Login
Unter Strom

Böser, böser Wind

Dieser Artikel ist zuerst in der Joule erschienen.

JOULE jetzt probelesen oder abonnieren.

von , am
25.09.2017

Sie haben ja sicher schon von der Theorie gehört, dass Windräder pausenlos nichts anderes im Sinn haben, als ahnungslose Vögel zu häckseln. In Wahrheit ist das – und nicht die Erzeugung von Strom – ihr eigentlicher Zweck.

Ich nehme all meinen Mut zusammen, um Ihnen diese wirklich wahre Wahrheit hier zu verkünden, mein durch die skrupellose Windkraftlobby bestimmt demnächst zerstörtes Schicksal wird dann sicher von der Lügenpresse totgeschwiegen.
Achso, Lügenpresse bin ich ja selber...
Na gut, streichen Sie den letzten Satz.


An dieser leicht geschädigten Einleitung merken Sie, dass rituelle Totschlagargumentationen langsam bei mir Wirkung zeigen. Neulich erst wieder durfte ich einer beiwohnen. Wissenschaftler hatten eine statistisch saubere Analyse vorgestellt, die nach einer halben Stunde von einem Aktivisten mit: „Sie lügen doch hier alle, und Sie wissen das auch“ niedergebrüllt wurde. Worauf sich die versammelte Presse ihm zuwandte. Die Analyse hatte belegt, dass die Populationen (einiger) bedrohter Vogelarten sich lustigerweise umgekehrt proportional zur Zahl der Windräder entwickelten.
Das Angenehme beim Dagegensein ist ja, wie im vorangestellten Beispiel sehr gelungen demonstriert, dass man mit einem einfachen „alles Lüge“ sofort alle Argumente der Gegenseite entkräftet, da kann die jahrelang recherchieren, messen und rechnen.
Zumindest, wenn man sich im Glanze der guten Sache sonnt wie in diesem Fall der Mitarbeiter einer Umweltorganisation.
Der dann auch Teile der Medienberichterstattung auf seiner Seite hatte. Das klang dann so „Windkraft-Lobbyisten leugnen die Gefahren für die Vogelwelt. [...] Das ist nachvollziehbar, geht es doch bei dem Ausbau der Windkraft um ein hochsubventioniertes Geschäft. Und wo viel Geld im Spiel ist, stören Rotmilan & Co.“
 

"Windkraft-Industrie"

Schon interessant, wie eine Energiewende-Branche ganz locker mit dem Schimpfwort „Industrie“ als ausbeuterisch und skrupellos abgestempelt wird. Als wären es unfassbar große Konzerne, die mit der Ausbeutung der Umwelt Riesengewinne einstreichen mit ihren unglaublich verzweigten Geschäftsmodellen und Riesen-Kraftwerken für niemanden mehr durchschaubare Geschäfte machen … Warten Sie mal, woran erinnert mich das?
Wenn es nicht vergebene Liebesmüh wäre, würde ich auch gern immer wieder erklären: „Liebe Windkraftgegner, der Sinn hinter der Energiewende ist eigentlich der, das Energiesystem von einem zentralen in ein dezentrales System umzuwandeln.
Klingt komisch, ist aber so. Weil dann nämlich einzelne Leute, die sich zu Energiegenossenschaften zusammentun, zusammen mit ihren Kommunen und anderen Mitspielern die Energieversorgung in ihrer Gegend selber gestalten können.
Und nebenbei können sie den Klimawandel aufhalten, der ja unglücklicherweise die Hauptursache für das Vogelsterben ist.“

Man kann sie ja schlecht fragen, ich habe aber den Verdacht, dass so eine Vogelpopulation inmitten der Rauchschwaden aus einem Kohlekraftwerk oder in wüstenähnlichen Tagebaurestflächen auch gar nicht so richtig glücklich ist. Und wo wir schon dabei sind: In all meinen Jahren als Energieredakteur bei der Lügenpresse habe ich unter Windrädern wirklich selten tote Vögel gesehen, tausendfach mehr dagegen auf der Autobahn hin zum Windrad. Auch wenn’s unbequem ist: wir alle tragen eben eine Mitschuld oder zumindest Mitverantwortung. Es sind nicht immer DIE ANDEREN.


Aber nicht nur an Land nimmt der Streit ums Windrad gelegentlich bizarre Züge an. Auch Offshore-Anlagen werden ja gern und zahlreich mit Klagen überzogen: zu teuer, zu unschön (das Argument mag ich besonders), zu laut bei der Errichtung, zu gefährlich für Seevögel, zu schädlich insgesamt für Meeresfauna und -flora. Doch auch hier ist die Welt mal wieder nicht schwarz oder weiß, sehr zum Missfallen der Windkraftgegner.
Wie die Ostseezeitung Mitte Juli berichtete, kämpfen Berufsfischer mit aller Macht darum, in den naturschutzrechtlich geschützten Gebieten unter Offshore-Windparks in der Ostsee fischen zu dürfen, weil dort der Artenreichtum an Fischen besonders groß ist.

Wer braucht da noch Kolumnenschreiber, wenn das Leben selber solch lustige Geschichten schreibt.

Auch interessant