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Kommentar

ASP: Die Profiteure der Seuche

Schild an einer Holzwand, Betreten aus seuchenhygenischen Gründen ist Unbefugten nicht gestattet
am Freitag, 18.09.2020 - 15:16 (5 Kommentare)

Die Afrikanische Schweinepest macht den deutschen Landwirten schwer zu schaffen. Aber nicht alle leiden. Außerhalb der Branche versucht so mancher, von der Situation zu profitieren. Ein Kommentar.

Die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat Deutschland erreicht. Aber anders als vor zwei Jahren, als die ersten Funde in deutschen Nachbarländern die gesamte Medienlandschaft in Aufruhr brachten, scheinen sich jetzt fast ausschließlich die betroffenen Landwirte mit dem Thema zu befassen. Kein Wunder: Corona hat die Schweineseuche, die für den Menschen keine Gefahr darstellt, in den Hintergrund geschoben.

Wer allerdings glaubt, die ASP interessiere damit generell nur die Landwirtschaft und sei nichts außer einer Katastrophe in einer ohnehin angespannten Situation, täuscht sich. Denn für manchen außerhalb der Agrarbranche hat die Afrikanische Schweinepest (ASP) durchaus auch ihre guten Seiten – man muss nur skrupellos genug sein, die günstige Gelegenheit beim Schopfe zu packen und Fakten so zu frisieren, dass sie der eigenen Sache zupasskommen.

Tierfilmer mit viel Meinung und wenig Expertise

Andreas Kieling äußert sich auf seiner Facebookseite zur ASP

Beispiel Andreas Kieling. Der Tierfilmer machte kurz nach dem ersten positiven ASP-Befund auf seiner Facebookseite das hiesige Landwirtschaftssystem für die Probleme verantwortlich. Denn schließlich würden "in keinem Land der Welt […] Nutztiere im großen Stil so skrupellos gequält und entwürdigt wie in Deutschland."

Faszinierend. Da düst einer – Nachhaltigkeit und CO₂ hin oder her – seit vielen Jahren als Tierfilmer durch aller Herren Länder und schafft es offenbar nicht, sich für die Viehhaltung vor Ort zu interessieren. Oder wie wenig muss man von der Materie verstehen, wenn man Schweine in Käfigmast, lebenslang angebundene Rinder, überladene und verprügelte Lastentiere, massiven Futter- und Wassermangel oder katastrophale Schlachtmethoden für weniger schlimm hält als einen deutschen Rinder- oder Schweinestall?

Ist Tierschutz nur dort relevant, wo man die Kunden für seine Bücher und Filme verortet?

Tierschutzbund: Erhöhtes Risiko durch Intensivhaltung?

Zweites Beispiel: die linke Berliner tageszeitung (taz). Deren Neigung, ihrer städtischen Leserschaft moderne Landwirtschaft vor allem als kapitalistische Umweltzerstörung nahezubringen, ist bekannt. Und damit kam auch der Kontext eines aktuellen Artikels zum Thema ASP nicht überraschend.

In seinem Beitrag "Totes Schwein versaut Exporte" lässt Autor Jost Maurin unter anderem den Präsidenten des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, zu Wort kommen: "Die Intensivhaltung von Schweinen in immer größeren Beständen sowie die Spezialisierung der Betriebe, verbunden mit häufigen Tiertransporten auch über Landesgrenzen hinweg, bergen das Risiko, dass sich notwendige Maßnahmen bis hin zur Tötung nicht mehr regional und auf wenige Tiere begrenzen lassen."

Nun, die Afrikanische Schweinepest arbeitet sich seit einigen Jahren von Süd- und Osteuropa in unsere Breiten vor. In den dort dominierenden Kleinbetrieben hat sie erheblichen Schaden angerichtet. Verbreitet wurde das Virus nach heutigem Kenntnisstand nahezu ausschließlich über Wildschweine. Von einem Erfolg regionaler und auf wenige Tiere beschränkter Maßnahmen kann also auch bislang keine Rede sein. Ebensowenig wie von einer irgendwie gearteten Schuld der intensiven Tierhaltung an der Entstehung oder der Verbreitung der Seuche.

Im Gegenteil: Frühere Ausbrüche anderer hochinfektiöser Krankheiten haben gezeigt, dass die strengen Hygienemaßnahmen, an die deutsche Betriebe gebunden sind, sowie die hohe Biosicherheit gerade größerer Schweinehaltungen eine Verbreitung weit effektiver verhindert haben als die kleinstrukturierte Landwirtschaft mit fehlenden Kontrollmechanismen in manch anderen Land. Ich bin mir sicher, das weiß auch Herr Schröder. Und die taz hätte es mit einer etwas weniger einseitigen Recherche herausfinden können.

Allerdings hätte eine ausgewogenere Beurteilung der Lage wohl nicht so gut zur Eigenprofilierung beider Institutionen getaugt.

Spiegel: Kein Mitleid für "schlechte Menschen"

Drittes Beispiel und bisher das Tüpfelchen auf dem i: ein Beitrag auf Spiegel online unter dem Titel: "Schweinehalter haben unser Mitgefühl nicht verdient". Autor Philip Bethge lastet Landwirten darin zwar nicht die Schuld am ASP-Ausbruch an, dafür kriminalisiert er pauschal ganze Teile der Branche. Zitat: "Noch immer fußt der Profit der konventionellen Schweinezucht auf einem Regime des Terrors für die Tiere. Wer für hochintelligente Lebewesen ein System der Ausbeutung erschafft, um sich daran persönlich zu bereichern, darf auf menschliches Mitgefühl in wirtschaftlichen Notlagen nicht hoffen."

Als Beweis zitiert er – wie zahlreiche Kollegen vor ihm – heimlich gefilmte Videos des Deutschen Tierschutzbüros. Material von eben jenen Stalleinsteigern also, für dessen nicht nachrecherchierte Nutzung sich die Redaktion von Panorama 3 gerade ausführlich entschuldigt hat.

Der NGO hat das offenbar nicht geschadet, denn nach wie vor greifen Redaktionen dankbar auf ihre Filme zurück. Kein Wunder, die Klickraten für derartige Artikel sind hoch.

Da helfen auch das Geständnis Bethges am Ende seines Beitrags, er esse selber Fleisch, und sein Aufruf, der Verbraucher möge doch seine Ernährungsgewohnheiten überdenken und nicht mehr zu konventioneller Wurst greifen, nicht weiter. Die Botschaft, die beim Leser hängenbleibt, ist eindeutig: Konventionelle Schweinehalter sind miese Tierquäler. "Schlechte Menschen", nennt Bethge sie.

Und wenn das zu Übergriffen auf Landwirte und ihre Familien führen sollte, keine Sorge – die haben unser Mitleid sowieso nicht verdient, sagt Spiegel online.

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