Unter Strom Energie von übermorgen

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„Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.“ Victor Hugo

Energie von übermorgen

Der amerikanische Wissenschaftler Michio Kaku gehört zu den berühmtesten Physikern der Welt. Er ist einer der Väter der String-Theorie, arbeitet als Professor für Theoretische Physik an der City University in New York und ist – vor allem in den USA – dank einiger Science-TV-Shows und mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher ein Superstar. In Deutschland dagegen – wo man als Naturwissenschaftler ja schon befürchten muss, von Parties verwiesen zu werden, spätestens dann, wenn man der versammelten bürgerlichen Mittelschicht naturwissenschaftliche Zusammenhänge zu erklären beginnt –  ist Kakus Name so gut wie unbekannt. Dabei hat er etwas für die Nicht-Fachwelt Faszinierendes getan: Er hat über 300 herausragende Wissenschaftler befragt, wie die Welt ihrer Meinung nach in 20, 60 oder 100 Jahren aussehen wird. Und hat ihre Antworten in verständlicher und sehr unterhaltsamer Weise zwischen zwei Buchdeckeln verewigt: „Die Physik der Zukunft – Unser Leben in 100 Jahren“. Ein Ausblick in eine Zeit, in der medizinische Probleme mehr oder weniger Geschichte, zumindest aber schnell lösbar sind; in der die Energiekrisen vorbei sind; alle Menschen satt zu essen haben und Umweltverschmutzung als Rohstoffverschwendung begriffen und bekämpft wird.

Für notorische Optimisten wie mich ist das Buch ein reiner Quell der Freude; für Pessimisten ein willkommener Anlass, es als Science-Fiction abzutun und in die Ecke zu werfen. Dabei ist eine Hälfte der Wortverbindung das Wort Science – Wissenschaft. Und das ist kein Zufall! Science-Fiction-Autoren haben mit sorgfältiger Recherche in Vorbereitung ihrer Werke nichts anderes getan als Michio Kaku: Wie könnte die Welt aussehen, wenn Probleme, die uns heute unüberwindlich erscheinen, eines Tages doch lösbar sind?
Stellen wir uns nur mal für einen Moment vor, wie sich ein – gern auch gebildeter – Mensch aus dem Mittelalter fühlen würde, wenn er plötzlich in unseren heutigen Alltag versetzt würde: Er sähe Leute, die erstmal nicht viel anders aussehen als er selber, die sich aber kleine Kästchen ans Ohr halten und reinsprechen, zuhören, lachen oder streiten. Und niemand kommt und bringt sie ins Tollhaus! Er hört Musik aus Behältern kommen, in die man nie und nimmer einen Musiker reinquetschen könnte oder Sänger. Und was für komische Musik! Menschen steigen in Hülsen aus glänzendem Eisen und bewegen sich mit unheimlicher Geschwindigkeit. Sogar durch die Luft! Oder unter Wasser. Manche zeigen auch mit Stöcken auf andere und die fallen dann um und sind tot.

Kurzum: Unser Mittelalterbesucher hätte reichlich zu tun, diese Welt mit seiner eigenen zusammenzubringen. Alleine in den letzten einhundert Jahren sind Technologiesprünge passiert, die sich die kühnsten Träumer und Denker kaum vorzustellen wagten. Alle anderen haben es gleich als Hexenwerk abgetan. Und warum sollte diese Entwicklung nicht weitergehen? Nur weil uns die Phantasie fehlt, uns das vorzustellen? Da gibt es zum Glück ja die Wissenschaftler und die Science-Fiction-Autoren.
Eine der Theorien, die Michio Kaku für die Energieversorgung zum Ende dieses Jahrhunderts beschreibt, ist die Energiegewinnung aus dem All. Sie beruht auf einer Technologie, die unlängst schon gewaltige Sprünge hingelegt hat: der Solarenergie. Die SSP (Space Solar Power) sieht vor, Hunderte von riesigen Satelliten in einer sehr hohen Umlaufbahn um die Erde zu parken und sie dort Sonnenenergie tanken zu lassen, die sie in Form von Mikrowellenstrahlung zur Erde senden. Im Jahre 2009 hat der Amerikaner Ben Bova, übrigens ein Science-Fiction-Autor, eine wirtschaftliche Berechnung veröffentlicht: Seiner Schätzung nach könnte jeder dieser Satelliten eine Leistung von 5 bis 10 GW erbringen. Die Kilowattstunde würde um die 8 bis 10 Cent kosten, einer dieser Satelliten etwa 1 Mrd. Dollar. An dieser Stelle würde ich gerne daran erinnern, dass der englische Staat den Betrieb des noch nicht mal angefangenen Atomkraftwerkes Hingsley Point C mit 108 Mrd. € sponsert …
Wenn Sie also mal am weiteren Fortgang der Energiewende zweifeln, dann nehmen Sie dieses Buch zu Hand und vergewissern Sie sich, dass niemand, auch kein Energieminister, die Naturwissenschaften aufhalten kann!