Unter Strom Böcke zu Gärtnern

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Bislang fand ich es eigentlich immer ganz praktisch, bei allen aufziehenden Katastrophen erstmal zu sagen: „Ganz ruhig. Kommt schon nicht so dicke, wie es gerade aussieht.“

Böcke zu Gärtnern

Hat auch bisher meistens gut funktioniert. In diesem Jahr muss ich allerdings regelmäßig überrascht feststellen, dass es durchaus noch sehr viel dicker kommen kann, als man im ersten Moment fürchtet. Eine dieser Gelegenheiten war der Brexit, an dem ich abends in der angenehmen Sicherheit eines ganz normalen Durchschnittstages ins Bett gíng und morgens in einer völlig anderen Welt aufwachte.
Eine erstaunliche Erfahrung.
Und was glauben Sie: Knapp ein halbes Jahr später wiederholt sie sich! Nicht, dass ich darum gebeten oder überhaupt daran gedacht hätte, dass eine solche Erfahrung einer Wiederholung bedürfte. Ich war wieder völlig blauäugig am Abend ins Bett gegangen und erwachte am Morgen mit einem designierten US-Präsidenten, der so weit jenseits meiner Vorstellungskraft lag wie Weltfrieden ab Neujahr.

Trumps Gruselkabinett

Und auch in dieser Neuigkeit lagen offensichtlich noch Steigerungsmöglichkeiten versteckt. Nicht nur, dass wir wahrscheinlich für eine gewisse Zeit einen selbstverliebten Choleriker am einflussreichsten Arbeitsplatz der Welt ertragen müssen, nein, der Mann braucht ja auch noch Minister. Und bei der Auswahl derselben beweist er ein geradezu schlafwandlerisch sicheres Händchen. Das gesamte bisher bekannte Kabinett eint, dass es wie ihr zukünftiger Boss keine besonders innige Beziehung zu wissenschaftlich bewiesenen Tatsachen pflegt – sondern eher der akut am besten in die persönliche Lebensplanung passenden postfaktischen Behauptung zuneigt – und es ist reich.

Sehr reich.

Trump und seine wichtigsten künftigen Mitarbeiter im Weißen Haus verfügen laut Recherchen amerikanischer Medien über ein Privatvermögen von 14,5 Milliarden Dollar – und damit über so viel Knete wie die 43 Millionen amerikanischen Haushalte am unteren Ende der Einkommensskala.
Nun ist es sicher nicht so, dass man als zukünftiger Minister unbedingt mittellos sein muss, aber wenigstens einige Berührungspunkte mit dem Alltag normaler Menschen wären wahrscheinlich nicht ganz verkehrt. Wenn man zum Beispiel als künftiger Arbeitsminister den einen oder anderen Tag in seinem Leben gearbeitet hat. Obwohl, wenn ich es recht bedenke, haben Sie mal die Biografie unserer Arbeitsministerin überflogen? Nein? Ach, vielleicht machen Sie es auch lieber nicht ... Denn sonst würden Sie vielleicht erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass Frau Nahles 1989 nach dem Abitur ein Studium der Politikwissenschaften und Germanistik aufgenommen hat und die Uni kaum 16 Jahre später wegen des Einzugs in den Bundestag schon wieder verlassen hat. Kinder, wie die Zeit vergeht.
Aber das ist ja jetzt ein ganz anderes Thema.
Ich wollte eher darauf hinaus, dass die neue Chefriege quasi diametral entgegengesetzt zu ihren eigentlichen Aufgabengebieten besetzt sein wird. Als Böcke zum Gärtner werden zum Beispiel Scott Pruitt, kommender Chef der  Umweltbehörde, Rick Perry, neuer Energieminister, und Ex-ExxonMobil- Boss Rex Tillerson zum Außenminister befördert.
Der kommende Energieminister Perry ist bisher hauptsächlich durch ausdauerndes Klimawandel-Leugnen aufgefallen. Scott Pruitt hat einen guten Teil seiner Amtszeit als Generalstaatsanwalt von Oklahoma damit verbracht, das Ministerium zu verklagen, das er nun bald leitet. Bisher erfolglos, aber als Chef wird das sicher leichter. Zum Aufwärmen hat er gemeinsam mit Trumps Transition Team schon mal 74 Fragen ans Energieministerium geschickt, in denen unter anderem die Namen von Mitarbeitern „erbeten“ werden, die zum Klimawandel geforscht haben. Ein Berater Trumps ist auch schon auf die grandiose Idee verfallen, der Nasa, die über einen der größten Klimadatensätze der Welt verfügt, die Klimaforschung zu verbieten.
Die sturen Wissenschaftler haben jetzt angefangen, ihre Daten auf Servern außerhalb des Landes in Sicherheit zu bringen.
Schade eigentlich, dass Trump so überzeugt ist, dass es den Klimawandel gar nicht gibt. Sonst käme er vielleicht auf die naheliegende Idee, selbigen einfach zu verbieten.

Und schwupps, Problem gelöst.