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Abwärmenutzung, Teil 3

Biogasabwärme zu Geld machen

Dieser Artikel ist zuerst in der Joule erschienen.

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Welsproduktion Agrargenossenschaft Jesewitz
In Jesewitz werden in einer alten Maschinenhalle Fische produziert. © Catrin Hahn/joule
von , am
02.05.2017

Mit dem Auto braucht man nur gut eine Viertelstunde von der Leipziger Innenstadt bis ins nordwestlich der Großstadt gelegene Jesewitz. In der dortigen Agrargenossenschaft hatte man mal gedacht, das sei ein Vorteil. Doch dazu später.

Fisch aus der Garage

An einem frostigen Tag Anfang Februar herrscht in der auf Marktfruchtbau spezialisierten Agrargenossenschaft eG Jesewitz entspannte Ruhe. Am Hauptsitz im Dorf Jesewitz sitzt die Verwaltung der 1950 ha großen Agrargenossenschaft sowie ihrer beiden Tochterunternehmen, einer Autowaschanlage und der Hausverwaltung für die genossenschaftseigenen Wohnungen. „Wir sind eigentlich ein ganz normaler Betrieb für die Gegend hier“, sagt Dr. Reiner Dietrich, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens. „Hervorgegangen aus einer 7.000-ha-LPG, wir erzeugen Getreide, Raps, Mais, Zuckerrüben, außerdem ein bisschen Grünland, darauf stehen unsere 35 Mutterkühe. Zwei Tochterunternehmen, 20 Mitarbeiter an drei Standorten.“

Wohin mit der Wärme?

Einige Kilometer weiter, am Standort Ochelmitz, ist auf den ersten Blick auch noch „alles ganz normal“: eine 600-kW-Biogasanlage, auf dem Gelände liegen wie riesige Lindwürmer kreuz und quer Siloschläuche, was Dietrich so erklärt: „Wir haben kein Silo hier, das ist etwas unpraktisch. Wir versuchen gerade, Fläche für ein Fahrsilo zu erwerben.“

Er läuft auf die Tür einer Maschinenhalle zu, öffnet sie – und plötzlich ist nicht mehr „alles ganz normal“. Eine Grille zirpt im Halbdunkel, ein Radio läuft, es ist 28 Grad warm und riecht nach Mittelmeerhafen.

In der Halle gruppieren sich blaue Becken um zwei große Türme herum. Da­rin steht trübes Wasser, nur die Blasen verraten, dass sich dort unterarmlange Fische tummeln. „Die mögen das trübe Wasser, nur in den letzten drei Tagen vor dem Verkauf leben sie in klarem Wasser“, erklärt Vorstand Dietrich. Und  erzählt, warum das Radio in dem menschenleeren Saal läuft: „Am Anfang, wenn da mal eine Tür zu- oder ein Besen umfiel, sprangen immer wieder Fische aus den Becken. Die sind einfach so geräuschempfindlich. Deshalb läuft das Radio Tag und Nacht – um eine ständige Geräuschkulisse zu erzeugen.“

Dr. Dietrich erinnert sich, wie der Marktfruchtbetrieb zur Fischerei kam: „Ich bin seit 2006 Vorstand hier. Damals war die BGA in Planung und es gab  kein wirkliches Konzept für die Verwertung der Wärme. Der Aufsichtsrat wollte ein Wärmenetz im Ort, aber das wäre zu klein gewesen und natürlich auch nur im Winter so richtig lukrativ.“

Die beheizbaren, ehemaligen Maschinenhallen neben der Biogasanlage rückten als nächstes in den Fokus bei der Suche nach einer Wärmesenke. Aber so eine richtig zündende Idee hatte keiner – bis jemand die Fischproduktion ins Spiel brachte. Die Technologie funktioniert in Holland seit 40 Jahren. Das hat Dietrich überzeugt. „Fische brauchen das ganze Jahr 28° C warme Becken und Hallen. Also eine zuverlässige Wärmeabnahme rund ums Jahr. Weil wir gehört haben, dass der Afrikanische Wels anspruchslos und wuchsfreudig ist, haben wir  Kontakt zu PAL Anlagenbau aufgenommen.“

Der Aufsichtsrat, der die Idee mit den Fischen nicht so mochte, bekam also sein 1.700 m langes Wärmenetz durch den Ort. Und 2010 ging die Welsproduktion los. „Damit haben wir eine Wärmenutzung von 60 %, das ist ziemlich gut“, ist Dietrich zufrieden. Im alten Garagenkomplex wurden zwei Einheiten zur Fischerzeugung gebaut, entwickelt von PAL Anlagenbau und wie üblich an die Gegebenheiten des Kunden angepasst. Jede Einheit umfasst 40 qm Wasserkreislauf, zwei Setzlings- und neun Mastbecken. Das alles gruppiert um einen Filterturm, darunter ein Auffangbecken und eine Einheit zur Erwärmung des Frischwassers. 8 bis 10 qm davon müssen jedem Kreislauf täglich hinzugefügt werden, die kommen aus dem eigenen Brunnen. Aus den Becken läuft das Wasser in den Überlauf, über ein Absetzbecken und eine Filteranlage wieder in den Kreislauf. Das ausgefilterte Schmutzwasser geht in die Biogasanlage, die für ihre überwiegend trockenen Substrate – 90 % sind Silage, Getreideschrot und Zuckerrüben – sowieso Flüssigkeitszufuhr braucht.

Dieses Kreislaufkonzept hat von Anfang an reibungslos funktioniert, sehr zur Freude von Dietrich. Auch von der Leistung der Tiere ist er sehr angetan: „Die Futterverwertung ist enorm hoch. Aus 900 g Futter schafft der Wels 1 kg Fleischzuwachs! Allerdings geht das auch nicht mit irgendwelchem Futter.“ Das Spezialfutter, das sie verwenden, ist sehr energiereich und entsprechend teuer. Dafür dankt es der Fisch neben der hohen Leistung auch mit einer robusten Gesundheit. Als einzige „Gesundheitsvorsorge“ wird das Wasser im Auffangbecken mit UV-Licht bestrahlt, sonst wird kein Reinigungs- oder Arzneimittel verwendet. Noch nie ist – außer den wegen Lärms aus den Becken „entlaufenen“ Fischen – irgendetwas Ungewöhnliches passiert. Und selbst das war kein Beinbruch: „Der Fisch hat eine dicke Schleimschicht, er lebt in Afrika in Wasserläufen, die von Zeit zu Zeit austrocknen. Da überlebt der Fisch im feuchten Schlamm und kann für mehrere Tage Luft atmen.“ Sie haben sie einfach eingesammelt und zurück ins Becken getan.

Produzieren und Vermarkten sind zwei verschiedene Dinge

Doch dann tauchten Probleme an anderer Stelle auf, bei der Vermarktung: „Für uns sollte es nur ein Standbein sein, aber wir haben schnell gemerkt, dass wir den Aufwand unterschätzt haben. Fische produzieren und Fische verkaufen sind zwei ziemlich verschiedene Dinge. Der Verkauf läuft erst, seit wir 2013 jemanden für die Vermarktung eingestellt haben.“ Wie sich herausstellte, war die Vermarktung der 80 bis 90 t Fisch im Jahr durchaus kein Selbstläufer. Inzwischen werden sie aber zu Dietrichs Erleichterung die gesamte produzierte Menge los. Bis zu 10 t Fisch vermarkten sie jedes Jahr als Filet oder Lebendfisch selbst. Der Lebendfisch geht an Angelteichbesitzer. Denn im Unterschied zu seinem europäischen Verwandten überlebt der Afrikanische Wels den hiesigen Winter nicht und muss jedes Frühjahr neu ausgesetzt werden. Der zur Schlachtung vorgesehene Fisch wird in die Partnerbetriebe in Schkölen und Lüchow gefahren, mit denen sie in der Genossenschaft Fischgut Mitte zusammengeschlossen sind. Dort wird geschlachtet und filetiert, ein Teil geht an Gaststätten in der Umgebung. Jeden Freitag ist Ab-Hof-Verkauf in der Fischhalle in Ochelmitz. Da gibt es neben Filet – und zahlreichen Rezepten, denn der Wels ist ein viel­seitiger Speisefisch – auch Fischsalat, Fisch in Büchsen, Räucherfisch und Tierfutter aus Fischabfällen. Auf diese Absatzwege vertraut Dietrich: „Am besten ist Mund-zu-Mund-Propaganda, das haben wir gemerkt. Heute verdienen wir 7 €/kg Filet und wir werden alles los. Das ist schon ganz in Ordnung, aber ein bisschen lukrativer muss es noch werden.“

Und hier kommt wieder die nahe Großstadt ins Spiel. So dicht an 5-Sterne-Hotels und Edelgastronomie, da müsste ihm doch sein toller Fisch aus den Händen gerissen werden? Irrtum. Nach Leip­zig geht kein einziger Fisch, meint Dietrich lakonisch: „Die bestellen lieber bei ‚Deutsche See‘ ihre Tiefkühlware.“

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