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Strompreise und Energieversorgung

In Deutschland wird der Strom knapp – das merken auch bald die Bauern

solar.
am Donnerstag, 22.07.2021 - 12:17 (7 Kommentare)

Der Stromverbrauch in Deutschland steigt und steigt. Das hat massive Folgen für die Versorgung.

Der Stromverbrauch in Deutschland steigt rasant. Der Grund: Die deutlich verschärften Klimaschutzziele. Sie führen zu einem schnelleren und radikaleren Umbau der Energieversorgung in allen Bereichen der Wirtschaft und der Gesellschaft. Das Resultat könnte durchaus zweitweiser Strommangel und Abschaltungen in Spitzenlastzeiten und außerdem auch weiter steigende Strompreise sein. Dabei sind wir bereits jetzt – anders als im Fußball – Europa- und auch Weltmeister bei den Strompreisen.

Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWI) erwartet aktuell auf der Grundlage einer neuen Studie für 2030 einen Strom-Verbrauch von 645 bis 665 Terawattstunden. Das ist deutlich mehr - nämlich etwa 15 Prozent als bislang vom BMWI mit rund 580 Terawattstunden angenommen wurde. Theoretisch müsste die einstehende Lücke mit dem rascheren Ausbau  erneuerbaren Energien – also Windkraft und Solar – gestopft werden.

Praktisch scheint das aber aus verschiedenen Gründen sehr schwierig. Zumal diese Energiearten außerdem eben nicht kontinuierlich Strom liefern und die Gefahr von starken Stromschwankungen und Blackouts ohne einen kontinuierlichen Stromfluss zunimmt.

Bundesrechnungshof bereits mit massiver Kritik

strompreise.

Bereits im März hatte der Bundesrechnungshof in einem weiteren Sonderbericht dem Bundeswirtschaftsministerium vorgeworfen, die Energiewende unzureichend zu kontrollieren und mangelhaft zu steuern. „Seit unserer letzten Bilanz in 2018 hat sich zu wenig getan, um die Energiewende erfolgreich zu gestalten“, sagte im Frühjahr der Präsident des Bundesrechnungshofs, Kay Scheller, bei der Vorlage des zweiten Sonderberichts: „Das ist ernüchternd.“  

Die Bundesregierung habe „die sich abzeichnenden, realen Gefahren für die Versorgungssicherheit nicht ausreichend im Blick“, heißt es in der Untersuchung. Das Monitoring der Energiewende sei „lückenhaft“. Auch seien im jetzigen System „immer höhere Strompreise“ zu befürchten.

Der Bundesrechnungshof geht davon aus, dass für die Stromversorgung einschließlich des Netzausbaus in den Jahren 2020 bis 2025 zusätzliche 525 Milliarden Euro aufzubringen seien. Die Strompreise für Privathaushalte lägen bereits um 43 Prozent über dem europäischen Durchschnitt.

Prognosen sehen noch einen deutlich höheren Stromverbrauch

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Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat nun eine neue Prognose verkündet: Danach soll der Stromverbrauch auf 645 bis 665 Terawattstunden steigen, mit einem Mittelwert von 655 Terawattstunden. Dabei stützt er sich auf erste Ergebnisse einer Studie, die das Institut Prognos erstellt hat. Das BMWI begründet den starken Verbrauchsanstieg mit den verschärften Klimazielen, die Ende Juni verabschiedet wurden.

Diese starke Korrektur des Stombedarfs hat große Auswirkungen für die Energiepolitik. Da immer mehr konventionelle Kraftwerke abgeschaltet würden, müsste der zusätzliche Bedarf durch Solarstrom und Windenergie erbracht werden. Die abschließenden Ergebnisse der Studie von Prognos sollen im Herbst vorliegen.

Das Energiewirtschaftliches Institut der Kölner Universität (EWI) rechnet in einer anderen Studie für 2030 allerdings mit einem noch deutlich höheren Stromverbrauch als das BMWI – nämlich mit 748 Terawattstunden. Das wären nochmals 80 bis 100 Terawattstunden mehr als die aktuelle Prognose des BMWI unterstellt.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) erwartet ebenfalls einen deutlich höheren Bedarf als das BMWI – nämlich 740 Terawattstunden.

Ökostromlücke ist riesig

Auch die heraufgesetzte Prognose werde der Sektorenkoppelung nicht gerecht, sagt  jedoch Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V. (BEE).

„Der ersten Ankündigung vor einigen Wochen, die bisherigen Berechnungen als zu niedrig einzustufen, folgt nun eine höhere Prognose aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Diese wird allerdings weiterhin nicht dem Markthochlauf von Sektorenkopplungstechnologien in Deutschland gerecht.

Hierfür sind für ein THG-Minderungsziel von 65 Prozent rund 100 TWh mehr nötig“, sagt die Präsidentin des Bundesverbands Erneuerbare Energie e.V..

Je länger mit dem beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren Energien gewartet würde, desto eher drohe eine Ökostromlücke, sagt Peters weiter. Im kommenden Jahr werde der Atomausstieg abgeschlossen und Kohlekraftwerke seien aufgrund hoher CO2-Preise kaum mehr rentabel.

E-Autos und Wämepumpen brauchen viel Strom

Eine realistischere Prognose des Strombedarfs war längst überfällig, sagt auch Kerstin Andreae, Vorsitzende der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V (BDEW) -Hauptgeschäftsführung. „Es ist schon seit Langem klar, dass mehr Strom benötigt wird, wenn Millionen E-Autos und Wärmepumpen auf dem Markt sind und immer mehr grüner Wasserstoff produziert wird.

Die Bundesregierung hätte ihre Prognose schon viel früher anpassen können.“ Die neuen CO2-Minderungsziele des novellierten Bundes-Klimaschutzgesetzes hätten den Handlungsdruck jedoch noch einmal deutlich verschärft.

So geht der BDEW von einem noch größeren Strombedarf in Höhe von etwa 700 Terawattstunden aus. „Aus unserer Sicht ist zudem ein höherer Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung von 70 Prozent bis 2030 erforderlich, wenn die Klimaziele überhaupt werden sollen."

Erneuerbare sind erst bei 17 Prozent

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Was die Stromlücke konkret bedeutet, zeigt sich, wenn wir den Anteil der Erneuerbaren Energien am gesamten Primärenergiebedarf in Deutschland betrachten: Hier haben regenerative Energien erst einen Anteil von 17 Prozent, sagt Andreae.

Außerdem hat auch das Bundeswirtschaftsministerium die Notwendigkeit des Netzaus- und Umbaus betont. Nur ein konsequenter Netzausbau stellt sicher, dass grüne Energie jederzeit dorthin gelangen kann, wo sie gebraucht wird. Hierfür werden Milliarden-Investitionen erforderlich sein, sagt die BDEW-Geschäftsführerin.

Deshalb müssten die notwendigen Netz-Investitionen auch für Investoren und Kapitalgeber attraktiv bleiben. „Um die Versorgungssicherheit auf dem aktuell sehr hohen Niveau zu halten, müssen zudem alle Flexibilitätspotenziale beispielsweise über Lastmanagement und Speicher gehoben werden. Unabdingbar für die erforderliche gesicherte Leistung ist außerdem ein Zubau von Gaskraftwerken, die Wasserstoff-tauglich sind und zunehmend mit klimaneutralen Gase betrieben werden.“

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