Unter Strom Der Feind der Kamele

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Die Kamelherde hatte einen neuen Anführer gewählt. Solange die Alten zurückdenken konnten, und solange die, die damals alt waren, zurückdenken konnten, hatten sie immer auf die gleiche Art ihren Anführer gewählt: Sie stellten sich eng zusammen und spuckten auf ein Zeichen alle in die Luft. Wer danach am meisten glänzte, war der neue Boss.

Die Kamele hatten keinen Grund, ihr Wahlsystem anzuzweifeln, sie hatten es ja schon immer so gemacht. Okay, die Herde im Nachbartal machte das anders, aber die hatten ja auch größere Höcker. Überhaupt stimmte was nicht mit denen, das wird man doch wohl mal sagen dürfen. Ihr Tal war viel grüner. Warum eigentlich?  Und wo wir schon mal dabei sind: warum waren eigentlich unsere Kinder neulich so krank und ihre nicht? Die haben doch das Wasser vergiftet! Außerdem: Die Sonne sieht so komisch grau aus in letzter Zeit. Da stecken die doch auch dahinter! Kurz: der Nachbarherde kann man nicht trauen.

Gut, es hatte schon Anführer gegeben, die hatten etwas anderes gesagt. Hatten sich mit den Chefs der Nachbarherde getroffen und darüber gesprochen, wer denn nun den Bach vergiftet und die Sonne umgefärbt hatte. Unglaubliches trat dabei zutage: Jeder hat gedacht, dass der andere schuld war.  War er aber gar nicht!

Dann hatte man bei der gemeinsamen Suche nach dem wahren Schuldigen herausgefunden, dass es wohl der Drache sein musste, der hoch oben auf dem Berg wohnte. Der ließ mit seinem Stinkeatem alle Pflanzen verdorren, legte ständig aus Spaß Waldbrände und schmiss immer seine Essensreste in den Bach. Hatte etwa der das Wasser vergiftet und die Sonne verdunkelt? Was konnte man tun?
Die Herden machten einen Vertrag.
Sie würden als Karawane gemeinsam zum Drachen ziehen und ihn zur Rede stellen. Und wenn er nicht mit sich reden ließ, dann würden sie ihn verjagen. Das können sie, denn sie sind ja zusammen sehr viele! Und sie sind Höhere Säugetiere, Vertreter der Gattung Camelas ferus f. Bactriana, des großen und einzigartigen Trampeltiers – Herrscher über die Täler. Der Drache ist nur eine Echse.

Aber dann, bevor sie noch aufbrechen und dem Drachen die Meinung sagen konnten, war diese schreckliche Dürre auf sie herniedergekommen und hatte ihr Essen verbrannt. Die Kinder waren verhungert und dann die Alten. Die hatten noch, bevor sie starben, prophezeit, das alles sei die Schuld dieser neumodischen Anführer mit ihren verrückten Ideen gewesen. So etwas hätte es früher nicht gegeben. Und damals war das Wetter besser, die Kinder gesünder, die Wiesen grüner, die Sonne gelber. Das könne doch kein Zufall sein.

Jetzt hatten sie also einen neuen Anführer. Ein vollgefressenes, großmäuliges, eitles Tier, das durch sein Verhalten schon berühmt geworden war: Kleinere, schwächere Tiere schubste er auf der Suche nach dem besten Weideland rücksichtslos zur Seite und verhöhnte sie dabei noch. Entsprach ein Gebüsch nicht direkt seinen geschmacklichen Vorstellungen oder warf ein Baum einen unbotmäßigen Schatten, dann war der neue Chef schnell gereizt und ließ seine Wut an anderen aus. Trotzdem hatte er in Windeseile einen Hofstaat an beflissenen Untertanen um sich geschart. Die hatten nämlich eines schnell begriffen: Wenn ich dem neuen Boss folge, kann ich nach ihm auf seinem Flecken grasen und die Dürre überstehen.

So stand also der neue Anführer, dem Mutter Natur eine eigenwillige und etwas lächerliche hellgelbe Mähne mitgegeben hatte, in der Wüste auf einem immer kleiner werdenden Flecken Gras, spuckte kunstvolle Muster und ließ sich dafür von seinem Hofstaat bewundern. Zwar war die Dürre immer noch da, die Sonne sah noch komisch aus und die Kinder starben weiter, aber der neue Anführer erklärte ihnen den Feind: die Nachbarherde war es selbstverständlich, nicht der Drache. Das war schon immer so gewesen und das würde auch immer so bleiben. Sein Vorgänger, der etwas anderes gesagt hatte, gehöre in die Schlucht geworfen. Und überhaupt, hat der nicht auch so  komische Höcker wie die Nachbarn?
Alle stimmten ihm zu.
Nur ein paar von den schwächlichen Dummköpfen zogen still in Richtung Nachbartal.