Login
Politik EU

Baltikum: Von Anpassungskünstlern und Sofa-Prämienbeziehern

von , am
28.03.2012

Riga/Tallinn - Mit der Agrarreform sollen die Direktzahlungen in den Mitgliedstaaten stärker angeglichen werden. Letzte Woche informierte die EU-Kommission über die Bedeutung der geplanten Umverteilung.

Viele Landwirte in Lettland und Estland, kämpfen ums Überleben. © Viljo Pettinen / DG Agri
Im Rahmen einer Pressefahrt durch Lettland und Estland informierte die EU-Agrarkommission eine Gruppe europäischer Agrarjournalisten über die geplante Angleichung der Direktzahlungen. In den beiden baltischen Republiken sind die Prämien aus der ersten Säule EU-weit am niedrigsten. Mit Landwirtschaft ließ sich im Baltikum einst ein Vermögen verdienen. Davon zeugen die stattlichen Landhäuser der deutsch-stämmigen Junker auch heute noch.
 
2012 - acht Jahre nach dem EU-Beitritt von Lettland und Estland, kämpfen dort viele Landwirte ums Überleben.

Landwirte kämpfen ums Überleben

Einer von ihnen ist der Lette Gunar Ziemeļi. Unter sowjetischer Herrschaft leitete er einen ehemaligen „Vorzeigebetrieb“ rund 25 km östlich von Riga. Heute bewirtschaftet der Milchviehhalter 180 ha Acker- und Grünland - alles Pachtland.
 Für etwa ein Drittel der Flächen erhält er keine Direktzahlungen, weil sie von den Eigentümern eingestrichen werden. Für dringend notwendige Investitionen bekommt der Betrieb von den Banken keinen Kredit. Auf seinem Betrieb hält er 117 Milchkühe. Die Milchleistung beträgt durchschnittlich 6.600 Kilogramm.

Für seine Farm sieht Gunar Ziemeļi keine Zukunft. Die Ursachen sind eine verfehlte Bodenreform und sogenannte Sofa-Prämienbezieher. Der Bodenpreis ist im wachsenden Speckgürtel von Riga mit bis zu 20.000 Euro pro Hektar zu hoch für ihn. Er denkt darüber nach, den Betrieb aufzugeben und auf dem Kleinbetrieb seines Vaters im Westen von Lettland von vorn anzufangen – noch einmal.

Die sogenannten Sofa-Prämienbezieher

"Der Versuch, Gerechtigkeit für die ehemaligen Bodeneigentümer herzustellen, endete für die Landwirtschaft in einer Katastrophe", berichtet Gunar Ziemeļi. Die Flächen wurden an Alteigentümer zurückgegeben, soweit das möglich war. Die Interessen der aktiven Landwirtschaftsbetriebe wurden vernachlässigt. Zehntausende Letten besitzen seither ein bis zwei Hektar und sind offiziell "Landwirte".
 
Sie mähen einmal im Jahr und kassieren die EU-Direktzahlung von rund 77 Euro/ha. Für die aktiven Betriebe sind die Prämien verloren. Diese „Sofa-Prämienbezieher“ sind in Lettland ein großes Problem, räumt selbst Agrarministerin Laimdota Straujuma ein. Darum drängt das Land in den Reformverhandlungen auf eine wirksame Definition des "aktiven Landwirts".

Ein estnischer Biobetrieb mit Zukunft

Doch die Privatisierung kennt auch Erfolgsgeschichten, so wie die von Arvo Veidenberg. Der ehemalige Obstbauer aus dem Südwesten Estlands stieg 1989 in die Milchviehhaltung seines Vaters ein. Schrittweise baute er den Betrieb mit Fremdkapital wieder auf. Als Russland seinen Milchmarkt 1994 praktisch über Nacht abschottet, fiel der Milcherzeugerpreis in Estland auf ein Drittel des Ausgangsniveaus. Arvo Veidenberg fand den Ausweg in der eigenen Milchverarbeitung. Im Jahr 2001 stellte er zudem auf biologische Wirtschaftsweise um.
 
Nach einem Zwischentief in 2009/10 steigen die Einnahmen des Betriebes wieder. Im vorigen Jahr betrug der Umsatz nach eigenen Angaben rund 466.000 Euro. Hinzu kamen 102.000 Euro an EU- und nationalen Prämien, in erster Linie die Bio- und Flächenzahlungen.
 
"Ohne die EU-Subventionen würde der Betrieb kaum Gewinn abwerfen“, sagt der Biolandwirt. Er hofft auf eine Angleichung der Fördermittel mit der EU-Agrarreform. Dabei sind den estnischen Landwirten die Gelder aus der zweiten Säule ebenso wichtig wie die aus der ersten Säule. Kaul Nurm, Geschäftsführer des Estnischen Bauernverbandes (ETK), hält die zweite Säule sogar für wichtiger, weil sie zielgerichteter sei und den Pachtmarkt nicht beeinflusse.
 
Auch interessant