Login
Unter Strom

Selbstgestrickte Wahrheit

Dieser Artikel ist zuerst in der Joule erschienen.

JOULE jetzt probelesen oder abonnieren.

von , am
09.05.2017

„Es gab neulich eine Umfrage unter Löwen. Ergebnis: Sie lehnen den Käfig ab, wollen aber weiter eine gute Verpflegung.“
Daniel Goeudevert

Selbstgestrickte Wahrheit

Umfragen sind doch ein wunderbares Ding. Laut einer Umfrage in meinem Dreierbüro haben 100% der Angestellten Lust auf längere Mittagspausen. Nach einer richtig teuren Umfrage des Umweltministeriums NRW vor einigen Jahren fühlen sich Jungs im Wald anders als Mädchen. Laut einer Umfrage auf n-tv glauben 56 % der Befragten, dass Trump ein guter Präsident wird.
So, und was haben wir daraus gelernt?
Genau. Nichts.

Laut Definition ist eine Umfrage die Befragung einer bestimmten Anzahl von Personen, um einen allgemeinen Meinungsquerschnitt zu erhalten. Das ist an sich eine gute Sache. Ich könnte, wenn ich das wollte, herausbekommen, wie eine Gruppe Menschen über etwas denkt. Dass das  Ergebnis nicht unbedingt mit der Wahrheit übereinstimmen muss, haben wir sehr schön zur letzten Wahl in den USA demonstriert bekommen.
Eins also sind Umfragen nicht: zuverlässig. Selbst wenn ich sie noch so sorgfältig durchführe. Wobei genau das meistens gar nicht der Fall ist, denn: Man kann Umfragen so wunderbar missbrauchen. Sie sind subjektiv, unwissenschaftlich, schnell zu machen. Sie täuschen Ernsthaftigkeit vor, besonders bei einer statistischen Auswertung mit sieben Nachkommastellen. Mit der Art der Fragestellung kann man jede beliebige Antwort festlegen. „Sie sind doch auch der Meinung, dass Hausarbeit eine ziemlich lästige, zeitfressende Angelegenheit ist?“
„Logisch!“
Zack, und schon heißt es: Deutsche sind zu faul zum Putzen!
Nehmen wir nur mal das neue Volksbegehren zum Berliner Flughafen: Weil offensichtlich 200.000 Menschen im Berliner Süden und Westen eine Liste unterschrieben haben, dass sie den Flughafen Tegel toll finden und gerne weiterbehalten wollen, gucken mindestens 300.000 Menschen im Berliner Nordosten jetzt mal wieder dumm in die Röhre. Seit Jahrzehnten ertragen sie stoisch den immer stärker werdenden Lärm des Flughafens, der bei einer baulichen Kapazität von 12 Millionen Passagieren im letzten Jahr mal eben 21 Millionen wegschaffen musste. Jeder, der schon mal da war, weiß, wie das funktioniert: Unter völligem Verzicht auf gute Arbeitsbedingungen für die Angestellten und auf Komfort  für die Reisenden. Dazu mit einer große Portion Gottvertrauen und Glück – und voilá, da haben wir das Konzept Tegel.
Wenn ich also in den richtigen Stadtteilen meine Unterschriftenlisten auslege, dachte sich der nach einem Wahlkampfthema suchende FDP-Politiker Sebastian Czaja, krieg ich die Stimmen für das Volksbegehren ganz locker zusammen.  Und bin im Gespräch. Hat geklappt. Auch, weil die Tegelanwohner inzwischen zu müde und zu taub für richtigen Widerstand sind.
Aber darüber wollte ich ja gar nicht reden. Sondern über eine Umfrage des Bundesumweltministeriums BMUB. Nach einem ganz ähnlichen Muster erarbeitet wie die bisher genannten Beispiele. Jedes Jahr gibt das Ministerium ganz munter vom Steuerzahler finanzierte Umfragen zum Umweltbewusstsein der Deutschen heraus. Und was sind wir für ein umweltbewusstes Volk, wenn man diesen Umfragen Glauben schenkt! Mein lieber Scholli, da kriegt man ja richtig Ehrfurcht und vergisst auf der Stelle die verdreckten Innenstädte, Sperrmüllkippen an Straßenrändern und die ungebrochene Lust am Dieselfahrzeug.
„Eine große Mehrheit der Deutschen will nicht mehr so stark auf das Auto angewiesen sein“, jubilierte das BMUB in Auswertung der jüngsten „Umweltbewusstseinsstudie“ Anfang April. Hallelujah. „Die Menschen sind bereit, auf das Auto zu verzichten, aber sie brauchen gute Alternativen“, flötete Ministerin Hendricks den Journalisten bei der Präsentation der Studie zu. Die schrieben das brav auf und druckten es ab. Wer sich die Mühe machte, in das 88-seitige Werk hineinzuschauen, stellte allerdings fest, dass gar nicht danach gefragt wurde, ob die Deutschen weniger aufs Auto angewiesen sein wollen oder weniger Auto fahren möchten. Sondern sie stellten auf Nachfrage fest, dass eine Umwelt mit weniger Autos „zum guten Leben beitragen“ würde und „wünschenswert in der eigenen Gemeinde“ wäre. Ich übersetz das mal: Es wär total super, wenn die andern bitte etwas weniger Auto fahren würden.

Auch interessant