Login
"Aufwuchs von Weideflächen als Biogassubstrat nutzen"

Leserbrief zu: Biogassubstrat von der Weide

Milchvieh auf Weide
© imago/imagebroker/bergsteiger
von , am
11.09.2017

In unserem Beitrag: "Biogassubstrat von der Weide – bieten Biogasanlagen eine Chance zur Erhaltung des Grünlandes?" beschäftigen wir uns mit der mittelfristigen Freisetzung von 15 bis 20% des Grünlandes und möglichen Nutzungsalternativen als Substratlieferant. Unser Leser Helmut Mittermair möchte dazu Stellung nehmen.

Leserbrief zum Beitrag: Substrat von der Weide

Unser Leser Helmut Mittermair nimmt in einem Leserbrief Stellung zum Beitrag: Substrat von der Weide:

Ich habe gerade den Artikel „Biogassubstrat von der Weide“ gelesen und möchte einige Anmerkungen machen. Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Fütterung von Biogasanlagen und da ich aus der Fütterung von Hochleistungs-Milchrindern komme, habe ich einen etwas anderen Zugang zu den Biogaserträgen. Ich arbeite hier sehr eng mit Prof. Formigoni an der UNIBO Bologna/IT und dort wird speziell auf Futterqualität oder besser auf den Anteil an uNDF (nicht nutzbare Faser) geforscht. Wenn es denn so ist, dass das Biogas aus dem Futter entsteht, dann ist meines Erachtens dieser Punkt von entscheidender Bedeutung. Eine Grundlage bietet hier die pFOM (potenziell fermentierbare organische Masse). Sie lässt sich über Analysen ganz einfach ermitteln. Es gibt dazu eine recht gute Veröffentlichung von Prof. Weissbach.

Danach gilt: je besser die Futterqualität, desto höher die pFOM. Wenn mehr nutzbare Biomasse vorhanden ist, entsteht logischerweise auch mehr Biogas! Wenn man es aber auf eine andere Ebene bringt, ist der Methanertrag pro Tonne tatsächlich abgebaute Zellulose (Gras hat größtenteils nur Zellulose) immer gleich, ob jung oder alt (1 t pFOM = 420 m³ CH4 als Potenzial.

Potenzial ist nicht gleich Ertrag!

Nun gibt es in der ganzen Biogas-Branche einen entscheidenden Punkt, der immer unterschlagen wird: Das Biogaspotenzial darf nicht mit dem Biogasertrag gleichgesetzt werden. Das täglich oder besser stündlich entstehende Biogas ist das Produkt aus der Fermentation der Behältermasse und die tägliche/stündliche Fütterung ist die Kompensation dieser abgebauten Biomasse. Diese Synchronmasse im Behälter ist der entscheidende Punkt – sie muss so konstant wie möglich gehalten werden. Bei zu geringer Synchronmasse sinken die Gaserträge. Die Synchronmasse verändert sich bei unterschiedlichen Futterqualitäten massiv und es kann relativ dauern, sie wieder stabil zu bekommen.

Das Problem wird oft mit HRT (Verweilzeit) umschrieben, hat damit aber wenig zu tun. Bei sehr hohem Grasanteil muss man die Futterqualitäten sehr gut beurteilen, speziell die uNDF, also die nicht nutzbare Fasermasse, und die Konstante der Abbaugeschwindigkeit.

All diese Parameter für Futterqualitäten sind seit Langem verfügbar und werden in der Wiederkäuerfütterung professionell eingesetzt. Die Dimensionierung bzw. die tatsächliche Nutzung des Behältervolumens ist bei Grassilagen unbedingt zu berücksichtigen und muss flexibel angepasst und betrieben werden. Die Behälterdimensionierung ist entscheidend für eine stabile Synchron-Masse an pFOM und auch beim Spüleffekt für die nicht nutzbare Trockenmasse, die rechtzeitig entfernt werden muss. Hier kann ein gewisser Anteil an Gülle oder Flüssigkeit sehr hilfreich sein. Das Problem der Grassilage ist also der deutlich höhere Anteil an Ballaststoff, der ein anderes Betreibermodell verlangt, aber aus fütterungstechnischer Hinsicht kaum Probleme machen darf.

Nun wird in der Biogasbranche auch der Fehler gemacht, dass sämtliche Futtermittel immer in Bezug zu Maissilage gesehen werden. Aber: Auch die Futterqualitäten von Maissilagen variieren stark.

Zitat aus dem Beitrag: Versuche deuten an, dass der optimale Schnitttermin etwa drei bis vier Tage später als bei der Nutzung für Milchvieh liegt. Je höher der Rohfasergehalt, desto geringer ist der Zuckergehalt des Siliergutes, die Verdichtbarkeit im Silo verschlechtert sich und die damit verbundene Gefahr der Schimmelbildung nimmt zu.“ Ich kann diesen Satz nicht so richtig verstehen. Späterer Schnitt = Qualitätsverlust. Ein hoher Zuckergehalt erleichtert die Konservierung, dazu ein niedriger RF = höhere Verdaulichkeit!

Maximale Futterqualitäten

Meine Empfehlung bei Grassilage geht immer in Richtung maximale Futterqualitäten – den Anteil an Ballaststoffen so gering wie möglich halten. Allerdings ist es in der Praxis ja leider so, dass die schlechteren – meist feuchten – Silagen übers Jahr an die BGA abgegeben werden. Das kann man verstehen, aber beim Ertrag sind dann Abstriche in Kauf zu nehmen. Die tatsächlichen Qualitäten muss man einordnen und die sich ergebenden Konsequenzen klar berechnen.  Dafür gibt es Futterberater.

Nur stelle ich leider fest, dass tatsächliche Futterspezialisten in der Biogasbranche kaum anzutreffen sind. Wo die wahren Potenziale der verschiedenen Futterpflanzen liegen, wird offensichtlich (noch) nicht erkannt. Schuld daran sind die eingangs erwähnten zweifelhaften Biogasertragsangaben, mit denen versucht wird, alle Pflanzen zu standardisieren.

Mir ist schon klar, dass der Artikel eine Message geben wollte, dass Gräser eine Alternative sein können. Eine BGA mit Weidegras wirtschaftlich betreiben zu können, mit den derzeitigen Einspeisetarifen bzw. Tarifaussichten, halte ich allerdings für eine äußerst gewagte These. Die Berechnungen zu den möglichen Potenzialen beruhen auf theoretischen Potenzialen, die nicht ansatzweise zu realisieren sind. Natürlich kann oder sollte man nicht alles nur aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten, aber wenn es sich nicht lohnt, wird es niemand machen! Es ist leider so, dass von verschiedenen Institutionen – der Beitrag bezieht sich auf die FNR –Biogaserträge festgelegt wurden, die oberflächlich sind und zu Missverständnissen beitragen. Natürlich sind Sicherheit, auch Emissionen, und andere Themen in der Öffentlichkeit viel bedeutender. Aber wenn Biogas überleben will, muss die Effizienz massiv steigen.

 

Helmut Mittermair/Kufstein/AT: Biomax@gmx.at

 

Auch interessant