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Dorf und Familie

Bauer Willi im Interview: 'Provozieren um ins Gespräch zu kommen'

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Redaktion agrarheute, agrarheute
am
30.01.2015

Seine Briefe an den Verbaucher schlagen Wellen über die Landwirtschaft hinaus. Im Interview nennt Bauer Willi Gründe für seine offenen Worte und die Reaktionen auf seine Briefe.

Sein offener Brief "Lieber Verbraucher" wurde auf der Seite fragdenlandwirt.de rund 150.000 mal gelesen und 320 mal kommentiert. Mit seinem zweiten Brief "Entschuldigung lieber Verbraucher" relativierte er seine Aussagen etwas. Die Zeilen von Bauer Willi aus dem Rheinland gingen mittlerweile über die Plattform hinaus und werden im Netz diskutiert. Mit agrarheute.com sprach der Landwirt, der aus persönlichen Gründen noch anonym bleiben möchte, über seine Briefe und die Reaktionen im Netz.

agrarheute.com: Warum haben Sie diesen Brief an den Verbraucher geschrieben?
 
Bauer Willi: Der Artikel hatte einen Vorläufer, das war ein Brief an den "Lieben Nachbar". In diesem Brief erzähle ich, was ich so mache und erlebe. Dieser Brief hatte schon eine große Resonanz. Als ich dann aber von einem Bauern in der Nachbarschaft hörte, was er für seine zu viel gewachsenen Kartoffeln bekommt, ist mir halt der Kragen geplatzt. Und da habe ich diesen Brief verfasst.
 
agrarheute.com: Finden Sie nicht, dass dieser Brief überzeichnet?
 
Bauer Willi: Absolut richtig. Er arbeitet mit den Stilmittel eines schlechten Journalisten: pauschalieren, diffamieren, anklagen. Er überzeichnet bewusst, denn offensichtlich findet man nur so Gehör. Ich habe mich übrigens einen Tag später in einem weiteren Artikel auch dafür entschuldigt.
 
agrarheute.com: Wie haben die Leser denn reagiert?
 
Bauer Willi: Grob lassen sich die Kommentare in drei Klassen zusammenfassen:
1. Du hast ja irgendwie recht;
2. Was geht mich dein Gejammere an;
3. Ich als Verbraucher bin der falsche Adressat. Schuld ist… und dann kommt das Übliche: die Politik, die Konzerne, etc.

Gründe für den zweiten Brief

agrarheute.com: Wie erklären Sie sich die große Resonanz auf diese Verbraucherbeschimpfung?
 
Bauer Willi: Das müssten Sie einen Kommunikationsexperten fragen. Meine Erkenntnis: viele haben den Bezug zu Landwirten und zur Erzeugung der Grundnahrungsmittel verloren. Mit Bauer Willi haben sie eine konkrete Person gefunden, an die sie sich wenden können. Mit ihrer Zustimmung, ihrem Frust oder ihrer Ablehnung. Was ich schreibe ist neben sachlicher Aufklärung auch emotional eingefärbt. Es ist halt authentisch. Und es ist ehrlich. Ich bin niemandem verpflichtet. Ich schreibe so wie mir der Schnabel gewachsen ist. Es schildert meine Situation, die wahrscheinlich aber bei vielen Berufskollegen nicht viel anders ist. Ich will nichts verkaufen, ich äußere meine ganz persönliche Meinung. Die kann man akzeptieren oder nicht.
 
agrarheute.com: Was war der Grund für ihren zweiten Brief "Entschuldigung lieber Verbraucher"?

Bauer Willi: Ich habe einige Kommentare von Menschen bekommen, die mir schrieben, dass sie nicht das Einkommen hätten um sich öfter in der Woche Fleisch zu kaufen oder mehr Geld für Lebensmittel auszugeben. Sei es als ein Hartz-IV-Empfänger oder als alleinerziehende Mutter dreier Kinder. Da dachte ich mir, Donnerkeil, diese Menschen habe ich mit dem Brief vor den Kopf gestoßen, das ist zynisch denen gegenüber. Ich betone aber auch, dass wir in Deutschland keine 80 Millionen Hartz-IV-Empfänger haben.

Rat an den Verbraucher

agrarheute.com: Was raten Sie denn jetzt dem Verbraucher? Wie soll er sich richtig verhalten?
 
Bauer Willi: Ich bin nicht Dr. Sommer von der Bravo. Ich verteile keine Rezepte und will niemand was vorschreiben. Jeder kann sich so ernähren wie er will. Wenn er das Hähnchen für 2,49 Euro oder zehn Eier für 99 Cent kaufen will, soll er das machen. Menschen mit geringem Einkommen haben auch gar keine andere Wahl. Er soll sich nur bewusst sein, dass das nicht anders geht als mit großen Ställen und automatischer Fütterung. Bei Freilandhaltung müssen das Hähnchen oder die Eier teurer sein. Wenn er also billig kauft, entscheidet er an der Kasse, welche Haltungsform er bevorzugt. Er hat danach eigentlich kein Recht mehr sich aufzuregen und uns Bauern anzuklagen, wenn mal wieder über die "Massentierhaltung" berichtet wird. Und schlechte Nachrichten sind ja bekanntlich gute Nachrichten. An unserem Image sind auch die Medien nicht ganz unschuldig. 90 Prozent der Berichte über Landwirte oder Lebensmittel sind negativ eingefärbt. Die positiven können sie mit der Lupe suchen.
 
agrarheute.com: Was ist denn jetzt Ihre Botschaft?
 
Bauer Willi: Nochmal, ich bin kein Pastor. Aber: Sie oder ihre Frau werden morgen wieder einkaufen. Da stehen sie beim Gemüse und lassen ihren Blick über das riesige Angebot schweifen. Und dann fällt die Entscheidung: kaufe ich einen Rosenkohl oder Feldsalat, der auch im Winter frisch aus der Region kommt? Oder Spargel aus Südafrika. Kaufe ich die Äpfel aus Meckenheim oder dem Alten Land bei Hamburg? Oder doch lieber Ananas oder Mangos von wo weiß ich her. Oder gehe ich doch gleich weiter durch zur Tiefkühltheke und hol mir ein Fertiggericht? Sie haben es in der Hand! Ich wollte mit diesem Artikel provozieren um ins Gespräch zu kommen. Allerdings habe ich die Resonanz vollkommen unterschätzt. Jetzt hab ich den Salat!
 
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