom AKW Fukushima wurden in Spinat deutlich erhöhte Werte von radioaktivem Jod gemessen. © fotolia
Die Regierung forderte die komplette Bevölkerung in dem Dorf Iitate in Fukushima auf, kein Leitungswasser mehr zu trinken. Messungen dort hätten Werte von 965 Becquerel Jod pro Liter Leitungswasser ergeben, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo unter Berufung auf das Gesundheitsministerium. Der Grenzwert liege aber bei 300 Becquerel, heißt es auf der Website des Dorfes, das innerhalb der 30-Kilometer Zone um das AKW Fukushima liegt. In mehr als 100 Kilometer Entfernung vom AKW wurde in Spinat radioaktives Jod gemessen, dessen Menge den Grenzwert um das 27-fache übersteigt. Die Behörden riefen die betroffenen Gemeinden auf, verstrahlte Lebensmittel nicht in den Handel zu bringen. Bei dem Ort Hitachi, 100 Kilometer südlich des Kraftwerks, wies Spinat einen Jod-131-Wert von 54 000 Becquerel und einen Cäsium-Wert von 1931 Becquerel je Kilogramm auf. Die Grenzwerte liegen in Japan bei 2000 Becquerel für Jod und bei 500 Becquerel für Cäsium. Auch bei Milch aus der Umgebung von Fukushima wurde eine überhöhte Strahlenbelastung festgestellt.
 
Die Weltgesundheitsorganisation WHO ist über die Belastung von Lebensmitteln durch austretende Radioaktivität im Norden Japans "stark besorgt". Das erklärte am Montag ein WHO-Sprecher in Genf auf Anfrage. Noch in der vergangenen Woche hatte die WHO die Lage im Zusammenhang mit den havarierten Atommeilern als nicht Besorgnis erregend eingestuft. Man werde sich der Lage mehr und mehr bewusst, sagte der Sprecher. "Die Dinge haben sich ganz sicher seit der vergangenen Woche bewegt." Wie ernst die Lage sei, müsse weiter untersucht werden, sagte der Sprecher. Damit seien auch WHO-Experten befasst.

Minsterpräsident Kan: Vorbereitungen für Wiederaufbau laufen

Ministerpräsident Naoto Kan sprach am Montag gleichwohl von einem "langsamen, aber stetigen Fortschritt" in der Atomkrise. Wegen des schlechten Wetters sagte er einen geplanten Hubschrauberflug in das Katastrophengebiet ab. Die Vorbereitungen für den Wiederaufbau liefen jetzt, betonte Kan. Im havarierten AKW bereiten die Behörden den Einsatz gepanzerter Armeefahrzeuge vor. Damit sollen strahlende Trümmerteile weggeschafft werden, die unmittelbar neben den Reaktorblöcken liegen. Die Kühlungsversuche mit Wasserwerfern gehen weiter. Feuerwehrmänner und Soldaten der japanischen Streitkräfte besprühten am Montag erst den Reaktorblock 3, später dann Block 4. Weitere Spezialfahrzeuge sind auf dem Weg.
 
Im Reaktorblock 2 versuchen die Arbeiter, nach der Stromversorgung auch zentrale Funktionen im Kontrollraum in Gang zu bringen: zunächst die Beleuchtung und dann vor allem die reguläre Kühlung des Reaktors. Dies könne zwei bis drei Tage dauern, sagte Hidehiko Nishiyama von der Atomsicherheitsbehörde NISA. Die Entsorgung der Schrott-Reaktoren könnte sich bis zu zehn Jahre hinziehen - das berichtete die Zeitung "Asahi Shimbun" am Montag in ihrem Facebook-Profil und berief sich auf einen Informanten des AKW-Betreibers Tepco.

Kraftwerksarbeiter müssen mit Strahlentod rechnen

Jeder zweite der verbliebenen Arbeiter im havarierten AKW muss nach Einschätzung des Strahlenbiologen Edmund Lengfelder mit dem Strahlentod rechnen. "Wenn eine Gruppe von zehn jüngeren Leuten zwölf Stunden einer solchen Dosis Leistung ausgesetzt ist, werden 50 Prozent davon, also fünf Männer, den akuten Strahlentod sterben", sagte Lengfelder der Frankfurter Rundschau (Montag). Bei der anderen Hälfte der Männer steige das Krebsrisiko "massiv". Noch immer harren 350.000 Menschen in Notunterkünften aus. Zehntausende verbrachten eine weitere Nacht in bitterer Kälte und Regen. Zwar treffen allmählich Hilfsgüter ein und die Reparaturarbeiten unter anderem an den Gas- und Wasserleitungen sind im Gange, doch vielerorts mangelt es an Heizöl und Öfen.

Swiss Re: Erdbeben in Japan kostet 1,2 Milliarden Dollar

Der Schweizer Rückversicherer Swiss Re hat eine erste Schätzung für die Schäden aus dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan veröffentlicht. Der Konzern rechnet mit einer eigenen Schadensbelastung in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar (846 Mio Euro), wie er am Montag mitteilte. Allerdings sei der Unsicherheitsfaktor bei der Schadenschätzung besonders groß.
 
Das Erdbeben der Stärke 9,0 vom 11. März in Japan ist schon die vierte große Naturkatastrophe im laufenden Jahr nach den Überschwemmungen in Australien, dem Zyklon Yasni und dem Erdbeben in Neuseeland. Diese drei Ereignisse dürften Swiss Re bereits über 1,1 Milliarden Dollar kosten. Die Schadensbelastung in einem «normalen» Jahr liegt Analysten zufolge bei rund einer Milliarde Dollar. Der Betrag für das Erdbeben sei allerdings nun nicht viel höher, da für versicherte Erdbeben- und Tsunamischäden an Wohnbauten ein staatliches Rückversicherungsprogramm bestehe, hieß es. Bei Sachversicherungen sei zudem nukleare Verseuchung ausgeschlossen.
 
Die großen deutschen Rückversicherer Münchener Rück und Hannover Rück wollen sich nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Japan noch nicht auf ihre eigene Schadensbelastung festlegen. Sprecher beider Unternehmen sagten am Montag, die Schätzungen seien noch in Arbeit.
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