Login
Biomasse

EU-Biokraftstoffe: Ein Flickenteppich an Zertifikaten

von , am
10.12.2012

Berlin - Die inzwischen 13 europäischen Zertifizierungssysteme zur Nachhaltigkeit von Biomasse für Biokraftstoffe unterscheiden sich in ihren Standards teilweise deutlich.

Eine überraschend enge Rapsversorgung treibt die Preise nach oben. © Mühlhausen/landpixel
Das hat der Abteilungsleiter Biobasierte Wirtschaft, Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft des Bundeslandwirtschaftsministeriums, Clemens Neumann, vergangene Woche auf der Tagung "Nachhaltige Biomasse - Erfahrung mit der Zertifizierung in Deutschland und künftige Perspektiven" in Berlin kritisiert. Das unterschiedliche Niveau der Systeme sei "mittlerweile ein Problem", sagte Neumann auf der vom Landwirtschaftsministerium und der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe (FNR) organisierten Veranstaltung. Deutschland befinde sich deshalb in Gesprächen mit der Europäischen Kommission, wie sich die Standards der erfolgreichen deutschen Zertifizierungssysteme europaweit durchsetzen ließen. "Sonst besteht die Gefahr, dass das schwächste Zertifikat das populärste ist und das Nachhaltigkeitssystem unterlaufen wird", erklärte Neumann.
 
Die aktuellen Pläne der EU-Kommission im Biokraftstoffbereich wie die zu Indirekten Landnutzungsänderungen (iLUC) würden zudem bedeuten, dass Biokraftstoffe der ersten Generation wie heutiger Biodiesel ab 2020 keine Zukunft mehr hätten. Das Landwirtschaftsministerium setze sich deshalb in Brüssel für längere Übergangfristen bis zum Jahr 2025 ein, so Neumann.

Fokussierung auf Rest- und Abfallstoffe fraglich

Die Mitte Oktober 2012 vorgestellten Pläne der EU-Kommission zur iLUC entsprächen "nicht ganz unseren Anforderungen", erklärte Neumann für das Landwirtschaftsministerium. Man habe sich unter anderem stärkere regionalspezifische Faktoren bei den iLUC-Berechnungen vorstellen können. Aus seiner Sicht sei auch fraglich, ob die Fokussierung der Biokraftstoff- Pläne der EU-Kommission auf Rest- und Abfallstoffe als Kraftstoffressource "zu Ende gedacht" sei, so Neumann. Beispielsweise seien Holzabfälle aus Indonesien ohne Zertifizierungssysteme nicht zwangsläufig nachhaltiger als zertifizierte Biomasse aus Europa.
 
In Deutschland habe sich die Nachhaltigkeitszertifizierung für Biokraftstoffe erfolgreich bewährt. Das sei bei den Verbrauchern aber kaum bekannt. Stattdessen dominiere immer noch die Tank-statt-Teller-Debatte. Eine künftige Herausforderung sei deshalb, bei Biokraftstoffen der zweiten Generation frühzeitig Nachhaltigkeitssysteme für feste und gasförmige Biomasse zu entwickeln. Vor allem müsse es dabei um Nachhaltigkeitskriterien für Holzbiomasse gehen, so Neumann.

iLUC im EU-Parlament und Europäischem Rat

Der Vertreter der Generaldirektion Energie der EU-Kommission, Bernd Küpker, kündigte an, dass iLUC sowohl in den anstehenden Verhandlungen im Europäischen Parlament als auch im Europäischen Rat eine Rolle spielen würden. Gegebenenfalls müssten sich die Zertifizierungssysteme infolge dieser Verhandlungen auf Änderungen bei den Nachhaltigkeitsanforderungen einstellen.
 
Der stellvertretende Leiter für Genehmigungs- und Kontrollverfahren bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Dr. Matthias Nickel, benannte verschiedene Probleme aus der aktuellen Zertifizierungspraxis. Zum einen würden Produkte, die bereits von deutschen Systemen zertifiziert worden seien, von europäischen Zertifizierungssystemen nicht als nachhaltige Produkte anerkannt. Zum anderen kritisierte Nickel, dass sich einige Produzenten bei gleich mehreren Zertifizierungssystemen registriert hätten. So bestehe die Gefahr, dass mehrfach erteilte Nachhaltigkeitszertifikate auch für nicht nachhaltige Ware verwendet würden. Die BLE fordere deshalb, dass sich Wirtschaftsbeteiligte für ein Rohstoffprodukt immer nur bei einem Zertifizierungssystem anmelden dürften.

Video: UFOP Dialog: Raps als Spielball der Politik (05. Dez)

Auch interessant