Ausbildung Vor allem praxisorientiert

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Solaranlage auf dem Dach der HTWK Leipzig © Catrin Hahn Bild vergrößern
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Der Stadtteil Connewitz im Süden Leipzigs hat eine bunte Geschichte: In den Neunzigern war er Hochburg der Anarchistenszene, beherbergte alternative Wohnprojekte und eine Mischung aller möglichen Kulturen und Lebensweisen. Heute ist die Karl-Liebknecht-Straße eine Ausgehmeile in einem Studentenviertel, an ihrem südlichen Ende steht der Campus der HTWK Leipzig, der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur. In mehreren repräsentativen Gebäuden rund um das Hauptgebäude herum sind sechs von sieben Fakultäten der Hochschule untergebracht.

Das neueste von ihnen ist der Nieper-Bau, der die Fakultät Maschinenbau und Energietechnik beherbergt: Knapp zwei Jahre alt, architektonisch mutig, lichtdurchflutet, durchgestylt, ohne abweisend zu wirken. Und – bei näherem Hinsehen – auch präzise auf die Anforderungen einer Lehr- und Ausbildungsanstalt abgestimmt.
„Das lief von Anfang an problemlos. Es gab ein paar der üblichen Kinderkrankheiten, die man bei Neubauten immer hat, aber nie irgendwelche großen Pannen. Und die ganze komplizierte Steuer- und Regeltechnik hat auch von Anfang an gut funktioniert.“ Michael Kubessa lehnt zufrieden an der Glaswand zur Dachterasse. Hinter ihm glitzern, nach Süden ausgerichtet, Solarmodule in der Frühlingssonne, eine Etage weiter oben dreht sich ein Kleinwindrad. Die Ausstattung dieses Außenlabors zeigt deutlich, dass in dieser Fakultät Erneuerbare Energien zum Ausbildungsinhalt gehören.

„Schon seit über zehn Jahren gehören Erneuerbare in den Studiengang Energie-, Gebäude- und Umwelttechnik“, erklärt Kubessa, der im gleichnamigen Institut die Professur für Ver- und Entsorgungstechnik innehat. „Wir haben das Thema bislang über mehrere Professuren verteilt und überlegen jetzt, ob wir das nicht mal in einer bündeln sollten. Aber die Inhalte sind klar: Wir vermitteln die kompletten Grundlagen der Erneuerbaren Energien im Bachelorstudiengang. Und zwar alle Bereiche inklusive ihrer wirtschaftlichen und ökologischen Relevanz.“ Er sieht diesen Umgang mit den Erneuerbaren als Schritt zur Normalisierung des Wirtschaftszweiges. „Natürlich gehören diese Technologien ins Fachgebiet Maschinenbau und Energietechnik. Wir betrachten die Erzeugung und den Verbrauch von Energie im System, ein zunehmend wichtiger Bestandteil davon sind eben die Erneuerbaren. Das merken wir auch in unseren Ausbildungsinhalten, der Anteil an EE-Technologie wird einfach immer größer. Da haben wir wohl alles richtig gemacht.“ Offensichtlich ist nicht nur er davon überzeugt, dass die „Erneuerbaren die Energieform von morgen sind“, wie er nüchtern anmerkt. Auch wenn er heute oft noch sagen muss: „technisch ist etwas möglich, aber wirtschaftlich ist es vielleicht erst in zehn Jahren“, so bleiben die Punkte „Schonung der Ressourcen sowie Energie- und Stoffkreisläufe schließen“ für ihn doch die entscheidenden Argumente für die Energiewende.

Viele Bewerber auf die Studienplätze
Das erkennen offenbar auch die Studienbewerber an: Von den etwa 50 Neuzugängen, die jedes Jahr zum Wintersemester aus etwa fünf bis sieben Mal so viel Bewerbern ausgewählt werden, befassen sich am Ende der sechs Semester wahrscheinlich zwei Drittel in ihrer Bachelor­arbeit direkt oder indirekt mit dem Thema Erneuerbare. „Das Interesse der Bewerber ist enorm gewachsen, teilweise sind sie uns sogar ein bisschen zu fokussiert. Wir müssen ihnen dann vermitteln, dass Erneuerbare ein Bestandteil der Energietechnik sind und wir hier einen ganzheitlichen  Ansatz vertreten.“ Im anschließenden konsekutiven Masterstudiengang, der wegen seiner Attraktivität auch immer stärker von Bewerbern aus anderen Bundesländern nachgefragt wird, können die Studierenden dann ihr Wissen zu bestimmten Energieformen vertiefen. Vielleicht hat sich auch herumgesprochen, dass die HTWK allergrößten Wert auf Praxisbezug und Wirtschaftstauglichkeit legt. So steht man in ständigem Kontakt mit Unternehmen, um praxisrelevante Forschungsthemen zu formulieren, die in der Ausbildung und im Rahmen von Bachelor- und Masterarbeiten bearbeitet werden. Die enge Verbindung zur Wirtschaft ist Kubessa ein ur­eigenes Anliegen, schließlich kam der Feuerungstechniker selbst aus der Wirtschaft in die Hochschule. Als Unternehmer wurde er 1996 dorthin berufen und hat seine Erfahrungen eingebracht. „Wir diskutieren regelmäßig mit Unternehmen, was unsere Absolventen für den Arbeitsmarkt mitbringen müssen. Wir fordern Kritik ein, um besser zu werden.“ Offenbar mit Erfolg, denn Kubessa hat noch nie „ein Signal aus der Wirtschaft bekommen, dass unsere Bachelor nicht passen.“ Ein schöneres Lob kann man sich als Ausbilder wahrscheinlich kaum wünschen.