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Wirtschaft

Ägypten: Agrarmärkte bleiben vorerst verschont

Externer Autor
am
07.02.2011

Bonn - Die Unruhen in Ägypten haben sich bislang nicht auf die deutschen Agrarmärkte ausgewirkt. Der weltgrößte Weizenimporteuer bleibt aber ein Risiko für die Händler.

Laut Auskunft des Bundeslandwirtschaftsministeriums, des Deutschen Raiffeisenverbandes (DRV), des Bundesverbandes der Agrargewerblichen Wirtschaft (BVA) und des Milchindustrieverbandes (MIV) wurde seitens der Unternehmen vergangene Woche nicht von Störungen im Warenverkehr mit Ägypten berichtet. Im Jahr 2009 erreichten die deutschen Weizenlieferungen in das bevölkerungsreichste arabische Land laut dem Berliner Agrarressort einen Wert von rund 32,2 Millionen Euro. Die Warenausfuhren im Bereich Milch und Milcherzeugnisse beliefen sich auf einen Wert von etwa 11,5 Millionen Euro. Daneben gingen im Jahr 2009 Kartoffellieferungen für 3,1 Mio Euro sowie Saat- und Pflanzgutausfuhren im Wert von knapp 4 Millionen Euro nach Ägypten. Darüber hinaus bezog das nordafrikanische Land deutsche Zuchtrinder im Umfang von 2,1 Millionen Euro.
 
Die Lieferung von Rindfleisch aus Deutschland und anderen EU-Ländern in das Land am Nil ist laut Verband der Fleischwirtschaft (VdF) durch Kairo seit zehn Jahren untersagt. Zu den wertmäßig wichtigsten Waren, die die Bundesrepublik ihrerseits aus Ägypten einführte, zählten im Jahr 2009 Frischobst mit 30,9 Millionen Euro, Kartoffeln mit 24,8 Millionen Euro, Gemüsezubereitungen mit 14,4 Millionen Euro und Frischgemüse im Marktwert von 10,6 Millionen Euro.
 

Internationale Getreidemärkte bislang unberührt

Auch Auswirkungen der Unruhen in Ägypten auf den internationalen Getreidemarkt waren bislang laut Experten kaum erkennbar. Wie der BVA mitteilte, kam es zwar zu Nachfragesteigerungen; ob das aber der Krise oder dem knappen Angebot geschuldet sei, könne man nicht sagen. Auch gebe es derzeit keine Abwicklungsschwierigkeiten. Jedoch sei die künftige Entwicklung schwer einzuschätzen, betonte der BVA. Das Risiko sei für die Händler aber sowohl für neue als auch für schon bereits verkaufte Ware gestiegen. Ägypten ist der weltweit größte Weizenimporteur. Im Dezember und der ersten vollen Januarwoche kaufte das Land nach Angaben des Internationalen Getreiderates (IGC) insgesamt fast 1,05 Millionen Tonnen Weizen aus den USA, Frankreich, Argentinien und Australien. Für das gesamte Wirtschaftsjahr 2010/11 rechnet der Getreiderat mit Weizenimporten Ägyptens im Umfang von 10 Millionen Tonnen, was in etwa dem Vorjahresniveau entsprechen würde.

Weizenpreise schon im Vorfeld gestiegen

Marktbeobachter verwiesen darauf, dass die Weizenpreise schon im Vorfeld der Unruhen im Maghreb stark gestiegen seien. So war zum Beispiel der Preis für die Tonne Brotweizen bezogen auf den März-Kontrakt an der Börse in Kansas City in der zweiten Jahrshälfte 2010 um 60 Prozent auf fast 8,9 Dollar je Bushel (240 Euro je Tonne) geklettert. Am vergangenen Mittwoch wurde dieser Future für rund 9,5 Dollar je Bushel (257 Euro je Tonne) abgerechnet. Händler nannten als Ursache für den jüngsten Preissprung aber nicht die Entwicklung in Ägypten, sondern den starken Schneesturm in den USA, der Auswinterungsschäden beim Winterweizen befürchten lässt. An der europäischen Leitbörse in Paris waren für die Tonne Weizen zur Abrechnung im März zum Handelsschluss am vergangenen Mittwoch 273 Euro zu zahlen; das bedeutete gegenüber dem Kurs von Jahresanfang eine Verteuerung um zehn Prozent. Im Vergleich zu Anfang Februar vorigen Jahres hat sich der Preis für den März-2011-Weizen in der französischen Hauptstadt annähernd verdoppelt.
 

Landwirtschaft bedeutender Wirtschaftszweig

Im Unterschied zu den Industrieländern nimmt die Landwirtschaft im Land am Nil noch eine wichtige volkswirtschaftliche Stellung ein, denn in Ägypten sind im Agrarsektor noch rund 27 Prozent der Erwerbstätigen beschäftigt. Der Anteil der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche am gesamten Territorium beläuft sich in dem Wüstenstaat auf weniger als vier Prozent. Die Anbauächen benden sich im Niltal beziehungsweise Nildelta sowie in einigen Oasen. Gesamtwirtschaftlich betrachtet befand sich Ägypten zuletzt im Aufschwung: Für das Wirtschaftsjahr 2010/11 wurde nach Angaben der Bundesagentur für Außenwirtschaft (BFAI) mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 5,5 Prozent gerechnet. Allerdings gelten sechs Prozent Wirtschaftswachstum als Minimum für eine Entlastung des ägyptischen Arbeitsmarktes.
 

Brotunruhen in der Vergangenheit

Zu schaffen macht nach allgemeiner Einschätzung den rund 80 Millionen Ägyptern die hohe Inationsrate von derzeit elf Prozent, die steigenden Nahrungsmittelpreise und die hohe Arbeitslosigkeit - gerade unter der jungen Bevölkerung. Medienangaben zufolge sind zwei Drittel der Einwohner unter 30 Jahre alt; auf sie entfallen 85 Prozent bis 90 Prozent der Arbeitslosen. Rund 40 Prozent der Ägypter lebten zuletzt von weniger als zwei Dollar (1,45 Euro) am Tag. Zwar habe es schon 2010 mehrere Brotunruhen aufgrund des Anstiegs der Nahrungsmittelpreise gegeben; diese seien aber nicht der ausschlaggebende Grund für die politischen Unruhen seit Ende Januar dieses Jahres gewesen, so ein Experte aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium. (AgE)
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