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Bioenergie und Einkommen

Biogas auf der Kippe: Werden die Bauern durch Großanlagen verdrängt?

Biogasanlage.
am Freitag, 03.12.2021 - 14:19 (1 Kommentar)

Die Zahl der Biogasanlagen nimmt weiter ab. Die Stromerzeugung steigt. Verdrängen Großbetreiber die Bauern?

Die Zahl der Biogasanlagen in Deutschland hat 2021 das zweite Jahr hintereinander abgenommen. Die elektrische Leistung stieg jedoch deutlich, auf einen neuen Rekordstand. Der Grund: Die durchschnittliche je Anlage erzeugte Leistung hat kräftig zugenommen und erreicht einen neuen Höchststand.

Das liegt einerseits daran, dass auch viele Landwirte ihre Anlagen vergrößert und modernisiert haben. Auf der andere Seite bauen jedoch große gewerbliche oder industrielle Anlagenbetreiber ihre Kapazitäten immer weiter aus.

Mit Strom aus erneuerbaren und Biogasanlagen lässt sich nämlich zunehmend besser Geld verdienen, wie das Jahr 2021 und die aktuell sehr hohen Strompreise eindrucksvoll belegen.

EEG 21: Verlängerung der Förderung für Altanlagen

biogas.

Hinter den nackten Zahlen über die Zahl der Biogasanlagen und  den erzeugten Strom stecken jedoch einige gegenläufige und für Landwirte nicht unproblematische Entwicklungen. Zunächst einmal muss man wissen dass im Jahr 2021 mittlerweile fünfte Überarbeitung des EEG mit etlichen grundlegenden Änderungen in Kraft- sowohl was die Vergütung betrifft als auch die Vermarktung an der Strombörse und vor allem auch die Anschlussreglungen für die bestehenden Gülleanlagen über die Erneuerbaren Energienverordnung (EEV).

Das hat den oftmals geplanten Rückbau vieler älterer Analgen, die aus der Förderung gefallen wären, wenn nicht komplett verhindert so doch mindestens verzögert. Dazu sagte Guido Ehrhardt, Leiter Politik beim Fachverband Fachverband Biogas e.V. gegenüber der Regionalzeitung „Nordschleswiger“: „Insgesamt haben sich die Rahmenbedingungen für Bestandsanlagen verbessert. Ob es sich allerdings lohne, eine bestehende Biogasanlage nach Ablauf des EEG-Förderzeitraums für weiter zehn Jahre zu verlängern, hänge sehr von der Ausstattung und dem Zustand der jeweiligen Anlage ab".

„Es gibt sicher viele Anlagen, für die es sich lohnt“, sagt Erhardt. Die flexible Stromerzeugung verspreche nämlich Mehrerlöse in Zeiten, in denen viel Strom benötigt werde. Ehrhardt die Nachfrage und somit auch die Strompreise weiter hoch seien werden und entsprechend mehr Geld verdient werden kann. Das geht auch ohne Förderung.

Immer weniger und immer größere Anlagen

Leistung Biogasanlagen.

Doch die administrativen Auflagen und der Aufwand eine Biogasanlage zu betreiben lohnt sich immer öfter für Landwirte nicht – sondern vor allem für Großbetreiber. Das zeigen eben auch die Zahlen: Für 2021 werden in Deutschland noch 8600 Biogasanlagen ausgewiesen  100 weniger als im Jahr zuvor und 200 weniger als vor zwei Jahren. Gleichzeitig ist die installierte Leistung auf 6.443 Megawatt gestiegen von 6.293 im Vorjahr und 5.909 vor zwei Jahren. Das ist innerhalb von zwei Jahren ein Zuwachs von fast 10 Prozent.

Hintergrund ist das die Leistung je Anlage in zwei Jahre von 672 auf 749 Kilowatt zugelegt hat – ein Plus von 11 Prozent. Innerhalb von 10 Jahren hat sich die Anlagenleistung nahezu verdoppelt und zeigte eine deutliche gewerbliche Kommerzialisierung des Markes – wo viele Bauern nicht mehr mithalten können.  

Das bestätigt auch der Landwirt Jürgen-Peter Hinrichsen der sagt: „Es wird immer schwieriger. Es wird immer komplizierter. Bei jeder Verordnung kommt ein Formblatt dazu.“ Der Verwaltungsaufwand sei erheblich. „Die Förderung für Solar- und Biogasanlagen nach dem EEG wird nur noch für Großkonzerne gemacht“, kritisiert der Landwirt.

Er hat sich unter Berufskollegen umgehört und geht davon aus dass 70 Prozent der landwirtschaftlichen Betreiber trotzdem weiter machen wollen. „Ich kenne aber auch Anlagenbetreiber, die geben auf“, sagt Hinrichs gegenüber dem „Nordschleswiger“. Nach  den Daten der Bundesnetzagentur existieren in Deutschland rund 1.200 „kleinere“ landwirtschaftliche Biogasanlagen im Leistungsbereich bis 150 kWel, die vor dem Ende ihrer 20-jährigen EEG-Vergütung stehen und für die das EEG 2021 zunächst keine Anschlussförderung vorsah.

Bis zu 700 dieser Anlagen setzen mindestens 80 % Gülle ein. Im Mai 2021 wurden die Anschlussregelungen für bestehende Gülleanlagen mit der Erneuerbaren Energien Verordnung (EEV) jedoch verlängert. Anlagen bis 150 kW deren ursprünglicher Vergütungszeitraum bis zum 01.01.2025 endet, können danach für weitere zehn Jahre in dem für sie geltenden EEG verbleiben. Sie zählen nicht als Neuanlagen und müssen auch nicht die Voraussetzungen des EEG 2021 erfüllen.

Wieviel Geld können die Bauern verdienen?

Anlagenleistung.

Insgesamt habe sich mit der Novelle viel verbessert für den Bereich Biogas, darunter auch die Ausschreibungsbedingungen. „Ich bin vorsichtig optimistisch“, sagt Biogasexperte Guido Ehrhardt. Die meisten Anlagen hätten ja noch einige Jahre EEG-Laufzeit. Am Ende würden sicherlich auch einige Anlagen stillgelegt werden. Aber bis dahin gebe es ja noch weitere EEG-Novellen.

Nach EEG 2021 erhalten neue Biomasseanlagen bis zu einer installierten Leistung von 100 kWel  künftig eine Festvergütung in Höhe von 12,6 Cent je kWhel, sagt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR). Diese Vergütung ergibt sich aus dem anzulegenden Wert in Höhe von 12,8 Cent je kWhel und einer Reduktion für Biomasseanlagen in Höhe von 0,2  Cent je kWhel.

Der anzulegende Wert verringert sich ab Juli 2022 jährlich um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert. Die nicht als Neuanlagen klassifizierten oben genannten Altanlagenmüssen nicht die Voraussetzungen des EEG 2021 erfüllen. Spätestens ab dem Wechsel in die Anschlussförderung müssen sie jedoch mindestens 80 % Gülle vergären.

Sie erhalten eine Förderung in Höhe von 15,5 Cent je kWhel bis einschließlich 75 kWel Bemessungsleistung und 7,5 Cent  e kWhel bis zu 150 kWel Bemessungsleistung. Die Vergütung verringert sich ab 2022 jährlich um 0,5 Prozent gegenüber dem vorangegangenen Kalenderjahr.

Geld verdienen an der Strombörse

Biogas.

Biogasanlagen mit einer installierten Leistung bis zu 100 kW können ihren Strom zudem freiwillig an der Strombörse vermarkten: Damit erhalten sie einen Anspruch auf die Marktprämie erklärt die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe. Für Anlagen mit einer installierten Leistung zwischen 101 und 150 kW ist eien solche Direktvermarktung verpflichtend.

Die Auszahlung der Marktprämie an den Anlagenbetreiber erfolgt durch den Netzbetreiber. Den Strombörsenerlös erhält der Anlagenbetreiber von einem beauftragten Direktvermarkter, der den Strom an der Börse vermarktet. Erzielt der Direktvermarkter Erlöse, die über dem monatlichen Spotmarkt-Preis liegen, ist dies ein zusätzlicher Gewinn für den Anlagenbetreiber.

Durch die Marktprämie ist dem Anlagenbetreiber eine Mindestvergütung gesichert. Die Vermarktung des Stroms an der Börse kann zudem zusätzliche Einnahmen bringen.

Die Bundesregierung hat im EEG 2021 für Biomasseanlagen das Ausbauziel für 2030 auf 8,4 GW installierte Leistung festgelegt. Um dieses Ziel zu erreichen, hat man das jährliche Ausschreibungsvolumen auf 600 MW angehoben. Die Ausschreibungen für Biomasseanlagen finden jedes Jahr zu den Gebotsterminen 1. März und 1. September statt.

Die Höchstgebotswerte wurden für Neuanlagen auf 16,4 Cent je kWhel und für Bestandsanlagen auf 18,4 Cent kWhel angehoben. Sie verringern sich ab dem 1.1.22 jährlich um 1 % gegenüber dem jeweiligen Vorjahreswert.

Biogasexperte Ehrhardt rät Biogasbetreibern und denjenigen, die es noch werden wollen vor diesem Hintergrund: „Sie sollten sehr flexibel sein und den Markt gut im Auge behalten.“

Kommentar

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