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Weidetierhaltung

Märchen vom Wolf

Dieser Artikel ist zuerst in der Fleckvieh erschienen.

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Wolf
© Pixabay.com/12019
Johannes Urban
am
17.05.2018

Als Kuscheltier mit wohligem Gruseleffekt wird der Wolf einem gläubigen Publikum verkauft. Wölfe aber stellen eine massive Gefährdung der Weidetierhaltung und damit der Kulturlandschaft dar.

Stallansicht
Offenställe sind eine Einladung für den Wolf. © privat

Etwa 8o Prozent unserer Gesellschaft sind städtisch geprägt, man fährt aus Erholungsgründen gerne hinaus ins Grüne und hat von Ackerbau und Viehzucht nicht so recht die Ahnung. Da wird mit Wohlwollen und entsprechender Spendenbereitschaft die Botschaft von NABU, BUND und WWF aufgenommen: Der Wolf ist zurück. Der Wolf ist ein Stück ungebändigte Natur, und wenn der wieder da ist, dann ist die Welt in Ordnung, so die romantische Vorstellung.

Für die Bauern ist die Botschaft nur halb richtig: romantisch ist da gar nichts, aber das mit der ungebändigten Natur, das stimmt – leider. Denn die Schadensbilanz, die der, ob nun auf vier Pfoten oder motorisiert, zurück gekehrte Wolf aufzuweisen hat, ist trotz der noch wenigen Exemplare schon recht beachtlich.

In Brandenburg als einem der am stärksten betroffenen Bundesländer in Deutschland leben 22 Wolfsrudel und drei Paare. Für das Wolfsjahr 2016/2017 wurden 74 Welpen nachgewiesen. Im Jahr 2017 hat man hier bis zum 17. November die Risse von 870 Schafen, 13 Ziegen, 72 Kälbern und 115 Stück Gehege-Damwild dokumentiert. Von 2007 bis 2017 hat das Land 215 577 Euro an Entschädigung gezahlt, für Präventionsmaßnahmen von 2008 bis 2016 808 429 Euro, davon nur für Schutzzäune 313 386 Euro.

Rinder und Pferde gerissen

Als Märchen hat sich erwiesen, dass Wölfe keine Rinder reißen. Auch im angrenzenden Sachsen-Anhalt wurden 43 Kälber gerissen. In Niedersachsen hat sich die Zahl der vom Wolf gerissenen Nutztiere von 2016 auf 2017 auf 355 verdoppelt. Interessant ist das Vorgehen bei der fachlichen Beurteilung, ob ein Wolfsriss vorliegt oder nicht. In Bayern werden tote und angefressene Kälber erst gar nicht untersucht, wenn sie keinen deutlichen Kehlbiss aufweisen. Es sollte zu denken geben, dass Brandenburg seit dem 25. Juli 2017 genau solche Funde nicht mehr nur als Nachnutzung, sondern als Wolfsriss einordnet.

Auch Pferde, obwohl bisher vehement abgestritten, gehören zur Wolfsbeute, wie der Riss eines Jungpferdes im Südtiroler Fassatal zeigt. Die Südtiroler Bauern sind hoch alarmiert, denn die Risse nehmen zu, wie Risse auf der Seiser Alm, in Ulten oder in Pemmern am Ritten zeigen. Wie der Südtiroler Bauernbund meldet, wurden 2017 4300 Schafe und Ziegen weniger aufgetrieben. Und genau das ist letztlich der Knackpunkt, den der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner so zusammenfasst: »Verlieren wir die alpine Landwirtschaft, geht nicht nur ein Kulturteil verloren, sondern auch der Fremdenverkehr.« Und nur in dieser Kombination können quer durch den Alpenraum die Betriebe überleben.

Wolfsbeauftragte Brigitta Regauer

Ins gleiche Horn stößt Brigitta Regauer, die Wolfsbeauftragte des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern: »Der Wolf macht die Landschaft sauber: Bauern weg, Touristen weg, die Landschaft wächst zu.« Und sie fragt sich, ob das nicht sogar das erklärte Ziel der Wolfsförderer ist. Was an Herdenschutzmaßnahmen vollmundig angepriesen wird, erweist sich bei näherem Hinsehen zum Teil mehr als Folklore bis hin zu nicht durchführbar. So sind wolfssichere Zäune auf steilen Almflächen nicht machbar und Herdenschutzhunde sind kein Allheilmittel. Jede einzelne Herde braucht zwei von wegen artgerechter Haltung, in Regauers Betrieb wären das deren acht. Woher nehmen, wer richtet die ab, wer zahlt das Futter? Und dann die Probleme mit den Touristen, und vor allem deren Hunden. Herdenschutzhunde werden zum Teil als Kampfhunde eingestuft, und benehmen sich auch so. So will der Tourismusverband im Sarganserland in der Schweiz, wo heuer bereits fünf Schaf- almen nicht mehr bestoßen werden, Herdenschutzhunde verbieten.

Herdenschutzhund (k)eine Lösung

Schutzhunde sind auch für Mathias Kohl, Mutterkuhhalter in der Gemeinde Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz, kein Thema: »Das ist sehr problematisch wegen der vielen Wanderer hier.« Da sich nun im Veldensteiner Forst, der direkt an seine Weiden angrenzt, ein Wolfspaar angesiedelt hat, hat er aus Versicherungsgründen seine Weiden mit einem 4-litzigen E-Zaun eingefasst. Die unterste Litze verläuft vorschriftsmäßig nur 20 cm über dem Boden. Das Problem dabei: beim raschen Graswachstum im Frühjahr muss er jede Woche mit dem Freischneider stramme vier Kilometer Zaun grasfrei halten. Ein Schlepper geht wegen des Geländes nicht. Nächstes Problem, hier exemplarisch, aber das gilt für alle Betriebe: die Gesellschaft will Tierwohl und Tierwohl heißt auch Offenstall und Laufflächen. »Der Offenstall ist eine Einladung für den Wolf«, so Kohl. Die Abkalbungen seiner Mutterkühe hat er schon in die Zeit der Winteraufstallung vorverlegt, denn Nachgeburten auf der Weide, das hieße den Wolf direkt einladen. Auch er bräuchte aus Gründen der Herdenaufteilung acht Schutzhunde! Und eine traurige Frage steht laut Kohl letztlich gnadenlos an: »Mit acht bis zehn Jahren können die Hunde nicht mehr. Und dann?«

Die Gesellschaftz will den Wolf

heulender Wolf
Die Gesellschaft will den Wolf. © pixabay.com/skeeze

Sehr spannend ist in diesem Zusammenhang die Aussage der Wolfsförderer: »Die Gesellschaft will den Wolf. Wir müssen nur unsere Herden besser schützen.« Wer ist ›wir‹? Mit ein paar Zuschüssen für Zaun und Hunde ist es nicht getan. Nur, wer nicht penibel schützt, erhält nicht einmal eine Entschädigung und allein die zu bekommen ist schon ein Thema für sich, nachzulesen im Internet bei Bayerisches Landesamt für Umwelt ›Wildtiermanagement Große Beutegreifer‹.

Hybriden auf dem Vormarsch

Ganz davon abgesehen, dass in Sibirien genug Platz für den Wolf ist, der Hype um seine Rückkehr hat eine ganz eigene, ganz besondere Note: Es ist offenbar gar nicht der Wolf, der da kommt, sondern irgendetwas Wolfsähnliches. So merkte schon Alfred Brehm in den 1860er Jahren in seinem Werk ›Illustriertes Tierleben‹ an, was heute von Wolfsbefürwortern gerne unter den Teppich gekehrt wird: »Trotz aller Abneigung, die zwischen Wolf und Hund besteht, paaren sich beide, und zwar ebenso in Gefangenschaft wie im Freien ohne Zutun des Menschen.«

Heute haben solche Kreuzungen weltweit Fans. Laut NABU gab es in Deutschland 2013 etwa 1400 dieser Tiere, Tendenz steigend. Nur die wenigsten sind gemeldet, was nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen aber sein müsste. Wolfshybriden werden etwa aus Osteuropa oder den USA eingeführt, mit falschen Papieren als Hunde deklariert. Bis zu 4000 Euro kostet so ein Welpe.

Fressen und paaren

totes Kalb
Wölfe haben im September 2017 ein Kalb auf der Seiseralm in Südtirol gerissen. © privat

Wölfe fressen Hunde, da gibt es zunehmend Fälle mit gerissenen Jagdhunden, aber, wie schon Brehm sagte, sie paaren sich auch. Bereits 2008 gaben russische und finnische Wissenschaftler Hinweise auf Mischlinge. Unter diesem Aspekt wird deutlich, wie aberwitzig der derzeitige, strenge Wolfsschutz nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, Anhang IV, ist: Thüringen, Standortübungsplatz der Bundeswehr Ohrdruf, in dessen Umgebung in den letzten Monaten 65 Schafe und 14 Ziegen gerissen wurden. Die dort ansässige Wölfin, auf die 13 dieser Risse zurückgehen, brachte heuer sechs Welpen. Deren Vater ist ein Labrador. Das thüringische Umweltministerium will aus Artenschutzgründen nur 100-prozentige Wölfe schützen und versuchte der Bastardwelpen habhaft zu werden, um sie dann im Bärengehege Worbis unterzubringen. Tierschützer wiederum vereitelten die Versuche, die Tiere zu fangen. Ergebnis: Die Wölfin mit ihren sechs Welpen verschwand erstmal und das Umweltministerium erteilte folgerichtig eine Abschussgenehmigung. Ende März konnten dann drei Hybriden erlegt werden, ein vierter kollidierte mit einem Zug. Es wird weiterhin versucht, die beiden verbliebenen Hybriden zu erlegen. Gesamtkosten der Aktion bisher an die 100 000 Euro!

Immer wieder Mischlinge

Ein ähnliches Bild aus der Schweiz, das ebenso die gesamte Artenschutzdiskussion fragwürdig erscheinen lässt. So berichtet Martin Keller, Vorsitzender der Vereinigung der Weideviehhalter der Kantone Glarus, St. Gallen und beider Appenzell, folgendes: den Schweizer Bauern wird immer wieder erzählt, dass die Wölfe aus Italien einwandern und dass diese Wölfe auch echte Wölfe seien. So bekamen sie von ihren seit drei Jahren an die Uni Lausanne eingesandten DNA-Proben von Rissen immer das Ergebnis: Wolf. Auf ihren Überwachungskameras allerdings waren immer wieder Tiere zu sehen, die nicht die üblichen Wolfsmerkmale aufwiesen. Daraufhin gaben sie zwei Riss-Proben an ein Hamburger Analyselabor und siehe da: eine Probe war tatsächlich von einem Wolf, allerdings baltischer Herkunft, die andere stammte von einem Tier mit 40 Prozent russischem Anteil und 60 Prozent von einem Münsterländer. Und auch der Wolf, der 2016 per Fotofalle im oberbayerischen Landkreis Starnberg nachgewiesen wurde, war ein Mischling.

Kommt die Tollwut zurück?

Zudem herrscht bei den aus Italien, dem Apennin, eingewanderten Wölfen ein hoher Hybridisierungsgrad. Kein Wunder: bei einer Wolfsdichte von zwei bis vier Wölfen/100 km² ist auf der gleichen Fläche mit 100 bis 300 freilaufenden Hunden zu rechnen. Man befürchtet, dass es in Italien bald nur noch einen riesigen Hybridschwarm gibt, aber keine echten Wölfe mehr. Ähnlich wie an der Ostküste der USA, wo der Coywolf, eine Mischung aus Coyote, Wolf und Haushund den echten Wolf komplett verdrängt hat.

Gerne wird auch übersehen, dass die Wölfe aus nicht tollwutfreien Gebieten kommen. Tollwütige Wölfe fallen definitiv Menschen an, wie alte Chroniken belegen, aber auch die Fälle der Wolfsübergriffe auf Menschen in Europa während der letzten 50 Jahre.

Dass der europäische Wolf vom Aussterben bedroht sei, das ist definitiv nicht richtig. Laut einer Aufstellung des Bayerischen Landesamtes für Umwelt leben derzeit in Europa 10 000 bis 15 000 Wölfe. Davon 3900 im Balkangebiet, 4300 in den baltischen Ländern, 3000 in den Karpaten, 2500 in Spanien, in Italien 600 bis 800, sowie in Finnland, Schweden und Frankreich je 150 bis 250. Zunehmenden Druck bekommen auch Österreich (erstes Rudel wurde 2016 nachgewiesen) und die Schweiz mit geschätzt 40 Tieren im Jahr 2016.

In Deutschland sind mit Stand Mai 2017 60 Rudel und 13 Wolfspaare nachgewiesen. In Bayern wurde 2016 ein Wolfspaar im Nationalpark Bayersicher Wald nachgewiesen, 2017 ein weiteres auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr und im nahe gelegenen Veldensteiner Forst hat sich im März 2018 ein weiteres Paar gebildet.

Eine Frage der Definition

Kompliziert wird das Thema Artenschutz durch unterschiedliche Ansätze beim Begriff ›günstiger Erhaltungszustand der Population‹, wobei hier die Zahlen nur für die fortpflanzungsfähigen Tiere gelten. Die Wölfe, die in Deutschland von Nordosten her einwandern, gehören zur nordosteuropäischen-baltischen Population und bilden lediglich deren westliche Ausläufer. Diese Population ist definitiv nicht vom Aussterben bedroht. Das ändert sich erst durch die Betrachtungsweise nach der in der EU geltenden FFH-Richtlinie, die mit Artikel IV den Wolf unter besonders strengen Schutz stellt, allerdings bezogen auf die Nationalstaatsgrenzen. Dann sind die Zahlen für einen günstigen Erhaltungszustand in Deutschland natürlich zu niedrig, von der Population her gesehen ist das aber Unsinn.

Schutzstatus herabsetzen

Deutschland hat, da es damals noch keine Wölfe im Land hatte, den strengen Artikel IV unterschrieben, der die Entnahme der Großen Beutegreifer mit hohen Hürden versieht. Auf Grund der FFH-Richtlinie unterliegt der Wolf dem Naturschutzrecht, die Landwirtschaft, die die Schäden hat, hat da nichts zu melden. Vielmehr haben die Landwirte ganz selbstverständlich alles Erdenkliche zu tun, um ihre Weidetiere zu schützen: wolfssichere Zäune, Nachtaufstallung, Herdenschutzhunde und ähnliches. Allerdings zeigen Statistiken aus Frankreich, dass Herdenschutzmaßnahmen nur etwa drei Jahre die Zahl der Risse stagnieren lassen. Dann hat der Wolf, clever wie er ist, gelernt, damit umzugehen. Die Alm-/Alpwirtschaftlichen Vereine des gesamten Alpenraumes fordern daher eindringlich die Herabsetzung des Schutzstatus der Großraubtiere in der FFH-Richtlinie und die Einführung von großraubtierfreien Zonen.

Politik erkennt Problematik

Fleckviehrind in den Dolomiten
Zaunbau im hochalpinen Gelände ist ein Ding der Unmöglichkeit. © Ariane Haubner/Rinderzucht Fleckvieh

Offenbar ist nun auch der Politik deutlich geworden, dass eine ungehinderte Ausbreitung des Wolfes den Bestand der Weidetierhaltung und damit der Kulturlandschaft massiv gefährdet, denn das Thema Wolf hat es in die Koalitionsvereinbarung der GroKo geschafft. So will man die EU-Kommission auffordern, den Schutzstatus des Wolfes zu überprüfen und »…dass Wölfe, die Weidezäune überwunden haben oder für den Menschen gefährlich werden, entnommen werden.«

Es lohnt sich ein Blick nach Skandinavien, in Länder, die seit jeher mit dem Wolf leben. In Finnland etwa werden die Rentierzuchtgebiete konsequent wolfsfrei gehalten. Schweden hält seinen Bestand bei 300 Stück, obwohl 500 gefordert wären. Schutzjagd ist immer möglich.

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