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Frauen in der Landwirtschaft

Engagierte Betriebsleiterin: Selbst ist die Frau

Auf die Kälber hat Rebecca Gerstmeier ein besonderes Auge. Sauberkeit, Ordentlichkeit und Hygiene stehen ganz oben in diesem Bereich.
am Donnerstag, 01.06.2023 - 16:29

Nahezu ein Einfrau-Betrieb ist der Hof von Rebecca Gerstmeier im baden-württembergischen Unterschneidheim. Mit viel Leidenschaft, Präzision, einigen Investitionen und mit einer gewissen Portion Sturheit hat die studierte Landwirtin den elterlichen Betrieb in den letzten Jahren auf ein gesundes Fundament gestellt.

Der Betrieb der Familie Gerstmeier in Hundslohe bei Unterschneidheim.

Frauenpower ist am Betrieb Gerstmeier in Hundslohe nichts Außergewöhnliches. »Schon meine Mutter und meine Großmutter waren die Betriebsleiterinnen am Hof, der Oma blieb gar nichts anderes übrig, nachdem die Brüder im Krieg gefallen sind«, umreißt Rebecca Gerstmeier ihre Familiengeschichte. Seit 2021 ist die studierte Landwirtin die Betriebsleiterin. Schon 2007 stieg die heute 41-jährige und dreifache Mutter in den Betrieb ein. Gesundheitlich angeschlagen, gab Vater Gerhard schon früh das Signal, dass er kürzertreten und bald aufhören möchte. Nach und nach haben Rebecca und ihre Mutter Marliese den Betrieb so umstrukturiert, dass vieles möglichst einfach durch Frauenhände zu erledigen ist. Sukzessive wurde der Betrieb weiterentwickelt.

Der Laufstall wurde 1993 gebaut und 2009 eine Erweiterung angeschleppt. Links wurde der Melkroboter integriert, hinten rechts ist die Station des Futterroboters.

Bereits 1993 bauten Rebeccas Eltern einen Laufstall, an den 2009 angebaut wurde. Über die Jahre lief nicht immer alles rosig. »Wir hatten unter anderem die Fütterung nicht im Griff und eine Zeitlang hohe Tierverluste zu verkraften«, erzählt die Hofnachfolgerin rückblickend. »Ich stand sogar vor der Entscheidung mit allem aufzuhören und den Betrieb zu verkaufen. Wir hätten dann wegziehen müssen«, fügt sie an. Doch den Betrieb aufgeben kam für die Landwirtin nicht in Frage. Mit eisernem Willen und einer gewissen Portion Sturheit brachte und bringt sie den Betrieb auf Vordermann. Als ihre Mutter nach einem Schlaganfall im Oktober 2020 ausfiel, waren die Weichen zum Glück schon so weit gestellt, dass sie den Betrieb mit Unterstützung durch ihren Mann weiterführen konnte. Ihr Mann Andreas stammt auch von einem landwirtschaftlichen Betrieb und hat eine landwirtschaftliche Ausbildung, arbeitet aber aktuell als Informatiker im Homeoffice. Er hilft morgens und abends im Stall und packt mit an, wenn es nötig ist. Auch der Bruder hilft bei Bedarf. Mutter Marliese hat sich wieder so weit erholt, dass sie für alle kocht und auch bei den Kälbern mit anpackt. »Sie ist eine Kämpferin«, sagt Rebecca Gerstmeier stolz.

Alle Ackerfläche verpachtet

Auf die Kälber hat Rebecca Gerstmeier ein besonderes Auge. Sauberkeit, Ordentlichkeit und Hygiene stehen ganz oben in diesem Bereich.

Den großen Rest ›wuppt‹ sie allein, wie heutzutage gerne gesagt wird. Das sind 75 Kühe mit etwa 55 Stück weiblicher Nachzucht und das gesamte, intensiv bewirtschaftete Grünland des Betriebes, knapp 37 ha. 20 ha Wald sind auch noch da. Die 62 ha Ackerflächen hat Rebecca im November 2021 an einen ehemaligen Studienkollegen, der in der Nähe lebt und dort einen Schweinebetrieb mit Biogasanlage betreibt, verpachtet. Sie kauft dann den Silomais von rund 20 ha sowie Gerste samt Stroh von rund 10 ha wieder zurück. Außerdem nimmt ihr Pächter auch die restliche Gülle ab.

Rebecca und Andreas Gerstmeier mit ihren Kindern (vorne v. l.) Amelie (7), Frederic (11) und Philipp (13) sowie Rebeccas Eltern Marliese und Gerhard Kleinhans.

Die Geschäfte seien so buchhalterisch gut getrennt und einfach handzuhaben, erklärt die Agrarökonomin diesen Schritt. Dass sich dieser Schritt nicht nur auf ihre Arbeitszeit, sondern auch betriebswirtschaftlich so positiv auswirken würde, hatte sie im Vorfeld nicht geahnt. »Wir brauchen die ganzen Maschinen nicht mehr vorhalten und mein Bekannter kann im Gegenzug seine großen Maschinen besser auslasten«, erklärt die Betriebsleiterin.

Kuhbestand reduziert

Ihre ganze berufliche Aufmerksamkeit kann Rebecca Gerstmeier nun den Tieren widmen. Der Milchkuhbestand wurde von rund 100 Tieren auf etwa 75 reduziert. 65 Melkende schafft der Melkroboter, der 2018 angeschafft wurde gut. Frischkalber in der Biestmilchphase oder kranke Kühe werden noch separat im alten Melkstand gemolken, der allerdings teilweise zurückgebaut wird. Der Melkroboter ist gut ausgelastet er soll nicht mit vielen Zwischenreinigungen belastetet werden.

Die Kälberboxen sind leicht zu reinigen und transportieren.

Die Kälberhaltung haben Rebecca und ihre Mutter schon 2015 an ihre Bedürfnisse angepasst und durch exakte Arbeitsabläufe und »totale Sauberkeit«, wie sie selbst sagt, auf Kurs gebracht. Mit Einzug des Melkroboters wurde auch die Milchkammer umgebaut. Die Idee dazu hatte ihr Mann.

Viele elektrische Komponenten im Stall können nun mit selbst erzeugtem Solarstrom betrieben werden. Auch ein kleiner Speicher wurde angeschafft. Damit ist man teilweise autark und kann Diesel einsparen.

Eingebaut wurde ein Milchtank mit Eiswasserspeicher. Zu den 100 kWp Solarpanelen für die gewerbliche Stromeinspeisung folgten 2019 weitere 30 kWp für den innerbetrieblichen Gebrauch. Auch ein kleiner Speicher wurde angeschafft, um überschüssigen Sonnenstrom vorhalten und zu anderer Zeit sinnvoll verwenden zu können. »Im Sommer kommen wir nachts damit bis zu 2 Stunden über die Runden«, sagt die innovative Landwirtin zufrieden.

Gemeinsam mit dem Melkroboter wurde ein Milchtank mit Eiswasserkühlung aufgestellt. Über das System Full Energy kann der erzeugte Solarstrom zur Milchkühlung genutzt werden.

Der Betrieb ist dadurch bis zu 40 Prozent autark. Mit Hilfe eines Dashboardes kann Rebecca Gerstmeier sehen, wie viel Strom aktuell erzeugt und verbraucht wird. Der Strom wird nicht nur für den Eiswasserspeicher der Milchkühlung, sondern auch für den Melkroboter und seine Kochendwasserreinigung, den Spaltenschieber, die automatische Fütterung und die LED-Beleuchtung verwendet.

Das Füttern übernimmt der Wasserbauer-Futterautomat

Die automatische Fütterung wurde im November 2021 realisiert. Eine weitere hohe Investition. »Andreas ist nicht nur Ideengeber, sondern auch mein größter Kritiker und zwingt mich mit seinem Blick von außen gut über neue Schritte nachzudenken, abzuwägen und diese strukturiert anzugehen. Wir diskutieren viel, entscheiden aber gemeinsam.« Hier helfe die Sichtweise eines Informatikers ungemein und auch die Tatsache, dass er aus einem schweinehaltenden Betrieb stammt. Sie erklärt: »Schweinehalter arbeiten wesentlich strukturierter als Milchviehhalter, da kann man sich einiges abschauen – auch in punkto Hygiene.« Ziel ist es, den Betrieb möglichst als einen ›Ein-Frau-Betrieb‹ führen zu können, alle Investitionen muss der Betrieb stemmen können und sich damit tragen, eine Finanzierung über das Gehalt ihres Mannes findet nicht statt, das ist der Betriebsleiterin sehr wichtig. Außerdem muss am Ende genug Zeit für Familie auch das gemeinsame Hobby Fallschirmspringen bleiben.

Präzise Fütterung

Die Anschaffung der automatischen Fütterung hat sich auf jeden Fall gelohnt, die Betriebsleiterin ist begeistert. Durch die exakte und genaue Fütterung hat sich bezüglich Tiergesundheit nochmal einiges getan. Die Rationen werden jetzt mit Hilfe eines LKV-Futterberater berechnet. Die Kühe selektieren das Futter jetzt kaum noch und die Trockenmasseaufnahme ist gestiegen. Eutergesundheit, Fruchtbarkeitsprobleme, Abkalbe- und sämtliche Folgeprobleme, alles wurde besser. Die Tierarztkosten haben sich halbiert. »Durch den Kunststoffbehälter des Futtershuttles haben wir auch nicht mit flüchtigem Eisen zu tun«, sagt Rebecca Gerstmeier zufrieden.

Am Roboter gibt es noch 2,5 kg Kraftfutter und ein Flüssigfuttermittel für Frischlaktierer zur Ketoseprofilaxe. Die Kühe sollen aber möglichst viel von der Mischration fressen, kurzfristige pH-Wert-Schwankungen dadurch so weit wie möglich vermieden werden. Durch die automatische Fütterung konnten Gerstmeiers auch den Dieselverbrauch von 17 Liter auf 4 Liter pro Tag für die Fütterung reduzieren, hinzu kommen dafür 30 kWh Strom pro Tag.

Den Brunstkalender, den Rebecca Gerstmeiers Mutter Marlies anfertigte, nutzt die Milchviehhalterin noch immer gerne.

Die studierte Landwirtin bedient sich nicht nur moderner, sondern auch herkömmlicher Methoden, wenn es um Dokumentation und Aufzeichnung im Stall geht. Auf Stalltafeln sind wichtige Daten sofort für jeden einsehbar und auch der große, von ihrer Mutter selbst gemachte Brunstkalender ist nach wie vor ein hilfreiches Utensil, von dem die Milchviehhalterin gerne Gebrauch macht. Derweil ist das Betriebs-Projekt noch nicht abgeschlossen. Aktuell wird für die Kühe ein Auslauf geplant und auch über ein Herdenmonitoring denkt sie nach.

Mit der Mogens-Tochter Belista holte sich Familie Gerstmeier bei der Jubiläumsschau in Ellwangen 2022 einen Abteilungssieg bei den Jungkühen. Auch alle Kinder waren bei den Bambinis im Einsatz.

Alles in allem bleibt so viel Zeit, um die Herde auch züchterisch zu bearbeiten und auf Vordermann zu bringen. Die Teilnahme an Fleckfficient war und ist da eine große Hilfe. Dadurch, dass von allen weiblichen Tieren genomische Zuchtwerte vorliegen, nutzt sie diese, um die Tiere nach ihren Vorstellungen zu selektieren und auszusortieren. Dabei spielt der GZW eine durchaus wichtige Rolle, aber wenn das Rind aus einer guten Mutter stammt und selbst auch gut aussieht, darf es bleiben. Inzwischen kommen ihre Milchkühe auf einen durchschnittlichen GZW von 112, das Jungvieh unter einem Jahr ist schon bei GZW 122 im Schnitt.

ET für zügigen Zuchtfortschritt

Die hervorragende Watermann Tochter Arina entstammt der A-Kuhfamilie am Betrieb Gerstmeier.

Bei der Bullenauswahl lässt sich Rebecca Gerstmeier vom Anpaarungsprogramm CowShip unterstützen. Sie erklärt: »Ich gehe die Vorschläge durch und mache dann noch eigene Verbesserungen.« Auch ETs werden durchgeführt, mit steigender Tendenz. Bei der Bullenauswahl sind ihr Euter und Fundamentvererbung sehr wichtig, aber auch im Rahmen wird auf nicht zu knappe Werte geachtet. Die Milchmenge ist inzwischen nicht mehr ganz so wichtig, »die Milch ist jetzt da«, betont Rebecca Gerstmeier und auch, dass sie keine Inhaltsstoffjägerin ist. Stattdessen achtet sie sehr auf den ›Hintergrund‹ des Bullen. Die Mutterlinie muss passen und das heißt für die Züchterin, dass sie keinen Bullen nimmt, der »eben mal hohe Zuchtwerte her schmeißt, die Mutterlinie aber dem Zuchtwert in der Leistung nicht entspricht.«

Züchterische Erfolge in Form von zur KB aufgestellen Vererbern gibt es zur großen Freude auch schon. Aus der Haybusa-Tochter Escalibur (MV: Villeroy) stehen der Wassermann-Sohn Wallraff (GZW 134, MW 121, FW 115, FIT 115, Fu 106, Eu 106) sowie die aktuelle Nummer 1 der Vici-Pp*-Söhne Villani Pp* (GZW 137, MW 123, FW 106, Fit 123, Fu 98, Eu 115) an der Station in Herbertingen. Ariane Haubner