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Windräder: Rückbau bringt Riesenprobleme

Windanlagen
am Montag, 30.12.2019 - 12:16 (Jetzt kommentieren)

Ende 2020 läuft für ein Viertel der Windräder die EEG-Förderung aus. Dann ist mit einem verstärkten Rückbau zu rechnen.

Über 27.000 Windenergieanlagen (WEA) werden in Deutschland betrieben. Ende 2020 fallen rund 6.000 Anlagen aus der 20-jährigen Förderung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Das sind immerhin fast ein Viertel der bestehenden WEA – in Bayern sogar ein Drittel.

In Abhängigkeit der Bedingungen vor Ort können ältere Anlagen durch leistungsstärkere und effizientere Neuanlagen ersetzt werden. Dieser Vorgang heißt neudeutsch: Repowering. Auch ein Weiterbetrieb von Anlagen kann in Frage kommen, wenn dies technisch und wirtschaftlich möglich ist, sagt jedenfalls das Umweltbundesamt (UBA) in einer aktuellen Studie, die das Problem näher untersucht.

Aber: Nach Einschätzung des UBA ist ab 2021 jedoch mit einem verstärkten Rückbau der Alt-Anlagen zu rechnen. Das hat nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen für die Betreiber sonders es stellt diese auch vor große Herausforderungen hinsichtlich eines umweltfreundlichen Rückbaus und der notwdingen Entsorgung der Bauteile. Hierfür gibt es im Prinzip keine Erfahrung, sagt das UBA.

Bund und Länder nicht gut vorbereitet

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Das Umweltbundesamt (UBA) hat deshalb in einem Forschungsprojekt den Stand der Technik untersucht, die Recyclingmengen berechnet und die Finanzierung betrachtet. Dabei zeigt sich: Es drohen Engpässe bei den Recyclingkapazitäten - insbesondere für die faserverstärkten Kunststoffe der Rotorblätter. Außerdem bestehen Risiken für Mensch und Umwelt beim unsachgemäßen Rückbau.

Hinzu kommt: Die finanziellen Rückstellungen der Betreiber für den Rückbau dürften bei Weitem nicht ausreichen. Maria Krautzberger, Präsidentin des Umweltbundesamtes sagt deshalb: „Bund und Länder sollten zügig Leitlinien für den Rückbau von Windenergieanlagen erarbeiten. Wir brauchen klare Vorgaben für Rückbauumfang und Rückbaumethoden, um Mensch und Umwelt zu schützen und die Materialien wertvoll zu recyceln.“

Immerhin könnten bei einem Rückbau der Altanlagen mehrere Millionen Tonnen Schrott und Reststoffe anfallen. Und diese Resststoffen sind zum Teil hochgiftig und deshalb schwer zu entsorgen. Dazu gehören spezielle Transformatorenöle, Hydraulik- und Kühlflüssigkeiten sowie bestimmte Isoliergase.

Riesige Mengen Sondermüll?

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Die bei einem Rückbau anfallenden Mengen an Beton und Stahl sind gigantisch. Das UBA rechnet mit bis zu 5,5 Millionen Tonnen Beton und einer Million Tonnen Stahl - jährlich. Dennoch geht man davon aus, dass die Recyclingkapazitäten in Deutschland eigentlich ausreichen, um diese gewaltigen Massen zu bewältigen. Gleichzeitig könnte es jedoch zu Absatzproblemen bei den recycelten Baustoffe kommen. Diese sind nämlich in der Baubranche bisher kaum akzeptiert. 

Wertvoller Metallschrott wie etwa Kupfer oder Aluminium macht bei Windrädern weniger als ein Prozent des Abfalls aus. Dieser kann relativ einfach wieder verwertet werden. Außerdem fallen jedoch gefährlichere Stoffe wie etwa Transformatorenöle, Hydraulik- und Kühlflüssigkeiten sowie Isoliergase an. Diese müssen aufwendig entsorgt oder recycelt werden.

Besondere Probleme bereitet die Entsorgung der Rotorblätter. Diese bestehen nämlich aus faserverstärkten Kunststoffen, die nicht auf Deponien entsorgt werden dürfen. Hier fallen ab 2024 bis zu 70.000 Tonnen pro Jahr an. In Deutschland besteht bislang nur eine einzige Anlage für solche Abfälle. "Rotorblätter von Windkraftanlagen sind Sondermüll", sagt Michael Schneider von Remondis, einer der weltweit größten Spezialfirmen für Müllentsorgung und Recycling.

Kaum Möglichkeiten für Rotorblätter

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Bis zu 50 Meter lang und tonnenschwer müssen die Rotorblätter zersägt oder auch zerbrochen werden, um sie überhaupt transportfähig zu machen. Dabei können auch noch Stäube entstehen, die für Mensch und Umwelt eine Gefahr sind. Außerdem ist auch das Verbundmaterial der Flügel und Gondeln - bei älteren Anlagen aus Glasfaser - wenig geeignet, recycelt zu werden. Dieses wird deshalb als Ersatzbrennstoff in der Zementindustrie verwertet oder auch in konventionellen Müllverbrennungsanlagen entsorgt.

"Das geht aber nur in überschaubaren Mengen und findet kaum Abnehmer", sagt Remondis-Sprecher Schneider. "Schmelzende Glasfaser macht in Verbrennungsanlagen zudem große Probleme; und kann diese auch nachhaltig blockieren. Deshalb versuchen selbst Spezialbetriebe, diesen Müll erst gar nicht anzunehmen", Schneider.

Aber auch die moderneren, carbonverstärkten Flügel der neuern Windenergieanlagen werden das Sondermüll-Problem nicht verringern. Echtes Recyceln macht bei diesem Kunststoff wenig Sinn, denn dann verschlechtern sich dessen Eigenschaften wesentlich. Und einfach Verbrennen geht auch nicht, weil sich Feinstaub entwickelt, der die Umwelt massiv belastet.

Nicht genügend Rücklagen vorhanden

Die Betreiber von WEA müssen für den Rückbau Rücklagen bilden. Die UBA-Studie hat auch die zu erwartenden Kosten für den Rückbau berechnet. Dabei zeigt sich, dass vor allem ab Mitte der zwanziger Jahre erhebliche Finanzierungslücken bevorstehen: Für das Jahr 2038 wird eine Lücke von über 300 Millionen Euro prognostiziert. Die Studie empfiehlt daher, die Berechnungsgrundlage für die Rücklagen zu überprüfen und diese regelmäßig von einem unabhängigen Sachverständigen prüfen zu lassen.

Die UBA-Studie untersucht auch, welche Regelungen beim Rückbau von Windenergieanlagen gelten sollten. Danach haben Umwelt-, Arbeits- und Lärmschutz höchste Priorität. Deshalb muss bei der Außerbetriebnahme nach Auflassung des UBA entsprechende Sachkunde vorliegen. Das heißt auch: Der Rückbau sollte grundsätzlich „sequenziell“ erfolgen – also nicht etwa durch Sprengungen oder durch die Abrissbirne. Fundamente, Kabeltrassen und Wege sollen zudem vollständig rückzugebaut werden.

Problem ist: Die Vielzahl der  Anlagen und -standorte macht es nach Einschätzung des UBA nicht möglich, ein einheitliches Konzept für den Rückbau von WEA vorzulegen. Die Studie empfiehlt deshalb Maßnahmen, die den ökologischen Standard sichern und technologieoffene Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Das dürfte angsichts der großen Anzahl betroffener Windkraftanlagen und der riesgen Mengen an schwer verwertbaren Stoffen aber sehr schwer werden.

Konzept und Maßnahmen für einen ressourcensichernden Rückbau von Windenergieanlagen

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