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Aus der Wirtschaft

Disput um neue Bioenergiestudie

von , am
30.07.2012

Berlin - Die neue Analyse der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zu den Grenzen und Möglichkeiten der Nutzung von Bioenergie hat heftige Reaktionen hervorgerufen.

Deutsche Forscher fordern den weitgehenden Verzicht auf einen Ausbau der Energieerzeugung aus Biomasse. © Thomas Nielandt/pixelio.de
Laut der veröffentlichten Stellungnahme kann die Bioenergie keinen quantitativ wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten, heute nicht und auch nicht in Zukunft. Daher sollte auch der weitere Ausbau von Biokraftstoffen aufgegeben werden.
 
Im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energieressourcen wie der Photovoltaik, der Solarthermie und der Windenergie verbrauche Bioenergie zu viel Fläche und sei häufig mit höheren Treibhausgasemissionen und Umweltbeeinträchtigungen verbunden. Zudem konkurriere Bioenergie potentiell mit der Herstellung von Nahrungsmitteln. Vorrang solle stattdessen der Einsparung von Energie sowie der Verbesserung der Energieeffizienz haben.

Namhafte Wissenschaftler

An der Stellungnahme hatten mehr als 20 Wissenschaftler der 2010 eingesetzten Arbeitsgruppe Bioenergie mitgewirkt, darunter Dr. Nicolaus Dahmen vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Prof. Peter Weiland vom Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut in Braunschweig. Beide Forscher sind seit Jahren im Bioenergiebereich tätig und galten bisher eher als Befürworter. Der Bundesverband BioEnergie (BBE) und der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) zweifelten die Argumentation an und äußerten ihr volles Unverständnis, ebenso der Bioenergierat. Kritik kam auch von den FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Christel Happach-Kasan und Rainer Erdel. Der Anbauverband Bioland begrüßte dagegen die Ergebnisse der Analyse und forderte den kompletten Ausstieg aus der Biokraftstoffproduktion.

Rechnungen fehlerhaft?

Nach Meinung der Wissenschaftler eignet sich der weitere Ausbau der Bioenergie nicht dazu, den Verbrauch von fossilen Brennstoffen und die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren. Die bisherigen Rechnungen und Annahmen dazu seien häufig fehlerhaft. Der Ressourcenverbrauch bei der Bioenergieproduktion wird laut Lepoldina nur unvollständig eingerechnet. Die Europäische Union sollte daher ihr Konzept überdenken, wonach bis 2020 möglichst 10 Prozent des Treibstoffes für Transportzwecke aus Biomasse bereitzustellen seien.

Biogas aus Gülle positiv

Potential sehen die Forscher bei einer kombinierten Nahrungsmittel- und Bioenergieproduktion, wo Mist und Gülle aus der Tierhaltung sowie Lebensmittelabfälle und pflanzliche Reststoffe verarbeitet werden. Allerdings warnen sie davor, zu wenig Biomasse auf den Feldern zu belassen, da das den Bodenfunktionen schade. Die Autoren fordern eine komplette Kohlenstoff-Kreislauf-Analyse, bei der auch die CO2-Kosten berücksichtigt werden, die beim Verbrauch von fossiler Energie in der landwirtschaftlichen Produktion von Biomasse und in den Umwandlungsprozessen zu Bioethanol, Biodiesel oder Biogas entstehen. Sie sind überzeugt, dass diese Kosten in einigen Fällen so hoch seien, dass sie die Einsparungen an Treibhausgasen aufhöben, die durch eine geringere Verwendung von fossilen Brennstoffen erzielt würden.

Technischen Aspekte abgedeckt

Die Nationalakademie ist sich bewusst, dass ihre Bewertung viel weniger optimistisch ausfällt als die Einschätzung im kürzlich veröffentlichten Sonderbericht zu erneuerbaren Energien (SRREN) des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und die jüngste Stellungnahme des BioÖkonomieRates. In ihrem Bericht verweist die Leopoldina ausdrücklich auf das Positionspapier "Biotechnologische Energieumwandlung in Deutschland" der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech), bei der sie vor allem die technischen Aspekte der Bioenergie abgedeckt sieht.

acatech: EEG für Biokraftstoffe

Die acatech kommt dabei allerdings zu einem differenzierteren Urteil. Sie meint, speicherbare Bioenergieträger wie Biogas oder Bioethanol seien für die Versorgung mit regenerativen Kraftstoffen unersetzlich. Freilich setzt auch die Akademie vor allem auf die Nutzung von Reststoffen. Sie empfiehlt außerdem, die Verteilung der Rohstoffe in die verschiedenen Segmente politisch zu steuern. Insbesondere eine Verbrennung der Rohstoffe solle nicht noch weiter gefördert werden. Für Biokraftstoffe würden ähnlich sichere und langfristig stabile gesetzliche Rahmenbedingungen gebraucht, wie sie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für regenerativen Strom gewähre.

FDP verweist auf Schwächen der Studie

Die agrar- und ernährungspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Happach-Kasan, vermisste im Expertenteam der Leopoldina Agrarwissenschaftler, insbesondere da die Autoren ausdrücklich auf den Verbrauch und die Endlichkeit von Phosphor hinwiesen. Gleichzeitig werde die Holzproduktion in Kurzumtriebsplantagen oder Agroforstsystemen nicht berücksichtigt, ebenso Kopplungsprodukte aus der Kraftstoffproduktion aus Ölsaaten, die als Eiweißfuttermittel in der Tierhaltung Verwendung fänden. Für die FDP-Politikerin sind Biogasanlagen eine Erfolgsgeschichte, die fortgeschrieben werden müsse.

Vorteile nicht kleinreden

Die Biogasproduktion sei die einzige regenerative Energiequelle, welche derzeit gute Speicher- und Puffermöglichkeiten biete, um Schwankungen im Stromnetz auszugleichen, betonte Happach-Kasan. Ihr für erneuerbare Energien zuständige Fraktionskollege Erdel ergänzte, ganz ohne Zweifel begrenze die verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche den Ausbau der Bioenergie. Er sieht jedoch keinen Grund, "den potentiellen Beitrag der Bioenergie zur Energiewende kleinzureden". Die schwarz-gelbe Koalition habe bereits vor längerem erkannt, dass es beim Zubau der Bioenergie eine Überhitzung gebe. Daher sei mit einer Reform des EEG reagiert worden. Bei weiterer Verbesserung der Flächenproduktivität und noch stärkerer Konzentration auf den Einsatz von Rest- und Koppelprodukten wie etwa Gülle sei auch für absehbare Zukunft noch Potential für die Bioenergie gegeben.

Keine andere Alternative

In den Augen von VDB und BBE verkennen die Autoren der Leopoldina-Stellungnahme wesentliche Vorteile der Nutzung von Biokraftstoffen im Verkehrsbereich. Außer Biodiesel und Bioethanol gebe es hier derzeit keine andere einsatzfähige Alternative zu fossilen Kraftstoffen. Auch die von der Leopoldina empfohlene Solar- und Windenergie spiele für den Straßenverkehr keine Rolle, weil von den rund 51 Millionen Fahrzeugen in Deutschland nur etwa 4 600 einen elektrischen Antrieb hätten. "Die Leopoldina empfiehlt letztlich, weiter auf fossiles Erdöl im Verkehr zu setzen - ein Unding angesichts der massiven Schäden und Risiken für Umwelt und Klima", fasste VDB-Geschäftsführer Elmar Baumann zusammen. Die problematische Erdölförderung in der Tiefsee oder in der Arktis und die Abholzung zur Ölsandgewinnung sollten auch der Nationalen Akademie bekannt sein. Zudem hätten sich die Verfasser der Studie offenbar nicht ausreichend mit der europäischen Gesetzgebung zur Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Biokraftstoffe führten entgegen vielfach geäußerten Annahmen nicht zu vermehrtem Hunger in Entwicklungsländern, sagte Baumann. Die Ursachen für Mangelernährung seien vielmehr Armut, schlechte Regierungsführung, Korruption, Bürgerkriege und Wetterextreme.

Vorgefertigte Antworten

Der Biogasrat hält die Studie der Leopoldina für ein "Sammelsurium an interessanten Fakten, Vorurteilen, Halbwahrheiten und Fehlern, offensichtlich zusammengeschustert ohne roten Faden". Biogasrat - Geschäftsführer Reinhard Schultz erklärte, die Empfehlungen hätten offenbar schon vorher festgestanden und wenig mit den vorgetragenen Fakten zu tun. Probleme der Nachhaltigkeit in anderen Ländern würden bruchlos auf Europa und Deutschland übertragen. Die Aussagen über die Verfügbarkeit von Flächen für den Energiepflanzenanbau widersprächen allen nationalen und internationalen Studien.

Vernichtenes Urteil des Biogasrates

Kritische Hinweise der Leopoldina auf die Treibhausgasbilanz von Bioenergien seien längst Gegenstand politischer Gestaltung. Schultz ist überzeugt, dass sich offenbar keiner der beteiligten Autoren weder mit der Praxis der Bioenergieproduktion und -nutzung noch mit den rechtlichen Rahmenbedingungen befasst habe. Biokraftstoffe müssten schon heute 35 Prozent Treibhausgasminderung gegenüber dem europäischen Kraftstoffmix nachweisen, 2018 würden es 70 Prozent sein. Der Biogasrat+ stimmt lediglich dem Hinweis der Leopoldina zu, künftig verstärkt organische Reststoffe für die Biogasproduktion zu nutzen. Der Vorschlag, mehr Photovoltaik und Windkraft anstelle von Biomasse für die Energieversorgung bereitzustellen, sei allerdings - zumindest auf Photovoltaik bezogen - geradezu aberwitzig.

Forderungen bereits umgesetzt

Nach Auffassung des bayerischen Technologie- und Förderzentrums (TFZ) im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe (KNR) wurden viele Forderungen der Studie längst in der Praxis umgesetzt, beispielsweise die Bewertung von Treibhausgasemissionen während des gesamten Lebenszyklus. Auch die Forderung nach einer kombinierten Nahrungsmittel- und Bioenergieproduktion werde gerade bei der Herstellung von Biodiesel und Rapsölkraftstoff aus heimischen Ölsaaten und Ethanol aus Stärkepflanzen längst praktiziert, unterstrich TFZ-Leiter Dr. Bernhard Widmann. Bei der Verarbeitung von Rapssaat fielen zu einem Drittel Kraftstoff und zu zwei Drittel wertvolles Eiweißfuttermittel an. Dadurch könnten unter anderem Sojaimporte aus Südamerika verringert werden. Alle an der Tankstelle erhältlichen Biokraftstoffe leisteten einen großen Beitrag zur Schonung fossiler Ressourcen und zur Verringerung der Klimaerwärmung.

Erneuerbare Energien gezielt fördern

Zustimmung kam dagegen vom Anbauverband Bioland. Als Konsequenz aus der Analyse sollte europaweit die Produktion von Biokraftstoffen aufgegeben werden. "Die Förderung von Biosprit und Biodiesel über festgelegte Biokraftstoffquoten verstärkt die Flächenkonkurrenz zur heimischen Lebensmittelproduktion und ist schlecht für die Umwelt", erklärte Bioland-Präsident Jan Plagge. Die Politik sollte erneuerbare Energien vielmehr gezielt fördern. Photovoltaik, Solarthermie und Windenergie seien deutlich effizienter. Deren Flächen- und Treibhausgasbilanzen seien der Bioenergie vom Acker weit überlegen. Auch die Umweltbeeinträchtigungen seien niedriger. Die Einsparung von Energie und Verbesserung der Energieeffizienz müsse absoluten Vorrang haben, so Plagge. Allein die Produktion von Biodiesel aus Raps belege in Deutschland dagegen fast eine Million Hektar  wertvolle Ackerfläche. Diese Fläche könnte zum Beispiel zur Verdopplung des Biolandbaus genutzt werden.
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