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Regio Agrar in Augsburg

agrarheute Zukunftsdialog: Wege aus der Kommunikationsmisere

am Mittwoch, 05.02.2020 - 12:30 (Jetzt kommentieren)

Im agrarheute Zukunftsdialog auf der Regio Agar geht es um die Frage, wie die Botschaften von Landwirten in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Unser Kollege Carsten Matthäus hat dazu einige kritische Anmerkungen.

Unverständnis. Mit diesem einen Wort lässt sich das Verhältnis der Landwirtschaft zum Rest der Gesellschaft leider umfassend beschreiben. Weder verstehen die Landwirte, warum sich die Nutznießer ihrer Arbeit seit Kurzem so feindselig verhalten, noch verstehen die Nicht-Landwirte so richtig, was die Treckerfahrer für ein Problem haben. Und die Politiker machen sich immer wieder einen Spaß daraus, die Landwirte wie eine Problembranche zu behandeln und mit finanziellen Trostpflastern ruhigzustellen.

 

Entfremdung führt zu Unverständnis

Zur Erklärung dieser gegenseitigen Verständnislosigkeit braucht es noch ein anderes Wort: Entfremdung. Jahrzehntelang haben sich Landwirtschaft und die immer städtischer geprägte Rest-Gesellschaft langsam und stetig voneinander entfernt. Das Bild der Landwirtschaft entsteht für den weit überwiegenden Teil der Bürger (mithin Wähler) längst nicht mehr auf dem Hof, im Stall oder auf dem Feld, es entsteht im Supermarkt. Selbst grundlegende Dinge wie Pflanz- und Erntezeiten von Obst und Gemüse oder das Alter schlachtreifer Tieren gehören nicht zum gängigen Allgemeinwissen. Über solche landwirtschaftlichen Mechanismen zu sprechen, läge auch nicht im Interesse der Händler. Sie wollen ja, dass der Kunde das Gefühl hat, sich jeden Wunsch jederzeit ohne schlechtes Gewissen und zum bestmöglichen Preis zu erfüllen.

Gleichzeitig, und auch das sollte nicht außer Acht gelassen werden, hat sich die Landwirtschaft weit von ihrem romantischen Urbild entfernt und ist teils zu einem auf Effizienz getrimmten Wirtschaftszweig geworden mit einem Innovationstempo, das selbst ausgebildete Landwirte überfordern kann.

Annahmen und Vorwürfe in der eigenen Echokammer

Und hier braucht es ein drittes Wort, um die derzeitige Kommunikationsmisere zu beschreiben: Echokammern. Ob es Protestkundgebungen sind, Fachforen, politische Termine oder digitale Freunde und Follower: Die Gruppen bleiben weitgehend unter sich. Es kann sein, dass der ein oder andere Gegner oder Politiker auf ein Podium ein- oder vorgeladen wird, aber das bestätigt die jeweiligen Anspruchsgruppen eher in ihren Annahmen und Vorwürfen.

Was Landwirte angesichts dieser Situation tun können, das haben sie auch getan: Sie solidarisieren sich, sie erheben immer wieder und laut ihre Stimme in der Öffentlichkeit, sie werben gleichzeitig bei der Bevölkerung um Verständnis. Das ist schon viel und es hat zumindest dafür gesorgt, dass Landwirtschaft auf Länder- und Bundesebene zur Chefsache von Politkern wurde.

Nur stehen jetzt alle da, wollen miteinander reden und wissen nicht, wie. Denn der nächste Schritt ist ungleich schwieriger. Anstatt sich hinter markigen Sprüchen à la: „Wir sind dagegen” zu verschanzen, braucht es nun einen gemeinsamen Entwurf für eine gemeinsame Zukunft. Dieser von allen Seiten geforderte Gesellschaftsvertrag” wäre schon dann eine Herkules-Aufgabe, wenn es jemanden gäbe, der überhaupt Herkules sein wollte. Diesen gibt es aber nicht. Ob es ihn oder sie jemals geben wird, erscheint vor dem Hintergrund höchst unterschiedlicher Partikularinteressen innerhalb der Landwirtschaft und innerhalb der Gesellschaft sehr fraglich.

Der Netzwerk-Effekt

Ein letztes Wort kann (und ist es teilweise schon) eine Lösung sein: Solidarität. Überall dort, wo Landwirte direkten Kontakt haben zu Verbrauchern oder regionale Handelsbeziehungen aufbauen, wird das Bild voneinander wieder geradegerückt. Die Wertschätzung füreinander stellt sich nahezu automatisch ein, es entstehen gesunde Kreisläufe mit fairen Preisen. Dies kann sicherlich die Probleme einer Landwirtschaft lösen, die im Schraubstock nationaler, europäischer und globaler Zwänge steckt. Das muss auf politischer Ebene gelöst werden. Und auch aus diesem Grund ist der intensive, konstruktive und persönliche Dialog zwischen Landwirten und dem Rest der Gesellschaft so wichtig. Politiker richten sich nach Mehrheiten. Wenn es ein dichtes Netz persönlicher Verbindungen zwischen Landwirten und Verbrauchern gibt, sind Landwirte keine Verfügungsmasse mehr, sondern wahlentscheidend. Dann ist auch der Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel wieder mehr als eine Sonntagsrede, dass Landwirte „Teil der Identität Deutschlands“ sind.

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