Login
Spezielles

Begehbare Auswege im Energie- und Umweltsektor

von , am
14.07.2011

Straubing - Am 11. und 12. Juli fand im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe das 19. CARMEN-Symposium 'Unendlich statt unwägbar - Erneuerbare Energien für die Zukunft' statt.

Mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gibt es auch einige Änderungen bei der Einspeisevergütung für Strom aus neuen Photovoltaikanlagen. © Dr. Klaus-Uwe Gerhardt/www.pixelio.de
Seit mehr als drei Jahrzehnten wird das Energie- und Klima-Thema mit steigendem Eifer diskutiert. Wie auch beim 19. CARMEN (Centrales Agrar-Rohstoff-Marketing- und Entwicklungs-Netzwerk e.V.)-Fach-Symposium unter der Leitung von Geschäftsführer Edmund Langer im bayerischen Straubing in den vergangenen beiden Tagen.
 
Den Hintergrund des Szenarios rund um Drohbotschaften und vielversprechende Alternativen skizziert der Leiter des seit zehn Jahren bestehenden Technologie- und Förderzentrums (TFZ), Bernhard Widmann, vortrefflich: "Wir leben mit fossiler Energie 1 : 500.000 über unsere (Natur-)Verhältnisse" - gemeint ist damit das Zeitverhältnis von Verbrauch und Entstehung jetzt vorherrschender Energieträger. Dieses Jahr zog das CARMEN-Symposium mehr als 300 spezifisch Interessierte aus dem ganzen deutschsprachigen Raum an. Der beschlossene Atom-Ausstieg Deutschlands hat den lange geplanten Symposiums-Schwerpunkt rund um erneuerbare Energie aus Biomasse zusätzlich bestätigt und aktualisiert.

Kapazität der Biomasse-Energie kann verdoppelt werden

Den Anteil der erneuerbaren Energie am Gesamtenergieverbrauch in Deutschland beziffert Frank Scholwin vom Deutschen Biomasse-Forschungszentrum in Leipzig für 2010 mit 11%. Davon kommen allein aus Biomasse 8%. Allerdings sei Biomasseenergie durch den absoluten Vorrang der Lebensmittelversorgung in der Agrarproduktion sehr begrenzt, betonte Scholwin, dennoch sei eine Steigerung des Biomasseanteils auf das Doppelte binnen eines Jahrzehnts möglich. Basis dafür sind frei werdende Flächen aus der Lebensmittelerzeugung durch höhere Hektarerträge und eine weiter steigende Effizienz der gesamten Agrarproduktion, insbesondere bei Energiepflanzen, die oft noch in der Startphase stehen. Bei Bioenergie sieht Scholwin unter allen erneuerbaren Quellen die größte Flexibilität in der Anwendung - von Wärme und Treibstoff bis Strom. Die Effizienz von der Produktion bis zum Verbrauch müsse aber in allen Details noch kräftig erhöht werden.
 
Auf der Verbrauchsseite müsse sich dazu eine Senkung des Wärmeverbrauches im Wohnbereich durch bauliche Maßnahmen sowie ein steigendes Energiesparbewusstsein schrittweise durchsetzen, forderte Scholwin. Aus wissenschaftlicher Sicht seien bei Vergleichen auch umfassende Bilanzen miteinzubeziehen, wie das Einrechnen von Futter als Nebenprodukt der Biotreibstoffproduktion oder deren regionale Effekte von Arbeitsplätzen bis zur Kilometerminimierung im Vergleich von dezentral erzeugter und eingesetzter Treibstoffe mit dem Aus von fossilen Varianten.

Alte Pflanzen als neue Energie- und Umwelt-Zukunft

In den zahlreichen Fachreferaten wurden in Straubing mehrere pflanzenbauliche Entwicklungen aufgefrischt oder neu vorgestellt: Von Zuckerrübe bis Wildpflanzen für Biogas - letztere auch mit einem deutlichen Umwelteffekt. Die Zuckerrübe hat in Europa marktbedingt viel an Fläche eingebüßt. Als Biogassubstrat erscheint sie aber hoch interessant. Sie vergärt im Fermenter vergleichsweise extrem schnell (binnen vier Tagen) und könnte so auch zur oft zitierten ausgleichenden Steuerung der erneuerbaren Energie (Wind, Solar, Biomasse) beitragen. Fast überraschend: die zuckerreichsten Rüben erweisen sich auch als die gasträchtigsten, verstärkt um den Rübenkopf, der der Zuckerproduktion wegen bei der Ernte gekappt wird. Mögliche höhere N-Düngung ist für den Gasertrag, der den von Mais teilweise übersteigt, nicht notwendig, so Christa Hoffmann vom Institut für Zuckerrübenforschung, die in der Rübe auch wieder eine Auflockerung der Mais-Fruchtfolgen sieht, die gebietsweise bereits bis zu 80% erreicht.
 
Wiederentdeckt wird in Deutschland seit einigen Jahren auch die "Durchwachsene Silphie" (Silphium perfoliatum), die Michael Conrad in Thüringen seit Jahren aus ehemaligen DDR-Versuchen betreut. Der ursprünglich aus dem Osten Nordamerikas stammende Korbblütler mit vierkantigem Stängel kann Tauwasser sammeln und bis zu drei Meter Wuchshöhe erreichen. Die mehrjährige (15 und mehr) Pflanze ist mit konventioneller Technik zu ernten und gut silierbar. Im Trockenmasseertrag kann sie den Mais fallweise sogar überragen - am Versuchsstandort Pahren 2009 beispielsweise mit 115 dt gegenüber 91 dt bei Mais. Wegen der langen Blühzeit ist sie auch eine sehr gute Bienenweide und durch das starke Wurzelsystem mit Neuaustrieb nach jeder Ernte auch ein wirksamer Erosionsschutz. Derzeit noch ungelöst ist die Saatgutproduktion als Korn für die Aussaat. Aktuell muss die Silphie als Pflanze mit Kosten von rund EUR 6.000,-/ha ausgesetzt werden und ist damit noch nicht praxisreif.
 
Eine mögliche Mais-Ergänzung im Biogassektor stellte Birgit Vollrath von der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau mit dem Projekt Wildpflanzen vor. Auf der Suche nach geeigneten Wildpflanzen wurden bisher 250 Pflanzenarten gesammelt, 80 davon in Versuch genommen und 20 im Praxiseinsatz auf rund 250 Hektar unter sehr differenten Bodenbedingungen (20 bis 80 Bodenpunkte) breiter beobachtet. Ziele sind neben einem nutzbaren Ertrag vielfältigere Fruchtfolgen und die Erfüllung pflanzlicher wie auch tierischer Habitat-Richtlinien. 
Auch interessant