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Interview

E-Autos laden mit Strom aus einer Photovoltaikanlage: Lohnt sich das?

Ladestation für E-Autos
am Sonntag, 06.11.2022 - 05:00 (Jetzt kommentieren)

Das Interesse an Elektrofahrzeugen wächst stetig. Wie sieht es mit ihrer Nachhaltigkeit aus und ermöglichen sie tatsächlich eine klimagerechte Mobilität? Norbert Bleisteiner nimmt hierzu Stellung.

Immer häufiger sieht man sie auf unseren Straßen: Autos mit einem „E“ auf dem Nummernschild. Und das Interesse für diese Elektro- und Hybridfahrzeuge dürfte mit den steigenden Spritpreisen weiter zunehmen. Wie nachhaltig und klimafreundlich sind diese Autos wirklich? Über seine Meinung und praktischen Erfahrungen zur Elektromobilität gibt Norbert Bleisteiner, dem Leiter des Fachzentrums für Energie und Landtechnik Triesdorf, ein Statement ab.

Sind Elektrofahrzeuge die Lösung, um das Klima zu retten?

Klimagerecht wird Elektromobilität nur, wenn überwiegend Strom aus erneuerbaren Energien genutzt wird. Davon sind wir aber noch weit entfernt, insbesondere wenn man die aktuellen Herausforderungen durch die Erdgasverknappung und die Konsequenzen für die Stromproduktion berücksichtigt. Deshalb ist es umweltpolitisch essenziell, zuerst den Ausbau der erneuerbaren Energien drastisch zu beschleunigen, bevor über weitere Förderprogramme die Umstellung auf Elektromobilität forciert wird. Im Worst Case haben wir ansonsten Millionen von Elektro-Autos, die mit Kohlestrom betrieben werden und damit den CO2-Ausstoß in die Höhe schnellen lassen.

Wie sieht es bei den Elektrofahrzeugen im Individualverkehr aus?

Wir sind überzeugt, dass Elektrofahrzeuge einen wichtigen Beitrag für den Individualverkehr leisten können und werden. Elektrofahrzeuge definieren wir als Fahrzeuge, die ausschließlich mit Strom fahren und nicht Kombinationen aus Benzin/Diesel und Strom. Solche Hybridfahrzeuge werden häufig mit überwiegend fossiler Energie betrieben und nur rudimentär mit grünem Strom. Ähnlich kritisch sehen wir Entwicklungen bei den Elektrofahrzeugen, die mit extremen Reichweiten, hohen Ladegeschwindigkeiten und enormer Größe und Luxusausstattungen glänzen.

Ein Drei-Tonnen-Auto mit großem Akku über hundert Kilowattstunden hat einen sehr hohen Stromverbrauch. Je hundert Kilometer benötigt es zudem große Mengen an Rohstoffen, die einen negativen ökologischen Fußabdruck hinterlassen. Aus unseren praktischen Erfahrungen sind Elektroautos mit einer Reichweite nach WLTP von circa 250 bis 350 Kilometer für den Alltagsbetrieb völlig ausreichend. Überlegen sie, wie oft sie im letzten Jahr Fahrten von über 400 Kilometer gemacht haben!

Gibt es Alternativen zum Elektroauto?

Ja, das Thema Individualverkehr sollte technologieoffen angegangen werden. Zum einen wäre aufbereitetes Biogas – allgemein Biomethan genannt, anzuführen. Technologisch ist Biomethan als Treibstoff bereits erprobt und umsetzbar, aber auch sogenannte E-Fuels – hergestellt aus Wasserstoff – haben beim Einsatz in herkömmlichen Verbrennungsmotoren durchaus ihre Berechtigung, vermehrt verwendet zu werden. Ein großer Vorteil liegt dabei in der Nutzung der vorhandenen Tankstelleninfrastruktur.

Sind batteriebetriebene Fahrzeuge auch für den Landwirtschaftsbetrieb interessant?

Das Aufladen der Akkus von Elektrofahrzeugen mit dem Strom aus vorhanden PV-Anlagen auf landwirtschaftlichen Gebäuden ist sehr interessant. Zudem ist die Reichweitenanforderung auch nicht sehr groß, sodass sich die Aufladezeiten sehr gut mit den Sonnenstunden kombinieren lassen.

Für die typischen Kurzstreckenfahrten eignen sich Elektrofahrzeuge sehr gut. Dies kann auch mit Kommunen gleichgesetzt werden. Hier gibt es noch ein großes Ausbaupotenzial von PV-Anlagen auf kommunalen Gebäuden. Für Einsatzgebiete mit dem Bedarf einer hohen Energiespeicherdichte, zum Beispiel bei größeren Traktoren, Lkws, Häckslern, Mähdreschern etc. sehen wir kaum Perspektiven für Elektrofahrzeuge.

Elektrofahrzeuge sind bezüglich der Produktion, insbesondere der Batterie, nicht unumstritten. Sind die benötigten Rohstoffe, allen voran die seltenen Erden, ein Problem?

Zu Recht wird auf diese Themen hingewiesen. Dabei sind sowohl die zum Teil menschenunwürdigen Produktionsbedingungen anzuführen als auch die grundsätzlich knappe Verfügbarkeit. Diese Rohstoffe werden für alle Bereiche der Stromspeicherung benötigt, also auch für Notebooks und Smartphones. Entgegen frühen veröffentlichten Studien belegen neuere wissenschaftliche Arbeiten aber, dass der CO2-Abdruck beim Fahren mit Elektroautos niedriger als bei Dieselautos ist – unter der Voraussetzung, dass grüner Strom genutzt wird.

Für uns sind zwei weitere Argumente wichtiger: Erstens ist der Akku eines Elektroautos, wenn er aussortiert werden muss, in der Regel nicht vollständig kaputt. Er unterschreitet lediglich die Mindestkapazität, die für die erwartete Reichweite gebraucht wird. Diese aussortierten Speicher werden mittlerweile bei Energieversorgern gesammelt und zu einem großen Stromspeicher zusammengeschlossen, der die Stromnetze stabilisiert und die fluktuierenden erneuerbaren Energien ausgleicht. Darüber hinaus laufen aktuell Forschungsprojekte mit dem Ziel, diese Speicher zu recyceln.

Welche energiepolitischen Entscheidungen sollten bei der E-Mobilität getroffen werden?

Erstens Ladeinfrastruktur und auch zweitens Ladeinfrastruktur. In vielen älteren Siedlungsgebieten ist das Stromnetz der Schwachpunkt. Wollen mehrere Menschen ihr Elektrofahrzeug gleichzeitig laden, kann das schon zu Netzproblemen führen. Das passiert zwar sehr selten, weil die Anzahl der Elektroautos noch gering ist.

Netzbetreiber steuern aber bereits dagegen, indem sie die Leistung der Heimtankstellen einschränken. Das bedeutet, dass sich die Ladedauer verlängert. Daher sollten neue Siedlungsgebiete entsprechend ausgestattet werden. Es ist nicht notwendig, jeden Bauplatz mit einer größeren Leitung zu versehen. Es reicht, wenn man Sammelladepunkte vorsieht.

Planen Sie in Triesdorf weitere Schritte hinsichtlich Energiesparen, CO2-Neutralität oder Energieautarkie?

Die landwirtschaftlichen Lehranstalten in Triesdorf werden sich auf den Weg der Klimaneutralität machen. Hierzu wurden bereits politische Entscheidungen getroffen. Dieser Prozess beinhaltet sowohl eine Bestandsaufnahme, die Identifikation von Einsparmaßnahmen, als auch die verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energien.

Im letzten Schritt werden Kompensationsmaßnahmen innerhalb des Standorts zum Ausgleich herangezogen. Beginnen werden wir mit den Schuleinrichtungen, der Verwaltung der Mensa und dem Wohnheim. Anschließend befassen wir uns mit der Tierhaltung und der Pflanzenproduktion. Wir machen uns in kleinen Schritten systematisch auf dem Weg – ergebnisoffen und ohne zeitliche Versprechungen.

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