Unter Strom Trump-Fasten

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Seit einigen Tagen lebe ich in einer Art Trump-Diät. Es war keine bewusste Entscheidung, eher so eine tiefe Müdigkeit, die es mir unmöglich gemacht hat, Nachrichten zu lesen, ganz zu schweigen von Kommentarspalten, Twitter oder Facebook.

Sieben Wochen ohne

Und was soll ich sagen, schon nach kurzer Zeit hat sich meiner eine Leichtigkeit bemächtigt, so eine helle Unbeschwertheit im Kopf, das war sehr angenehm. Nach einigem Nachdenken fiel mir auf, woran mich dieser Zustand erinnert: so hat es sich früher fast immer angefühlt! Die Welt war in Ordnung, uns gings gut; schlechte Nachrichten, Krieg, Katastrophen, Hunger und Verderben fanden zuverlässig in anderen Teilen der Welt statt und dienten sehr schön als Kon­trast, um sich ab und zu des eigenen Wohlergehens zu vergewissern.
Nun hat sich dieser Zustand der eigenen Unbetroffenheit von den Problemen der Welt ja schon seit einiger Zeit als trügerisch erwiesen. Krieg, Vertreibung, Hass und Gewalt rücken näher, haben uns aus der Gemütlichkeitsecke herausgetrieben und frierend und hilflos dem kalten Wind der  Tatsachen ausgesetzt.
Und als hätten wir damit nicht genug zu verarbeiten, kommen auch noch Populisten, Menschenfänger und Diktatoren aus allen Löchern gekrochen und werden von denen bejubelt, die der neuen Unsicherheit am liebsten Mauern und Abschottung entgegensetzen möchten.
Aus der positiven Erfahrung mit der mehrtägigen Trump-Abstinenz habe ich eine Theorie mit möglicherweise gesundheitsfördernder Auswirkung entwickelt: Wie wäre es, wir würden alle gemeinsam am 1. März ein siebenwöchiges Trump-Fasten beginnen? Ich sehe darin gleich mehrere bestechende Vorteile. Erstens müsste nicht mehr jeder hippe Großstädter in meiner Umgebung sich wochenlang das Hirn zermartern, auf was er denn in diesem Jahr Beeindruckendes verzichten kann. Es muss ja vor allem im Facebook-Freundeskreis imponieren, darf aber gleichzeitig nicht so wirklich wehtun. Trump-Fasten, fertig.
Zweitens würde die narzisstische Fönfrisur wahrscheinlich vor Wut das Mikrofon fressen, wenn zur Pressekonferenz im West Wing die akkreditierten Kollegen einfach nicht antreten würden, um sich ihre wöchentliche Hasspredigt abzuholen. Sorry, Du, wir leben abstinent.
Und drittens hätte man mal wieder etwas Zeit, sich den absurden Vorkommnissen in der näheren Umgebung zuzuwenden. Da wäre zum Beispiel die – Achtung, Poesie: ‚Windkraftstandorträume-Verordnung‘ der Landesregierung Kärnten. Sie galt seit 2012 und ließ nur Standorte für Windräder zu, die man nicht sehen kann. Ein Windrad, das bis in eine Entfernung von 40 km (!) zu sehen sein würde, darf nicht gebaut werden. Das engt die Standortwahl tatsächlich ein wenig ein – Bergwerke würden mir jetzt noch spontan einfallen. Folgerichtig wurde seit 2012 in Kärnten auch kein Windrad gebaut. Nach drei Jahren war für die äußerst clever ausgedachte Verordnung die Evaluierung fällig, und zunächst sah es so aus, als ginge das wunderbare Stück Rechtswesen problemlos in die Verlängerung. Die vorgeschriebene wissenschaftliche Untersuchung hatte man vergessen und der 2014 vom Landtag erlassene „Energiemasterplan“, der die Errichtung von 50 Windrädern vorsah, störte auch nur wenig. Doch plötzlich fiel das abgekartete Spiel irgendwie unangenehm auf, schließlich wurde im August 2016 eine neue Verordnung erlassen, die die Sichtbarkeitsgenze auf 25 km herabsetzte und gestattete, Windräder auch in Touristengemeinden zu errichten.  
Ich habe keine Ahnung, wo die Bewohner des südlichsten österreichischen Bundeslandes bisher ihre Energie herbekommen, aber zu sehen war sie wohl nicht. Ist also wahrscheinlich eine erschütternde Erkenntnis für jemanden in Urlaubshausen, dass Energie irgendwo gemacht werden muss (bzw. umgewandelt – ja ich weiß, liebe Physiker). Unsichtbar, liebe österreichische Nachbarn, war Energie aber noch nie, wie Ihnen Anwohner von Atom- oder Kohlekraftwerken sicher gern bestätigen. Sie war nur weiter weg.
Vielleicht versuchen Sie es aber einfach mal: Gucken Sie doch mal einem Windrad für eine Weile bei der Arbeit zu. Die Dinger sind schön! Man kann Energie „entstehen“ sehen. Probieren Sie das lieber nicht bei einem Brennstab!

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