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Wirtschaft

Barfuß: "Vion ist nicht illiquide"

BLW
am
29.05.2013

Angesichts von Gerüchten über Liquiditätsprobleme steht das Schlachtunternehmen Vion aktuell im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Im Interview nimmt der Vion-Geschäftsführer Stellung.

Das zweitgrößte Schlachtunternehmen in Deutschland, Vion, war zuletzt öfter in den Schlagzeilen. Einerseits steht die Fleischerzeugung generell im Fokus, andererseits wird viel über die wirtschaftliche Lage des Unternehmens spekuliert. Das Landwirtschaftliche Bayerische Wochenblatt und die LAND & Forst sprachen mit Norbert Barfuß, Geschäftsführer der Vion Deutschland, über den Markt, die Tierhaltung in Deutschland und die Zukunft des Unternehmens.
Wochenblatt: Wie läuft der Schweinemarkt generell?
Barfuß: Die Exportmärkte sind im ersten Quartal 2013 deutlich schlechter als erwartet. Die Einfuhrbeschränkungen in Richtung Russland wirken, Osteuropa insgesamt schwächelt. Richtung Asien steigen die Ausfuhrquoten wieder, aber eher im Bereich Nebenprodukte. Auch national fehlen die Impulse. Da muss man sich ja nur das Wetter ansehen. Von Grillsaison keine Spur. Deshalb sind die Notierungen entgegen der Erfahrungen der vergangenen Jahre nach unten gegangen. Vion schlachtete seit Jahresanfang wie der Gesamtmarkt zwar deutlich über Vorjahr, aber im Mai werden wir mengenmäßig etwas unter Vorjahr liegen. Das Angebot an Schweinen wird in den nächsten Monaten eher weiter sinken. Wenn Impulse vom Markt kommen, also die Grillsaison losgeht, ziehen auch die Notierungen wieder an.
 
Wochenblatt: Wie steht es wirtschaftlich gesehen um Vion?
Barfuß: Es ist bekannt, dass Vion Unternehmensteile verkauft, um die finanzielle Restrukturierung zu gewährleisten und die Auswirkungen des Ausstiegs aus dem englischen Markt zu beheben. Das wird den Food-Bereich stärken, weil wir uns nun auf ihn konzentrieren können. Restrukturierung bedeutet aber nicht Werksschließung, sondern Verbesserung der Verkaufsaktivitäten und Verbesserung der Produktivität an den Standorten. Das heißt für uns auch Reduzierung der Komplexitäten der einzelnen Standorte und des Verwaltungsaufwands. Da liegt eine große Aufgabe in den nächsten Monaten vor uns.
 
Wochenblatt: Vion wurde im Ranking der Kreditversicherer heruntergestuft?
Barfuß: Ja, es ist so, dass infolge der getätigten und angekündigten Verkäufe von Unternehmensbereichen Kreditversicherer das Limit heruntergefahren haben. Das ist keine schöne Situation. Dennoch kann ich ganz klar sagen: Vion ist nicht illiquide. Vion steht auch nicht kurz vor der Auflösung. Und wir werden morgen, genauso wie heute und wie gestern alles bezahlen, was wir kaufen, und zwar pünktlich. Wir nehmen auch zur Kenntnis, dass Wettbewerber aus der Reaktion der Kreditversicherer Gerüchte produzieren, die in der Sache jeglicher Grundlage entbehren. Das ist schon eine neue ‚Qualität‘ im Wettbewerb. Ich finde es nicht fair, wenn auf diese Weise Verunsicherung in die Landwirtschaft getragen wird.
 
Wochenblatt: Mangelte es auch an Kommunikation von Seiten der Vion, was die wirtschaftliche Situation/Aktivitäten des Unternehmens anging?
Barfuß: Wir stehen mit allen Lieferanten bilateral in gutem Kontakt. Und auch unsere Schlachtzahlen zeigen, dass wir das Vertrauen der Landwirte und unserer Lieferanten genießen. Bei zehn Millionen Schweinen und fast einer Million Rindern können wir nicht ernsthaft davon reden, dass wir kein Vertrauen in der Landwirtschaft haben. Ich will nichts beschönigen, die nächsten Monate werden nicht leicht, bis wir alle Probleme gelöst haben. Aber ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt.
 
Wochenblatt: Wie sieht die Strategie aus, mit der Sie auf den Märkten künftig erfolgreich sein wollen?
Barfuß: Wir müssen den Markt getrennt betrachten. Es gibt Nischenmärkte, die wir mit spezifizierten Qualitäten beliefern und mit denen wir Mehrpreise erzielen können. Auf der anderen Seite haben wir die Standardware, die alle liefern können. Dafür brauchen wir Schlachtstätten mit nahe 100 Prozent Auslastung. Dort müssen wir Kosten senken, um das so genannte "Einheitsschwein" so günstig wie möglich schlachten und anbieten zu können. Dann haben wir Standorte, die für Regionalprogramme und Spezialisierungen geeignet sind. Regionalität wird, wie ich schon sagte, für uns in Zukunft ein Haupttreiber sein. Vion setzt 70 bis 75 Prozent seiner Produkte in Deutschland ab. Die deutschen Verbraucher sind es, die unser Fleisch auch morgen nachfragen und damit die Konzepte bestimmen.
 
Wochenblatt: Wie sieht es mit der Auslastung der norddeutschen Standorte aus?
Barfuß: Wir sehen Emstek, Lingen und Zeven als eine operative Einheit. Emstek und Zeven sollen voll ausgelastet werden und Lingen fängt die Schwankungen der Märkte auf. Zeven und Emstek sind in diesem Jahr sehr gut ausgelastet. Emstek schlachtet 55.000 bis 56.000 Schweine pro Woche, 2012 waren es 50.000. Die Kapazität liegt bei 60.000 Tieren. Insofern sind wir nahezu ausgelastet und sehr zufrieden. Lingen ist ein spezieller Standort, da das Einzugsgebiet zur einen Seite durch die niederländische Grenze abgeschnitten ist. Wir können ja nicht unseren eigenen Kollegen in Holland Konkurrenz machen.
 
Wochenblatt: In Süddeutschland gibt es noch eine Reihe kleinerer Schlachthöfe . . . Barfuß: . . . über deren Existenz wir sehr glücklich sind. Von hier aus können wir sehr spezifizierte Märkte mit sehr spezifizierten Qualitäten beliefern. Wir alle wissen, dass das bayerische Schwein anders aussieht als das norddeutsche, und diese Metzgerqualitäten haben besondere Absatzmärkte. Gerade die kleineren Standorte fahren sehr ordentliche Ergebnisse ein. Deshalb gibt es derzeit auch keine Pläne, in Süddeutschland einen Standort zu schließen.
 
Wochenblatt: Wo steht Ihr Tierwohllabel zur Zeit?
Barfuß: Das Tierwohllabel hat einen Bekanntheitsgrad von über 50 % – für die kurze Zeit seit der Markteinführung zu Jahresbeginn ist das eine beachtliche Leistung. Es muss doch jedem klar sein, dass nicht per Knopfdruck größere Mengen verfügbar sind. Stallumgestaltung und Auditierung brauchen Zeit, der Vorlauf von konventioneller Mast und Tierwohlprogramm beträgt mindestens ein halbes Jahr. Von der wissenschaftlichen Begleitung versprechen wir uns eine Versachlichung der Diskussion. Es soll deutlich werden, was ist mit welchem Aufwand machbar ist und was ist der Verbraucher am Ende des Tages bereit ist, für mehr Tierwohl wirklich zu bezahlen. Die ersten Erkenntnisse darüber gewinnen wir in der angelaufenen Pilotphase auf einigen regionalen Märkten. Die in Medienberichten geäußerte Kritik, dass die Produkte nicht überall zu kaufen sind, gehen also am Thema völlig vorbei. Wir reden hier über Testmärkte mit derzeit von 600 bis 1.000 Schweinen pro Woche. Diese werden über die drei Handelspartner Edeka in Berlin, Coop in Kiel und Kaiser'sTengelmann in Berlin, Rhein/Ruhr und München/Oberbayern vermarktet.
Das ausführliche Interview mit Vion-Chef Barfuss lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Landwirtschaftlichen Bayerischen Wochenblatts und in der LAND & Forst.

'Tierwohl'-Schweinemast kann sich lohnen

 
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