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Kommentar

Animal Peace-Tierrechtlerin vergleicht Weihnachtsgänse mit Terroropfern

Gans
Sabine Leopold, agrarmanager
am
21.12.2016

Die Tierrechtlerin Silke Ruthenberg lässt bei ihrem kruden Vergleich zum Anschlag in Berlin jeden Anstand vermissen. Ein Kommentar von Sabine Leopold.

"Wenn man nichts Nettes zu sagen hat, soll man den Mund halten" lässt Walt Disney im Film "Bambi" den Hasen Klopfer seinen Vater zitieren. Ich gebe zu, dass mir dieser Grundsatz dann doch ein bisschen zu pazifistisch ist – auch wenn er unseren gesellschaftlichen und privaten Umgang miteinander deutlich entspannen könnte.

Ich halte es lieber mit meiner Oma, die fand, dass man in frischer Wut verfasste Briefe über Nacht liegen lassen und am Morgen gegebenenfalls nochmal überarbeiten sollte. Seine Meinung kann man auch dann noch kundtun, aber die Schimpfwortdichte nimmt ab.

Bodenlos anstandslos

Bei der aktuellen Entgleisung aus Tierrechtlerkreisen waren allerdings schon zwei Nächte vonnöten, bis ich meinen Kommentar in Worte fassen konnte, die nicht den Jugendschutzfilter aktivieren.

Silke Ruthenberg ist eine Legende im deutschen Tierschutz. Allerdings eine vom Format Karl-Eduard von Schnitzlers, dem in seinem "Schwarzen Kanal" zur Schmähung des Klassenfeindes auch einfach jedes Mittel recht war.

Bereits mehrfach hat Ruthenberg von sich reden gemacht, weil sie voll hämischer Genugtuung den Tod anderer Menschen als gerechte Strafe für deren "Ausbeutung von Mit-Tieren" proklamierte. Mit unfassbarer Empathielosigkeit beispielsweise bejubelte die Gründerin von Animal Peace vor knapp zwei Jahren den Unfalltod eines Rinderhalters: "Ein dreijähriger Bulle hat nahe Köln seinen Sklavenhalter angegriffen und tödlich verletzt. […] Wir verneigen uns vor dem Held der Freiheit. Mögen ihm viele weitere Rinder in den Aufstand der Geknechteten folgen."

Bereits damals distanzierten sich mehrere andere Tierschutzverbände deutschlandweit vom soziopathischen Auftritt der Münchnerin. Von der verständlichen Bestürzung von Familie, Freunden und Kollegen des verunglückten Landwirts nicht zu reden. Ruthenberg wurde angezeigt, die Ermittlungen jedoch am Ende eingestellt. Begründung der Staatsanwaltschaft München: Beim Abwägen zwischen Ehrverletzung und persönlicher Meinungsfreiheit gehe letztere vor.

Freifahrtschein für Ruthenberg?

Damit hätten die Juristen ihr einen Freifahrtschein ausgestellt, fand Silke Ruthenberg. Und legte in einer Form nach, die den letzten Funken Hoffnung auf menschlichen An- und Verstand bei der Tierrechtlerin begrub: Am Morgen nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, bei dem zwölf Menschen sinnlos starben, verkündete die Tierrechtlerin in ihrem unnachahmlichen Duktus: "Gänse? Sechs Millionen Terroropfer jährlich in Deutschland. Für Gänse ist jeden Tag Weihnachtsmarkt. Vergesst das nie!"

Ich vermag nicht einzuschätzen, ob Ruthenberg tatsächlich jegliche normale Bindung zu ihren Mitmenschen fehlt oder ob solche Totalausfälle nichts als Provokation und Aufmerksamkeitsheischerei in der spendenträchtigen Vorweihnachtszeit sind. Sollte letzteres der Fall sein, hat sie sich möglicherweise verrechnet.

Nach Veröffentlichung des Statements auf der Animal Peace-Facebookseite schlug der Autorin offene Verachtung entgegen – in einer Form, die selbst ihr neu gewesen sein dürfte. Unterm Strich hat Silke Ruthenberg wohl das erzeugt, was sie bei Nutztierhaltern und Fleischessern regelmäßig anprangert: Puren Ekel angesichts unerhörter Gefühllosigkeit. Nicht nur ich als Landwirtin und meine Berliner Freunde und Kollegen empfinden das wohl so. Und das wiederum gibt mir ein bisschen Hoffnung angesichts des ganzen Kummers dieser Tage.

Notiz an Silke Ruthenberg

Notiz also aus Berlin an Frau Ruthenberg: Wir lassen uns nicht instrumentalisieren. Nicht für das, was Sie für eine "gerechte Sache" halten, und schon gar nicht, um Ihr Spendenkonto zu füttern. Merken Sie sich das.

Ach ja, und das noch: Ein Tier, das sich gegen seine Artgenossen stellt, verliert seinen sozialen Rückhalt und damit seine Lebensgrundlage. Jedes Schaf weiß das, jede Gans auch. Und wenn Sie sich tatsächlich für Tiere interessieren würden, wüssten Sie es auch. Also einfach mal drüber nachdenken. Und es dann mit Hase Klopfer halten. Oder wenigstens mit meiner Oma.

Ich für meinen Fall muss am Ende feststellen: Ich konnte nichts Nettes sagen. Also habe ich mich wenigstens bemüht, halbwegs höflich zu bleiben. Sollte mir das misslungen sein, entschuldige ich mich. Etwas, was Sie, Frau Ruthenberg, übrigens auch mal probieren dürfen.

Sabine Leopold, Redakteurin agrarmanager

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