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Kommentar: `Sommermärchen`

von , am
27.08.2012

Viel erreicht, noch viel mehr vor: In kürzester Zeit wurden Rahmenbedingungen für die Energiewende geschaffen. Die eigentliche Arbeit beginnt gerade erst. Hans Wörle kommentiert.

Hans Wörle, Chefredakteur von agrarheute.com, kommentiert die Debatte um die Energiewende.
Liebe Leserinnen und Leser, erinnern Sie sich an die Aufbruchstimmung, als das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) so richtig Schwung ins Land gebracht hat? Erfindergeist schuf innerhalb kürzester Zeit marktfähige Produkte, aus Unternehmergeist entstanden pfiffige Geschäftsmodelle, kleine Handwerksfirmen entwickelten sich zu soliden Mittelstandsunternehmen und schließlich machten unzählige Landwirte Ernst mit ihrem Projekt "Energiewirt".
 
Ein deutsches Sommermärchen, das 2006 einen ersten Höhepunkt erreichte. Vom Erfolg verwöhnt haben sich immer mehr der Branchenmacher in einen wahren Rausch gespielt, der mit dem Ausrufen der großen Energiewende in die nächste Dimension gehen sollte.
 
Doch jetzt ist an Stelle neuer Euphorie viel zu oft Katerstimmung zu spüren und Katzenjammer zu hören. Besonders oft ist dieses Jammern neuerdings aus Brüssel zu hören. Hier packt unser Energiekommissar Oettinger jede Gelegenheit am Schopf, um "zu warnen", "Alarm zu schlagen", und "klar zu fordern". Jüngstes Beispiel ist Oettingers Positionierung im Handelsblatt. Dort vertritt er die Auffassung: "Europa drohe der Verlust seines produzierenden Gewerbes". Die EU müsse den Schutz der Industrie zum Ziel machen - ähnlich wie beim Klimaschutz. Mit gewohnter Cleverness schlägt er nun vor, die sogenannten 20 - 20 - 20 Ziele, die für 20 Prozent weniger Treibhausgase, 20 Prozent mehr Erneuerbare Energie und 20 Prozent mehr Energieeffizienz stehen, zu erweitern: 20 Prozent industrielle Wertschöpfung aus dem Bruttoinlandsprodukt sollen es sein, sein Schlagwort dazu: Re-Industrialisierung. Dabei trägt kein anderer als Oettinger selbst zu einer weiteren De-Industrialisierung bei: Publikumswirksam warnt er in der Bild-Zeitung vor zu hohen Strompreisen und fordert eine Deckelung der Umlage für regenerative Energien. Dass er mit diesen Forderungen der einstigen Hoffnungsbranche ein weiteres Stück Perspektive entzieht, nimmt er wohl billigend in Kauf. Oder ist die Solarbranche in der Politik bereits abgeschrieben?
 
Woche für Woche kommen neue Pleiten und Werksschließungen hinzu. Unternehmensinhaber und -leiter suchen händeringend Investoren. Aber Geldgeber sind kaum in Sicht. Die Verunsicherung ist nicht zuletzt wegen politischer Aussagen enorm. Beispiel Q-Cells: Auch vier Monate nach dem Insolvenzantrag des früheren Weltmarktführers ist noch kein neuer Investor gefunden. "Die Investorensuche läuft", sagt Insolvenzverwalter-Sprecher Christoph Möller. Die Produktion laufe weiter, es habe unter den einst 1.300 Mitarbeitern auch noch keine Entlassungen gegeben. Wie lange das Geld noch reicht? Niemand weiß es. "Bis auf weiteres", sagt der Sprecher.
 
Trotz der verfahrenen Situation in der Solarbranche, und der oft halbherzigen politischen Verantwortung dafür, gibt es in Sachen Energiewende dennoch Erfolgsmeldungen: "Der Anteil der Regenerativen Energie wird dieses Jahr in die Nähe der Braunkohle kommen", sagt Norbert Allnoch, Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energie. Die Öko-Energien werden dieses Jahr ersten Berechnungen zufolge zusammen rund 140 Milliarden kWh Strom liefern. Im vergangenen Jahr hatten Öko-Energien 20 Prozent zum Energiemix beigetragen, das war ein neuer Höchststand. Der bisher wichtigste Stromlieferant Braunkohle steuerte 25 Prozent bei, Steinkohle 19 Prozent, Atomkraft 18 Prozent und Erdgas 14 Prozent. Diese Erfolgsmeldungen beruhen nicht zuletzt auf der Geradlinigkeit und Kontinuität der Betreiber von Energieanlagen, die mit Fachverstand und wirtschaftlichem Feingefühl den politischen Wechselbädern die kalte Schulter zeigen.

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