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Forscher: Agrarwende bremst Energiewende

von , am
26.03.2013

Frankfurt - Landwirtschaft ohne Pflanzenschutz und Mineraldüngung und die zunehmende Umstellung auf erneuerbare Energien in Deutschland stellen einen erheblichen gesellschaftlichen Zielkonflikt dar.

© Mafied/aboutpixel.de
Die Energiewende und ein gleichzeitiger Schwenk in der Landwirtschaft hin zu einer Bewirtschaftung ohne Pflanzenschutz und Mineraldüngung wäre mit enormen Herausforderungen verbunden, die aber öffentlich nur unzureichend diskutiert werden. Zu diesem Fazit kommen die Agrarwissenschaftler Prof. Harald von Witzke und Dr. Steffen Noleppa in einer jetzt vorgelegten Studie.
 
Die zeitliche Parallelität einer Energie- und einer Agrarwende stellt nach Einschätzung der Wissenschaftler einen erheblichen gesellschaftlichen Zielkonflikt dar. Laut Darstellung von Noleppa ist die Energieproduktivität der deutschen Landwirtschaft sehr hoch; das gelte gleichermaßen für den konventionellen und den ökologischen Anbau. Um jedoch die energetisch nutzbaren Beiträge der Bewirtschaftungsformen zu erfassen, müsse man vor allem auf den Energiegewinn schauen, also fragen, wie viel Energie die Landwirtschaft der Gesellschaft mehr zur Verfügung stelle, als sie selbst verbrauche.

Pflanzenschutz als Energiesparer

Allein die heute vom modernen Ackerbau zusätzlich bereitgestellte Energie entspreche dem Energiegehalt von mehr als 13,5 Millionen Tonnen Steinkohle; das übertreffe die jährliche Steinkohleförderung in Deutschland und mache rund ein Drittel der aktuellen Steinkohleimporte in die Bundesrepublik aus, heißt es in der Studie "Energieeffizienz durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in Deutschland".
Darin haben die Autoren anhand von zwei Modellrechnungen beschrieben, was zum einen ein Verzicht auf Fungizide und zum anderen eine vollständige Umstellung auf Ökolandbau in Deutschland für die Energiebereitstellung in Form von Agrarrohstoffen bedeuten würde. Die Berechnungen würden zeigen, dass ein Verzicht auf Pflanzenschutzmittel zwar Einsparungen beim Energieeinsatz je Flächeneinheit bewirken würde, wenn beispielsweise im Ökolandbau weniger Energie auf vergleichbarer Ackerfläche verbraucht werde; dieser Vorteil werde jedoch durch den deutlich höheren Energiegewinn konventioneller Anbauformen mehr als wettgemacht.

Zielkonflikt soll aufgezeigt werden

Von Witzke und Noleppa weisen in ihrer Studie darauf hin, dass der Verlust an Energieproduktion erheblich wäre, wenn der Ackerbau in Deutschland ganz auf den ökologischen Landbau umgestellt würde. Sie beziffern den Energiegehalt der Biomasse, die durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zusätzlich in den wichtigen Getreidekulturen, Raps, Kartoffeln und Zuckerrüben geerntet werden kann, auf rund 400 Millionen Gigajoule. Diese Agrarrohstoffe würden allerdings nicht nur zur Bioenergiegewinnung genutzt, sondern vor allem als Nahrungs- und Futtermittel.
 
Zur Einordnung geben die Autoren einige Vergleiche mit anderen, geläufigeren Energieeinheiten an. Eine Menge von 400 Millionen Gigajoule entspreche zum Beispiel dem Energiegehalt von 9,5 Millionen Tonnen Öleinheiten und damit rund zehn Prozent des aktuellen Rohölbedarfs in Deutschland. Somit übertreffe die durch modernen chemischen Pflanzenschutz zur Verfügung gestellte Energiemenge mit umgerechnet 110 Millionen MWh in etwa der Stromproduktion, die alle verbliebenen Kernkraftwerke Deutschlands im vergangenen Jahr ins Netz eingespeist hätten. Die beiden Wissenschaftler weisen darauf hin, dass diese "numerischen Vergleiche nicht überinterpretiert werden sollten"; vielmehr sollten sie einen wenig beachteten Zielkonflikt zwischen der Energie- und der Agrarwende aufzeigen

Umstellung nicht kompatibel

"Pflanzenschutz ist ein Energiesparer", kommentierte der Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes Agrar (IVA), Volker Koch-Achelpöhler, die vorgelegten Berechnungen. Der bewusste Verzicht auf eine moderne, produktive Landwirtschaft bedeute immer auch einen Verzicht auf zusätzliche Energie. Eine solche Agrarwende wäre nicht kompatibel mit der schon begonnenen Energiewende und könnte diese im schlechtesten Fall ausbremsen. Das zeige die Arbeit der Berliner Wissenschaftler anschaulich.
Die Studie ist der abschließende Teil eines langfristigen Forschungsprojekts der Humboldt-Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Beratungsunternehmen agripol: das Projekt wurde vom IVA gefördert. Nach Angaben des IVA verfolgte das Forschungsvorhaben das Ziel, mit öffentlich verfügbaren Daten und transparenten wissenschaftlichen Methoden den gesamtgesellschaftlichen Nutzen des Pflanzenschutzeinsatzes in der deutschen Landwirtschaft zu beschreiben. In vorausgegangenen Modulen hatten die Forscher die Markt- und Einkommenseffekte sowie die Klimaleistungen der modernen Landwirtschaft mit sachgerechtem chemischem Pflanzenschutz berechnet.
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