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Interview

So können Landwirte Solarenergie mit Flutschutz kombinieren

Aufgrund von immer stärker werdenden Starkregenereignissen hatten Forscher die Idee, Flutprävention mit Solarenergie zu verbinden. (Symbolbild)
am Dienstag, 02.08.2022 - 05:00 (1 Kommentar)

Die Flutkatastrophe im Ahrtal ist nur einer von vielen Gründen, warum der Flutschutz einen immer höheren Stellenwert einnimmt. Was Solarenergie damit zutun hat und welche Rolle der Landwirt übernimmt, erfahren Sie hier.

Wie entstand die Idee zur Flutpräventions-PV?

Im Sudan wird auf mehreren Millionen Hektar Regenfeldbau betrieben, da 90 Prozent des Regens oberflächlich abfließt. Deshalb entstand die Idee, Regenrückhalt (Water-Harvesting) mit Solaranlagen zu kombinieren und Wasser zurückzuhalten. Die Solaranlagen waren also ursprünglich für den Regenrückhalt im Sudan gedacht. Dann kam die Ahrtalkatastrophe. Dadurch kam der Denkanstoß, dieses Water-Harvesting-System auch auf erosionsgefährdete Hänge zu stellen und das Wasser dort aufzuhalten, wo es herkommt. Somit kann es der Landwirtschaft wieder zugeführt werden und es lässt sich für den Flutschutz einsetzen.

Was hat Solarenergie mit Überschwemmungsschutz zu tun?

Vor der Flurbereinigung gab es viel mehr Feldraine und Sickerwiesen. Damals waren auf einer Agrarfläche am Hang ein bis zwei Feldraine darauf eingezogen. Das sind kleine Dämme aus Sand die dafür sorgen, dass Wasser auf den Dämmen bleibt. Das ganze System würde prinzipiell auch ohne Photovoltaik funktionieren, dann ist es jedoch weniger lukrativ. Es kann aber dann wirtschaftlich sein, wenn jemand eine Pacht für die Fläche bezahlt, die dem Landwirt ausfällt. Er muss Anbaufläche abgeben, um einen Wasserrückhalt in Form eines Feldrains auf dem Hang zu schaffen. Wenn das jedoch mit einer Solaranlage kombiniert wird, rechnet es sich für den Landwirt und er hat keine finanziellen Nachteile. Da kommen die Landwirtschaft und der Flutschutz wieder zusammen.

Gibt es bereits Landwirte, die ihre Fläche zur Verfügung gestellt haben?

Wir hatten am 9. Juni das zweite Gespräch im Ahrtal. Vorher hatten wir das Konzept der Bevölkerung vorgestellt. Die Optik des Ortes verändert sich natürlich, aber dafür läuft der Keller nicht mehr voll. Derzeit haben die Bewohner dort alle zwei Jahre den Keller voll mit Wasser, unabhängig von großen Katastrophen.

Die Flutkatastrophe und der Wiederaufbau im Ahrtal in Bildern

Eignen sich nur Flächen mit Hanglage für den Bau?

Wir suchen immer erosionsgefährdete Flächen. Diese gibt es auch in Brandenburg, da das Wasser bei Starkregen auf ausgedörrten Böden vom Acker wegfließt. Auch in Baden-Württemberg sind beispielsweise 970 von 1100 Gemeinden von Überflutungsproblemen betroffen. Dort entstehen Schäden zwischen 2 und 29 Mrd. Euro. Für den Wasserrückhalt gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es gibt eine Bauweise zur Stabilisierung von abrutschenden Hängen, eine Bauweise für Hänge, die nicht abrutschgefährdet sind und eine Bauweise für Flächen, die relativ flach sind. Wir müssen jeden Standort für sich einzeln betrachten.

Welche Prognosen gibt es zukünftig für starke Regenfälle?

Einerseits nimmt die Anzahl an Katastrophen zwar ab, aber speziell die Anzahl an extrem starken Katstrophen nehmen laut Studienergebnissen zu. Das kommt daher, dass es durch die Erderwärmung mehr Feuchtigkeit in der Luft gibt. Andererseits gibt es eine stabilere Trennschicht. Wenn diese Trennschicht jedoch durchbrochen wird, dann steigt die Feuchtigkeit schneller auf und bildet hohe Regenzellen. Diese führen dann zu den lokalen Starkregenereignissen. Das ist genau das Wasser, was die Böden nicht aufnehmen können.

Wie sieht diese Anlage in der Praxis aus?

Die PV-Anlage hat eine Mindesthöhe von 80 Zentimetern an der Unterkante und die Flutschutzwand hat eine Höhe von 60 bis 70 cm. Die Aufständerung ist enorm wichtig, da anderweitig der Schlamm auf die Solarmodule spritzt. Unter den Solaranlagen gibt es einen Damm aus Sand oder mit einer Flutschutzmauer und einer Senke, um dort das Wasser zu sammeln. Im Hang steht ein überdachtes Becken. Diese Becken sind in der Bauweise versiegelt und ist für einen Hang, der abrutschgefährdet ist. Deswegen wird das Wasser im versiegelten Becken gespeichert und kann zwei bis drei Monate später zur Bewässerung genommen werden, genauso wie der Schlamm, der sich darin sammelt.

Wie funktioniert das Zurückhalten von Wasser?

Wir arbeiten nicht nur mit Gräben und Feldrainen, sondern wir verwenden richtige Flutschutzmauern. Diese Mauern stabilisieren einerseits unsere Solaranlagen und dann lassen wir das Wasser direkt an der Solaranlage versickern. Das weicht den Boden auf, weswegen die Solaranlage umkippen könnte. Einerseits hält die Mauer wesentlich mehr Wasser zurück, andererseits stabilisiert sie die Solaranlage. Ohne die Mauer kann es zu einem Dammbruch kommen. Durch einen Ablauf gelangt der Regen schlammfrei direkt in die nächste Staustufe. Es gibt auch Bauweisen, wo wir alles direkt mit großen Zisternen bis hin zur Löschwasserzisterne verbinden.

Was für Vorteile hat die Flutpräventions-PV-Anlage neben dem Überschwemmungsschutz?

Es ist regenerative Stromerzeugung, die wir dringend brauchen. Zudem ist es Regenrückhalt, Windschutz und Erosionsschutz. Weiterhin gibt es auf der restlichen Fläche durch diese positiven Auswirkungen einen höheren Ertrag. Zusätzlich bekommt der Landwirt eine Pacht für diese ausgefallene Fläche. Das heißt er ist wirtschaftlich nicht schlechter gestellt.

Welches Genehmigungsverfahren muss man durchlaufen, um eine Anlage dieser Art zu planen?

Zunächst benötigt man eine normale Baugenehmigung. Wir müssen daraufhin das Land in Regenrückhalteflächen umwidmen lassen. Diesen Aufwand hat nicht der Landwirt, sondern wir kümmern uns in Zusammenarbeit mit der Gemeinde darum.

Volker Korrmann

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