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Politik national

Anmerkungen zu Berichten über den Freitod von zwei Bauern

von , am
21.08.2009

Flensburg - Da ist man bei der Frühstückslektüre von Tageszeitungen in dieser Woche schon sehr berührt, wenn die Überschrift lautet: 'Freitod auf dem Hof: Milchkrise ließ zwei Bauern verzweifeln'. Agrarjournalist Hans Heinrich Matthiesen macht sich Gedanken.

Agrar-Journalist Hans Heinrich Matthiesen

Und in dem Artikel ist weiter zu lesen: 'Jürgen J. frühstückte mit Frau und Kindern. Dann ging er wie immer zu den Kühen im Stall, schaltete die Melkanlage an und erhängte sich.' Da ist das Frühstück für den betroffenen Leser beendet.

Die Feststellung der Verfasserin dieses Artikels, dass 'mit jedem Liter Milch, den sie (die Bauern) verkaufen, machen sie Minus. Ein Drittel der Höfe wird sterben, vielleicht sogar die Hälfte. Viele Milchbauern im Land haben Angst um ihre Existenz. Zwei von ihnen haben den Kampf aufgegeben, sich aus Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage das Leben genommen' dürfte wohl zutreffen. Das ist aber lange bekannt.

Eine unglaubliche Handschrift sickert durch

Und es ist eine ganz traurige Geschichte. Sie berührt uns alle, macht viele von uns betroffen und nachdenklich. Der Freitod ist immer eine heikle Angelegenheit und es ist ganz schwer, damit um zu gehen. Was in diesen beiden Zeitungsartikeln aber durchsickert, ist die unglaubliche Handschrift des BDM oder einzelner Mitglieder und Sympathisanten, diese traurigen Ereignisse agrarpolitisch zu missbrauchen und so darstellen zu lassen, dass die Milchmisere der Grund für diese beiden Feitode allein ist. Da gibt es vermutlich noch andere Zusammenhänge.

Vielen Existenzen geht es an die Substanz

Emotionen werden wieder geweckt, die nicht nur die Verstorbenen betreffen und belasten, sondern letztlich alle Bauern. Dabei ist die Tatsache, dass es vielen Landwirten in der Republik nicht gut geht, bekannt. Und bekannt ist auch, dass viele von ihnen ihr berufliches Wirken nicht als Bauern und Bäuerinnen bis zur Rente mit dem Hof beenden werden. Der seit Jahrzehnten notwendige Strukturwandel wurde durch erhebliche Zahlungen an den Berufstand gebremst. Und nun, bei der Anpassung der landwirtschaftlichen Produktion an den Markt, geht es vielen Existenzen knallhart an die Substanz.

Verantwortliche haben zu lange gewartet

Der Deutsche Bauernverband und die Landesbauernverbände halten sich bei der Beurteilung und Kommentierung dieser schrecklichen Ereignisse zurück, sind aber in hohem Maße betroffen. Zu lange haben die Verantwortlichen in der Politik gewartet und die Marktkräfte zu wenig berücksichtigt. Aber die Bauern sind nicht allein. Auch in anderen Berufen müssen sich Männer und Frauen neuen Tätigkeitsfeldern zuwenden. Eine große Anzahl von Landwirtsfamilien werden dies in verstärktem Maße bitter erfahren.

Berufsstand hat viele Hinweise ignoriert

Das ist so. Und dass es so ist, hat man selber gewollt und gewusst. Auf viele Hinweise hat der Berufsstand nicht gehört und immer wieder eine völlig falsche und überteuerte Agrarpolitik akzeptieren müssen. Die Politiker haben sich an den Bauern versündigt, sie nicht aufgeklärt, wie so oft in der bäuerlichen Geschichte. Der Steuerzahler hat sie mit bis zu über 50 Prozent ihres Einkommens subventioniert. Das ist nun vorbei. Zahlungen erfolgen nur noch direkt und transparent. Wenn nun solche Existenzen in die Gefährdung gehen und Bauernfamilien damit nicht mehr allein fertig werden, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sich beraten zu lassen, Hilfe zu erfahren oder sogar ein Sorgentelefon anzurufen.

Sorgentelefon ist nicht erreichbar

Unter der angekündigten Nummer des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt der Nordelbischen Kirche (KDA) wird man dann begrüßt mit dem Hinweis 'das Sorgentelefon für landwirtschaftliche Familien ist jeden Mittwoch besetzt von acht zehn Uhr, rufen Sie uns gerne wieder an.' Dass Menschen, die sich in einer verzweifelten seelischen Situation befinden, nicht bis zum nächsten Mittwoch warten, zeigt ja der Fall von Jürgen J. Er hatte sich wohl vorgenommen, es an diesem Tag zu tun, er mochte wohl einfach nicht mehr. Das ist schlimm für ihn, aber noch schlimmer für die Hinterbliebenen.

Es wäre sicher angebracht, dass die berufsständische Vertretung, die ja bereits mit der Kirche zusammen arbeitet, dieses Engagement erweitert und ein Sorgentelefon rund um die Uhr installiert. Die Lage auf vielen Höfen lässt Schlimmes erwarten. An den Kosten und an der fachlichen Betreuung kann das wohl nicht scheitern Alle sind aufgerufen, sich um die Betroffenen zu kümmern.

Hans Heinrich Matthiesen aus Flensburg

 

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