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Aus der Wirtschaft

Wie funktioniert der Strommarkt?

von , am
31.01.2013

Leipzig - Biogas kann's. Unter anderem Stromspitzen der Wind- und Solarkraft abfangen. Wie der Strommarkt funktioniert, darüber sprachen wir in Leipzig mit Thorsten Lenck von Energy Brainpool.

Der europäische Energiemarkt ist nach Ansicht der EU-Kommission zersplittert. Außerdem variieren die Preise stark. © Martin Schlecht/fotolia.com
Im ersten Teil des Interviews mit Thorsten Lenck von Energy Brainpool geht es um grundlegende Begriffe des Strommarktes. Das Interview führte agrarheute.com Redakteur Hermann Krauß auf der Biogas Fachtagung in Leipzig.
 
agrarheute.com: Herr Lenck, was ist der Unterschied zwischen Spot- und Terminmärkten?
 
Lenck: Terminmärkte sind jene Märkte, in denen sich die Energiehändler bezüglich der Stromlieferung langfristig vertraglich binden können. Wir sprechen da von Zeiträumen von bis zu sechs Jahren in die Zukunft. Die Spotmärkte sind die Märkte, in denen man sich kurzfristig optimiert. Das geht in den Bereich von Stunden und sogar viertel Stunden, die für die Lieferung vertraglich vereinbart werden. Das ist auch der interessante Bereich für die Erneuerbaren Energien, da fluktuierende Energien wie Wind und Solarenergie kurzfristig besser prognostiziert werden können. Ebenso für Biogas, das kurzfristig in der Lage ist, Einspeisungen anzupassen. So kann durch den Mechanismus der Flexibilitätsprämie Strom den Preisen entsprechend kurzfristig eingespeist werden.

agrarheute.com: Wie sind Biogasanlagenbetreiber bislang auf dem Strommarkt organisiert?

Lenck: Es zeichnet sich ab, dass die ersten den Marktmechanismus, wie beispielsweise die Förderung durch die Flexibilitätsprämie, nutzen. Dass man eben den Strom auch zu den Zeiten anbietet, wo er gebraucht wird und durch die aktive Teilnahme am Strommarkt eben auch Zusatzerlöse generiert.

agrarheute.com: Welche Unterschiede gibt es bei den handelbaren Kontrakten?

Lenck: Zum Einen gibt es die Terminkontrakte, die sehr langfristig sind. Da sprechen wir über Jahreskontrakte mit einer konstanten Stromlieferung über ein ganzes Jahr. Dass wird dann auch runtergebrochen, zu einer konstanten Stromlieferung über Quartale, Monate, Wochen und mittlerweile auch Tagen, die vertraglich vereinbart wird. Im Spotmarkt wird zum Anderen die Lieferung von Kontrakten für eine Stunde beziehungsweise sogar im viertel Stundentakt vereinbart.

Wie wird der Preis an den Spotmärkten für Biogasstrom ermittelt?

Lenck: Der Spotmarkt teilt sich in zwei Teilmärkte auf. Der eine ist der sogenannte "Day-ahead-Markt", bei dem es eine Spotauktion gibt, bei der immer bereits heute die 24 einzelnen Stunden des morgigen Tages einzeln zum Gebot anstehen. Die Marktteilnehmer legen in einem geschlossenen Verfahren ihr Angebot dar, dass heißt ihre maximale oder minimale Zahlungsbereitschaft. Sowohl auf der Käufer- als auch auf der Verkäuferseite. Die Gebote sammelt die Energiebörse EPEX bis zwölf Uhr ein, berechnet für jede einzelne Stunde den Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage. Das ist dann der sogenannte Referenzpreis, den wir auch als "den Strompreis" bezeichnen.
Für die noch kurzfristigere Optimierung, die beispielsweise notwendig ist, wenn es mit der Anlage ein Problem gibt, der Betreiber nicht einspeisen kann oder die Anlage doch eher zur Verfügung steht als ursprünglich geplant, gibt es die Möglichkeit des sogenannten "Intra-Day-Handels". Hier können Stunden beziehungsweise viertel Stunden noch bis zu 45 Minuten an der Börse und 15 Minuten im sonstigen Handel vor der eigentlichen Lieferung gehandelt werden.

agrarheute.com: Was läuft auf den Regelenergiemarkt?

Lenck: Der Regelenergiemarkt ist ein Markt für noch weitere Zusatzerlöse, auf dem ich die installierte Leistung meiner Anlage anbieten kann. Diese stellen die Betreiber den Übertragungsnetzbetreibern in sogenannten Ausschreibungsmärkten zur Verfügung. Die Übertragungsnetzbetreiber nutzen bei Bedarf diese Leistung und stabilisieren damit das Netz kurzfristig und tragen zur Frequenzhaltung bei. Dafür bekommen die Besitzer einen entsprechenden Preis, weil sie ja ihre Anlage für diese bestimmte Zeit zur Verfügung stellen, den sogenannten Leistungspreis. Wenn der Übertragungsnetzbetreiber die Anlage dann auch einsetzt, gibt es den so genannten Arbeitspreis, über den man den Einsatz verrechnet.

Handel und Preis heute und im Jahr 2050

Dipl.-Ing. Thorsten Lenck arbeitet für das Analysehaus Energy Brainpool in Berlin. Energy Brainpool bietet Prognosen und Fundamentalmodelle sowie individuelle Trainings- und Beratungsdienstleistungen für die Strom- und Gasmärkte und den CO2-Handel. © hek

Leipzig - Im zweiten Teil des Interviews geht Thorsten Lenck von der Agentur Energy Brainpool auf Perspektiven der Erneuerbaren Energien auf dem Strommarkt ein. Er wirft einen Blick auf die Wirtschaftlichkeit der Branche.


agrarheute.com: Ist die Erneuerbaren Energien Branche schon in der Lage, ohne die EEG-Fördergelder wirtschaftlich zu überleben?
 
Lenck: Das sehen wir von Energy Brainpool für die Allgemeinheit gesprochen eher kritisch. Ich mag nicht ausschließen, dass es auch Einzelfälle gibt, wo man trotzdem ein entsprechendes Geschäftsmodell aufstellen kann. Aber gerade was die Herausforderungen für die regelbaren Erneuerbaren Energien anbelangt, brauchen wir im Energiemarkt die Flexibilisierung. Wir sehen immer mehr, dass die Fluktuation der Einspeisung der Erneuerbaren Energien ausgeglichen werden muss. Dafür sind die regelbaren Erneuerbaren Anlagen prädestiniert. Damit Investitionen in die Flexibilisierung getätigt werden, ist die Flexibilitätsprämie schon ein ganz guter Ansatz und wird häufig auch wirtschaftlich gebraucht.

agrarheute.com: Ist bei den Biogasanlagen auch einmal eine Grenze beim Zubau erreicht?

Lenck: Bei Biogasanlagen ist das Potenzial dadurch beschränkt, das man nicht beliebig viel Substrat zur Verfügung hat. Da muss die Fluktuation auch durch andere Erneuerbare Energien gedeckt werden. Ein ganz wichtiges Thema ist hierbei übrigens ferner die Flexibilisierung der Nachfrage. Dass man die Nachfrage an die Erzeugung anpasst, dass wir immer dann viel Strom verbrauchen, wenn viel Wind weht oder die Sonne scheint. In der langfristigen Perspektive müssen wir uns auch über Speicherkonzepte Gedanken machen. Mit denen wir den häufig auftretenden überschüssigen Wind- oder Solarstrom ggf. umwandeln, zwischenspeichern und dann wieder einspeisen, wenn der Strom auch gebraucht wird.

agrarheute.com: Sehen Sie hier eine Technologie, die in den kommenden Jahren auf den Markt kommt?

Lenck: Power to gas wäre eine Variante, womit man auch die regelbaren Erneuerbaren Energien von der Anlagentechnologie mit einbeziehen könnte. Große Druckluftspeicher oder Batterien in den Haushalten sind andere Beispiele. Hier wird in der Zukunft ein Markt entstehen. Da muss auch das Spielfeld für Akteure bleiben, eigene Geschäftsmodelle zu entwickeln. Wichtige Grundvoraussetzung ist aber, dass die Politik die Rahmenbedingungen schafft, in denen ein Wettbewerb auch in diesem Markt stattfinden kann.

agrarheute.com: Wie wird es auf dem Strommarkt im Jahr 2050, auch im Hinblick auf die Erneuerbaren Energien, aussehen?

Lenck: In Deutschland haben wir politische Vorgaben, die Erneuerbaren Energien im Stromsektor bis zum Jahr 2050 deutlich auszubauen. Im Bereich zwischen 80 und 100 Prozent, je nachdem welches politische Lager man fragt. Wir werden diese Ziele auch durch den weiteren Ausbau fluktuierender Einspeisung wie bei der Solar- und Windenergie zu erreichen versuchen. Für diese Einspeisung, die nicht langfristig vorhersehbar ist, braucht es im Energiemarkt jedoch einen Ausgleich. Wenn wir auf die genannten hohen Anteile kommen wollen, muss dieser Ausgleich, der bislang von konventionellen Kraftwerken wie Kohle-, Gas- oder Atom- übernommen wird, von Erneuerbaren Energien übernommen werden. Da sehe ich dann auch das Potenzial für die regelbaren Erneuerbare Energien Anlagen.

agrarheute.com: Herr Lenck, vielen Dank für das Gespräch.
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