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Reportage

Für Kuh, Mensch und Zukunft

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am Mittwoch, 02.06.2021 - 17:10

Mehr Tierwohl, effizientere Arbeit, Klimaschutz: Einen Kuhstall mit Dreifachnutzen hat die Familie Stier verwirklicht. Die engagierten Milchviehhalter und Fleckviehzüchter sind froh, diesen Schritt gemacht zu haben, denn sie sehen sich jetzt gut für die Zukunft aufgestellt.

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Sie sind ein Familienbetrieb und möchten auch einer bleiben, da ist sich die Familie Stier aus dem idyllischen Schönenberg im Landkreis Schwäbisch Hall einig. Um ihren Betrieb als Familie weiterführen zu können, haben sie deshalb einiges investiert und geändert, denn die Arbeitsbelastung und Unterbringung der Tiere war trotz des vorhandenen Laufstalls für die engagierten Landwirte nicht mehr tragbar.

»Wir haben in der Früh und am Abend etwa drei Stunden für das Milchvieh gebraucht, mussten entsprechend früh aufstehen, damit die Milch um 8.15 Uhr abgeholt werden kann«, erzählt Senior Dieter Stier rückblickend. Eine Entlastung von der langen und körperlich schweren Arbeit sowie eine Flexibilisierung durch Melkroboter sollten deshalb Abhilfe schaffen. 

Letztendlich gab es zwei Möglichkeiten: Neu bauen und aufstocken, um zwei Roboter zu installieren oder alles etwas herunterfahren und im vorhandenen Stall einen Roboter einbauen. Zwar gab es durchaus Bedenken noch größer zu werden und so viel Geld zu investieren, doch heute ist die Familie froh, letztendlich den großen Schritt gemacht zu haben und mit dem neuen Stall etwas für die Tiere, die Menschen und sogar für das Klima tun zu können.

Geplant wurde ein Außenklimastall. »Wir hatten schon am alten Laufstall einen Bereich mit Außenliegeboxen und Außenfuttertisch und festgestellt, dass sich hier die Kühe am liebsten aufhielten und das Futter hier immer am schnellsten weg war«, sagt Daniel Stier. Außerdem wollte man an der vorgesehenen exponierten Stelle keine klotzige Halle hinstellen, sondern etwas Luftiges, das besser ins Landschaftsbild passt. »Wir haben uns entsprechende Ställe angesehen, wollten aber mehr Freilauf für unsere Kühe«, so der Juniorchef.

Noch während der Planung wurde die Familie auf das EIP-Projekt Rind aufmerksam, bewarb sich und wurde schließlich auch genommen. Gemeinsam mit den Beratern wurden weitere Elemente realisiert, um auch den Premiumzuschuss in Anspruch nehmen zu können. Heraus kam ein dreihäusiger Stall mit zwei separate Herden, die nochmal in eine Frischmelker und eine reguläre Gruppe unterteilt sind.

Alle Gruppen greifen auf den Futtertisch in der Mitte zu. Der Auslauf für die Kühe wurde nicht in Verlängerung an den Stall angebaut, sondern im Stall verwirklicht. »Von Dachrinne zu Dachrinne sind es 4 Meter«, betont Daniel Stier. Am Futtertisch haben die Kühe einen Auftritt, der gleich mehrere Funktionen hat. Die Mistfläche wurde dadurch um 1,60 m kleiner und die Kühe werden durch den Kammschieber, der alle zwei Stunden fährt, weniger gestört. Das dient der Emissionsminderung, ebenso wie die speziellen Böden und Gummimatten, die Ausscheidungen schnell abführen. Damit die Kühe sich auch untereinander beim Fressen in Ruhe lassen sowie möglichst gerade stehen, wurden Trennbügel und Fressgitter eingebaut.

Extras für das EIP-Rind

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Außerdem verwirklicht wurde eine extra Heuraufe, eine Kuhdusche sowie eine Laufflächenbefeuchtung, um Schmierfilme zu verhindern und eine bessere Reinigung durch die Schieber zu gewährleisten. Ein Sonnensegel schützt auf der südlichen Stallseite den Laufhof und die Kühe im Sommer vor zu hoher Sonneneinstrahlung. Der Spaltenboden vor den Melkrobotern kann im Winter über Warmwasserleitungen frostfrei gehalten werden. Ein Lehrpfad lädt Besucher und Spaziergänger ein, sich über die Milchviehhaltung und das EIP-Projekt am Betrieb Stier zu informieren.

Der alte Laufstall, der 1994 für zunächst 40 Kühe gebaut und 2010 um einen Tiefstreubereich sowie um Außenliegeboxen mit Futtertisch erweitert worden war, dient heute der Unterbringung der Trockensteher, der Abkalber im Tiefbereich und dem Jungvieh teils auf Tiefstreu, teils im Liegeboxenbereich. Auch die frisch abgekalbten Kühe sind hier etwa acht Tage lang auf Tiefstreu untergebracht und werden noch im alten Doppelvierer-Melkstand meist von Renate und Dieter Stier gemolken, bis die Milch wieder regulär verwendet werden kann.

Von der alten Milchkammer sind es nur wenige Meter mit einem Milchtaxi zu den jüngsten Kälbern in den Iglus. Hier und bei den Melk­robotern unterstützt Marina Stier ihren Mann und ihre Schwiegereltern bei Bedarf. Dadurch, dass der neue Stall direkt oberhalb des alten Stalles steht, kann die Gruppe der zu besamenden Rinder mit Aktivitätshalsbändern ausgestattet und über das Managementprogramm des einen Roboters mitüberwacht werden.

1 Stunde mehr Schlaf

Ziemlich genau zwei Jahre nach dem Einzug in den Stall zieht die Familie ein positives Fazit. »Wir können in der Früh etwa eine Stunde länger schlafen und sind am Abend eine Stunde früher mit der Arbeit fertig«, sagt Dieter Stier zufrieden. Der neue Außenklimastall funktioniert im Sommer wie im Winter.

Dass sich die Kühe wohl fühlen, zeigen die Leistungszahlen. Allein von 2019 auf 2020 stieg deren Milchmenge im Schnitt von 9907 kg auf 10 638 kg. Der aktuelle gleitende Herdenschnitt ist sogar bei 11 084 kg. Das ist dem neuen Stall und dem öfteren Melken durch die Roboter zuzuschreiben, denn eine Futterumstellung fand nicht statt. Durch eine intensive Aufzucht bis etwa acht Monate und die Haltung auf Tiefstreu konnte das Erstkalbealter auf 24,5 Monate gesenkt werden.

2 bis 5 Liter zum Start

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Die Leistung der Kühe ist auch deshalb bemerkenswert, da die Kühe relativ niedrig in die Laktation starten. 2 bis 5 Liter pro Melkung sind normal. In etwa 14 Tagen steigern sich die Kühe auf etwa 30 Liter am Tag. Daniel Stier erklärt: »Unsere Kühe bekommen bis zur Kalbung die Trockensteherration.« Eine Vorbereitungsgruppe gibt es nicht und macht für die Stiers auch keinen Sinn, denn die Hormone beginnen erst mit der Geburt und dem Einsetzen der Milch zu wirken. Nach der Kalbung gibt es sofort die Kuhration. »Durch den Kraftfutteranteil haben unsere Kühe dann richtig Appetit auf die Kuhration und fressen entsprechend viel. So kommen sie gut über das Energiedefizit hinweg und durch die relativ geringe Einsatzleistung gibt es seltener Stoffwechselprobleme.« Ältere Kühe erhalten vorsorglich einen Calcium-Bolus.

Die Leistungsration ist auf 29 Liter ausgelegt und mit 70 bis 75 % maisbetont. Hinzu kommen Grassilage und Stroh, 40/IV Eiweißfutter und eine Eigenmischung mit Gerste, Körnermais, Mineralfutter, Viehsalz und Futterkalk. Am Roboter gibt es ein 19/IV-Futter und ein 100 Tage-Futter bis max. 5,5 kg zusammen. Großen Anklang findet auch das Heu, das zur freien Aufnahme in einer Raufe angeboten wird. Etwa 120 kg werden am Tag gefressen.

Die Trockensteherration enthält im Verhältnis 60:40 Mais- und Grassilage sowie 5 % Stroh plus etwas vom Eiweißfutter. Damit entsprechend Futter in die Kühe reinpasst, bevorzugt Dieter Stier vor allem großrahmige Kühe. Der Eigenbestandsbesamer kümmert sich überwiegend um das Besamungs-, Trockenstell- und Abkalbemanagement. »Alles, was man morgens trockenstellt, kalbt tagsüber etwa zwischen 5 und 21 Uhr. Das habe ich schon während meiner Ausbildung gelernt«, sagt der 60-jährige Landwirt zufrieden, denn meistens klappt das auch.

Ebenfalls hält er daran fest, dass man nicht zu viele verschiedene Bullen einsetzen sollte, wenn man eine gleichförmige Herde haben möchte. Zwar werden am Betrieb Stier inzwischen fast ausschließlich genomische Jungbullen eingesetzt, aber Enttäuschungen gab es deswegen bisher kaum. »Klar erfüllt nicht jeder Genomische seine Vorhersage, aber wir züchten nicht für die männliche Seite und auf der weiblichen gab es keine größeren Ausfälle deswegen«, versichert Dieter Stier.

Etwa 20 bis 30 Portionen werden von einem Bullen eingesetzt. Favoriten, wie aktuell Hutill (V: Hutera) sind auch über einen längeren Zeitraum im Einsatz, z. B. wenn schöne Kälber geboren werden oder die Jungkühe gut einsetzen. Von Hutill gibt es bereits zehn Kühe im Bestand, sie entsprechen Stiers Anforderungen: rahmige, tiefe Kühe, mit guten Eutern, Fundamenten und Leistungen. »Außerdem sind es ruhige Tiere«, fügt er an. Wichtig sind ihm auch eine gute Eutergesundheit, nicht zu hohe Melkbarkeiten und gute Kalbeeigenschaften bei den Rindern.

Aktuell besamt er Rinder gerne mit Sido und Kühe mit Wolfram. Außerdem sind Erasmus und Ephraim sowie Hokaido im Spermakübel. Kälber fallen derzeit von Danilo, Wolfram, Hutill und Hokaido. Väter der Jungkühe sind aktuell Horizont, Hosiana und Miami.

Dass der Betrieb nicht bei Fleckfficient teilnimmt, hat damit zu tun, dass nach wie vor alle weiblichen Tiere aufgezogen werden. «Ich will aussortieren, wenn die Jungkühe in Milch sind«, sagt Dieter Stier, der seit 20 Jahren keine Tiere mehr zugekauft hat.

Gesammelt wird nicht

Dass inzwischen im Gegenzug pro Jahr etwa 30 bis 40 Kühe auf den Zuchtviehmarkt gehen, hat nichts damit zu tun, dass die Familie unzufrieden mit den Tieren ist. »Oft tut es uns leid, wenn wir so gute Kühe hergeben müssen, sagt Renate Stier etwas traurig, »aber mit einem Melkroboter ist dem Sammeln jetzt ein Riegel vorgeschoben«. Der Rest der Familie nickt zustimmend und auch etwas er­leichtert.