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Wirtschaft

Agrarholdings kein Modell für Ostdeutschland

AgE
am
08.09.2014

In Ostdeutschland formieren sich immer mehr Agrarholdings. Diese Entwicklung sei jedoch begrenzt und nicht mit der Entwicklung in Osteuropa zu vergleichen, so Experten.

Keinen Trend zur Bildung von sogenannten Agrarholdings in Ostdeutschland sieht der Direktor des Leibniz- Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO) in Halle, Prof. Alfons Balmann. Zwar scheine es derzeit in den neuen Ländern vermehrt Unternehmensübernahmen zu geben, so der Wissenschaftler in einem Interview mit dem Presse- und Informationsdienst AGRAEUROPE. Dies sei allerdings nicht mit den Entwicklungen in Osteuropa und der dortigen Herausbildung von "Megafarmen" vergleichbar.

Bislang keine Wettbewerbsverzerrungen zu erkennen

Von den bestehenden deutschen Holdings gehen nach Einschätzung von Balmann derzeit keine Wettbewerbsverzerrungen aus. Vielmehr bewirtschafteten sie über Ostdeutschland verteilt eine Reihe größerer Betriebe, die im Vergleich zu vielen Agrargenossenschaften und GmbHs "noch nicht einmal ungewöhnlich groß" seien. Der Wissenschaftler verweist auf eine "fehlende Kultur des Generationswechsels" in größeren Agrarunternehmen mit mehreren Eigentümern als eigentliche Ursache der Übernahmen. Balmann warnt davor, durch neue rechtliche Beschränkungen Unternehmensbeteiligungen in der Landwirtschaft zu erschweren. "Wenig schlüssige Gründe" sieht der Agrarökonom zudem dafür, privaten und institutionellen Kapitalanlegern Käufe von landwirtschaftlichen Flächen zu versagen.

Investoren schaffen Abhilfe

Balmann weist darauf hin, dass die Eigentümer größerer Betriebe teilweise nur eine geringe persönliche Bindung zum Unternehmen hätten und in der Regel über keine sonstigen hohen Privatvermögen verfügten. Gleichzeitig seien die juristischen Personen in der ostdeutschen Landwirtschaft bisher nicht darauf eingestellt, regelmäßige Dividenden auszuschütten oder den Teilhabern zu ermöglichen, schrittweise ihre Anteile zu verkaufen. Abhilfe könnten laut Balmann Investoren schaffen, "die ein Interesse haben, die Unternehmen wertorientiert zu entwickeln und mit einsteigen." Das könnten dem IAMO-Direktor zufolge auch Landwirte aus dem Westen oder aus dem Ausland sein, die ihre dortigen Betriebe verkauften und dadurch über ein entsprechendes Kapital verfügten. "Aber auch andere Investoren sollte man nicht pauschal verteufeln", betont Balmann.

Keine Belege für agrarstrukturelle Probleme

Die gegenwärtige Situation auf dem landwirtschaftlichen Bodenmarkt rechtfertigt dem Wissenschaftler zufolge ebenfalls keine rechtlichen Änderungen. Nach wie vor befinde sich der größte Teil der Fläche imBesitz von privaten Eigentümern. Die verpachteten ihre Flächen durchgehend an Landwirte und stellten in den seltensten Fällen ein Hindernis für betriebliche Entwicklungen dar. Das gleiche gelte für die vieldiskutierten "außerlandwirtschaftlichen Investoren". Beschränkungen von Käufen durch Privatanleger wie auch institutionelle Investoren ließen sich laut Balmann nur begründen, wenn konkrete Belege für agrarstrukturelle Probleme vorlägen, etwa eine besondere Machtposition einzelner Investoren auf einem regionalen Bodenmarkt. Dafür fänden sich momentan aber keine Belege.
 
Für nicht stichhaltig hält Balmann die Argumentation, mit außerlandwirtschaftlichen Investoren fließe Geld aus der Region heraus. Denn, so derAgrarökonom, "dasselbe Argument würde sowohl für andere nicht ortsansässige Grundbesitzer gelten als auch für ortsansässige Landwirte, die Flächen kreditfinanziert kaufen". Die eigentliche Motivation für Diskussionen um Verschärfungen des Grundstückverkehrsgesetzes sehe er vielmehr darin, besondere Begünstigungen für landwirtschaftliche Unternehmen zu schaffen.

Gezielte Steuerung des Strukturwandels nicht möglich

Skeptisch beurteilt der Wissenschaftler die Möglichkeiten einer gezielten Steuerung des Strukturwandels. Selbst innerhalb kleinräumiger Gebiete seien die Betriebe und Unternehmen sehr heterogen. Gleichzeitig gebe es erhebliche Unterschiede in den Managementfähigkeiten der Landwirte. Allein aus dieser Heterogenität resultierten kaum lösbare Ziel- und Interessenskonflikte. Balmann: "Anstatt vergeblich zu versuchen, den Strukturwandel gezielt zu steuern, sollte sich die Politik daher darauf konzentrieren, Rahmenbedingungen zu schaffen, die sowohl heutigen Strukturen als auch zukünftigen Strukturen geeignete Bedingungen bieten." Das bedeutete keineswegs ein Laissezfaire oder eine Passivität.

Instabilität befördert Megafarmen

Die Ursache für die Entwicklung von sogenannten Megafarmen in Osteuropa sieht Balmann vorrangig in der wirtschaftlichen und politischen Instabilität in den letzten Jahren. Vor dem Hintergrund einer erheblichen Rechtsunsicherheit sowie der Korruption biete die vertikale Integration eine größere Unabhängigkeit und die Größe von Unternehmen als solche einen gewissen Schutz, erläutert der Institutsleiter.
 
Zudem sei in den letzten sieben bis acht Jahren angesichts weltweit steigender Agrarpreise ein neues Bewusstsein für die enormen Potentiale der osteuropäischen Landwirtschaft entstanden. Allerdings habe es den Unternehmen an Geld gemangelt, um den enormen Modernisierungsbedarf zu befriedigen. Insbesondere habe die Landwirtschaft unter dem ungünstig ausgebildeten Kreditwesen gelitten. Die Zinsen seien nach wie vor enorm hoch und Kreditlaufzeiten kurz. Das gelte bis heute. Zugleich existiere international ein Kapitalmarkt mit einer enormen Liquidität und geringen Renditemöglichkeiten. Ab gewissen Größen könnten Agrarunternehmen in Osteuropa hiervon profitieren.
 

Agrarholdings vermehrt in Russland und Ukraine

Nach Angaben von Balmann gewinnen sogenannte Agroholdings insbesondere in Russland, der Ukraine und Kasachstan seit etwa 15 Jahren zunehmend an Bedeutung. Diese Agroholdings seien vertikal und/oder horizontal integrierte Konzerne, in denen eine gewisse Anzahl von Tochterunternehmen Landwirtschaft betreibe. In der Ukraine bewirtschafteten derartige Holdings mittlerweile fast sieben Millionen Hektar und damit über ein Viertel der gesamten Ackerfläche. Dem IAMO-Direktor zufolge verfügen viele Agroholdings über jeweils mehr als 100.000 ha landwirtschaftlich genutzte Fläche (LF). Einige bewirtschaften sogar über 500.000 ha LF. Allerdings betrieben sie nicht nur Ackerbau. So sei etwa die ukrainische Agroholding Mironivsky Hliboproduct (MHP) mit 320.000 ha LF zugleich ein großer Geflügelfleischproduzent in der Ukraine mit einem Marktanteil von mehr als 50 Prozent.
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